rotten
Roman

von Lydia Haider

€ 19,00
Lieferung in 2-7 Werktagen

Verlag: Muery Salzmann
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 184 Seiten
Erscheinungsdatum: 01.09.2016


Rezension aus FALTER 41/2016

Mauthausen mit Mannerschnitten

Mit „Rotten“ knüpft Lydia Haider an ihr kühnes Romandebüt „Kongregation“ an und bleibt auch dem Alten Testament treu

Erst im Vorjahr hat Lydia Haider ihren Debütroman „Kongregation“ heraus­gebracht, der mit unerhörter Sprache einen unerhörten Inhalt aushob: halsbrecherisches Bibel-Pathos, das seine Demontage durch Einschüsse von Banal- und Umgangssprache ätzend selbst besorgt. Eine aufregend ungebärdige neue Literatur­stimme.
Haiders neuer Roman „Rotten“ ist teilweise zur gleichen Zeit entstanden und dem Vorgänger in Struktur, Intention, Handlungsablauf und natürlich im Sound sehr ähnlich. Gleichwohl ist er auch getrennt gültig und lesbar.
Die Autorin stammt aus der Nähe von Mauthausen. Die übermächtige Präsenz des ehemaligen KZs kettet seine Anrainer offensichtlich in einem Maße an die Nazi-Historie und ihre Gräuel, das ihnen die freie Selbstgewinnung erschwert. „Rotten“ versucht einen Befreiungsschlag.
In Anlehnung an die Mythen des Alten Testaments baut Haider eine düstere Gegenwart, eine Welt, die hermetisch geschlossen scheint durch die sich ausweglos wiederholende Geschichte, die Schlechtigkeit des Menschen und durch das Walten eines so unverstehbaren wie unerbittlichen Gottes.

Sieben Wirte sterben an lächerlichen Unfällen, Nachfahren von Nazis. Haider spricht im „Wir“ einer diffusen Gruppe Jugendlicher, die alkoholisch deutlicher markiert ist als ideologisch, mit elterlich „versautem Blut“ und „geplättet von ihrem Denken“. Vage, aber haltbar widerständig, aufsässig gegen die ländliche Gesellschaft, begleitet die Gruppe zwanghaft die mörderischen Vorgänge, in einer „bitterlichen Adhäsion“.
Der zweite Teil, „Deuteronomium“, enthält eine Erinnerungsschwadronade aus der Nazizeit („ja was hätten wir denn machen sollen?“), in „Würgeengel“ trifft die Gruppe am Wirtshaustisch auf Neonazis, konkretisiert ihren Widerstand bis zur Wirtshausrauferei. Geschichte und Schicksal werden von einer rätselhaften Macht exekutiert: Die Neonazis hängen sich entweder selbst auf, begeben sich freiwillig in eine Irrenanstalt oder werden von Unbekannten erwürgt. In „Exodus“ schließlich befreit sich die Gruppe von der Macht der Nazi-Geschichte, indem sie das ehemalige KZ in die Luft sprengt und einfach aus der Historie auswandert.

So weit, so unglaublich. Aber: Die im Roman dargestellte Welt besteht zum Wenigsten aus Realität, auch nicht aus Geschichte und Soziologie, nicht einmal aus Mythologie, sondern in erster Linie aus Sprache. In ihrem Eigenwillen und ihrer Unartigkeit übersteigt/übersteigert sie gerne die Dinge, von denen sie redet, bis hin zur völligen Ablösung von diesen, was die Gefahr der Selbstgenügsamkeit in sich birgt.
Die Sprache des Romans glaubt mehr an sich selbst als an die angesprochenen Dinge. Dennoch bekommt der Leser eine gültige, erlebbare Welt, aber eben zu den Konditionen von Haiders außergewöhnlichem Sprachwillen, der bewusst unrhythmisch ist, Pathos mit Ironie mixt, Lakonie mit Ausschweifung, Bibel mit Banalität. Die zehn Plagen, die Gott im 2. Buch Mose über die Ägypter schickt, sind für unsere Jugendbande kein Problem: Gegen die Stechmücken gibt es Sprays, gegen die Beulenpest Cremen (die dann auch gleich „lästige Wimmerln“ verhindern), und die Heuschrecken machen wenigstens den klebrigen Eiter aus den Pestbeulen weg.

Die Gruppe hat am Ende also ihren Spaß mit der Bibel. Sie setzt sich auf eine Anhöhe und genießt den Anblick des brennenden KZs, „jemand packt sogar Mannerschnitten aus“. Dann verlassen die Protagonisten einfach die finstere Geschlossenheit der Geschichte sowie der Erzählung: „Also ist es der Endsieg der Menschlichkeit, des freien Willens, des guten Denkens.“
Man braucht also nur die Beine zu benutzen und die Koffer zu packen, um in Kants Aufklärung und Humanität zurückzukehren. Schwer zu sagen, ob hier nun erfrischender Mut oder ärgerliche Bedenkenlosigkeit vorliegt. Gewiss ist freilich eines: Der Weg bis zur Urteilsfindung lohnt sich allemal, denn Haiders Ungeniertheit scheint habituell, und die inhaltliche Bedenkenlosigkeit ist vom sprachlichen Mut nicht zu trennen.

Helmut Gollner in FALTER 41/2016 vom 14.10.2016 (S. 11)


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