die verbesserung von mitteleuropa, roman

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Kurzbeschreibung des Verlags:

Ein großes Buch kehrt zurück. Oswald Wieners 'die verbesserung von mitteleuropa, roman' ist ein Monument der österreichischen Avantgarde, um das sich Mythen ebenso ranken, wie ihm anhaltender Nachruhm sicher ist. Der luzide Ideenreichtum und die anarchische Kraft beeindrucken bis heute. Zuerst in der Literaturzeitschrift 'manuskripte' erschienen und 1969 dann in Buchform, bricht dieser 'roman' mit allen literarischen Konventionen. Es ist ein monomanes, witziges und vor allem prophetisches Buch, das lange vor allen weiteren technischen Entwicklungen ein Bild des Cyberspace und der Virtualität entwirft. Die Zurichtung des Individuums erfolgt in der kritischen Anwendung der Kybernetik durch Wiener nicht nur durch die Sprache, sondern zunehmend auch durch technische Systeme. Im Konzept des 'bio-adapters' entfaltet Wiener das Glücksversprechen eines Glücksanzugs in der Fusion von Mensch und Maschine, das er aber zugleich unterläuft; es geht vor allem um die Abkehr von der Auffassung, die Sprache sei die größte und wichtigste menschliche Erfindung überhaupt, die Grundlage menschlicher Kreativität. Oder anders formuliert: 'aus vielen sätzen folgt erst recht ein schmarrn.'

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FALTER-Rezension

„Dem Gulda schulde ich noch eine Watsch’n“

Als Mitglied der Wiener Gruppe und Beteiligter an der „Uni-Ferkelei“ erwarb sich Oswald Wiener den Ruf eines notorischen Unruhestifters. Nun liest er noch einmal in Wien. Im Gespräch gab er freundlich Auskunft über seine kindheitliche Begeisterung für den Krieg und seine Liebe zum Jazz

Es gibt wenige Figuren im geistigen Leben der Zweiten Republik, die auf eine derart abwechslungsreiche Vita zurückblicken können wie Oswald Wiener. Mitte der 1950er-Jahre befand er sich als jüngstes „Mitglied“ der Wiener Gruppe im Epizentrum der österreichischen Nachkriegs­avantgarde zwischen Konkreter Poesie, bildender Kunst und Happening. Die Beteiligung an der Aktion „Kunst und Revolution“ am 7. Juni 1968, ihres Genital- und Fäkalanteils wegen auch „Uni-Ferkelei“ genannt, führte zu Gefängnisstrafen für Otto Muehl, Günther Brus und Oswald Wiener, der sich die beiden Letzteren durch Flucht nach Berlin entzogen.

Dort gründete Wiener mit seiner Frau Ingrid das legendäre Lokal Exil, in dem Vertreter der lokalen und internationalen Kunstwelt von David Bowie und Iggy Pop bis Helmut Newton und Martin Kippenberger ein und aus gingen. Von der Literatur, zu der er mit seinem alles andere als romanhaften Buch „die verbesserung mitteleuropas, roman“ (1969) einen wesentlichen Beitrag geleistet hatte, verabschiedete sich Wiener wieder, um sich forthin einer Synthese aus Kognitionswissenschaften, Kunst und Philosophie zu widmen.

Punktgenau an seinem 84. Geburtstag wird Wiener nun im Rahmen des Festivals „Gebenedeit sei die Wut deines Leibes“ aus der „verbesserung“ lesen – und zwar den Abschnitt „PURIM. Ein fest“. Das Stück besteht hauptsächlich aus elaborierten Regieanweisungen, die festhalten, wie die insgesamt 35 durchnummerierten und im Saal verteilten Schauspieler („es können auch weiber sein“) einzelne Personen im Publikum ebenso willkürlich wie systematisch verdreschen und misshandeln: „9 und 2 könnten im vorbeigehen gleich einen mitnehmen, der aussieht wie ein schriftsteller. dem werden mit einer bierflasche die jochbogen zerdroschen.“

Das Interview mit Oswald Wiener fand im Café Wien in Mürzzuschlag statt, wo dieser ein Symposion besuchte, das der Sprachkunst seines Freundes und einstigen Wiener-Gruppe-Mitstreiters Gerhard Rühm gewidmet war. Die verkehrsbedingte Verspätung des aus Wien angereisten Falter-Teams nahmen Wiener und dessen Frau Ingrid, die während des Gesprächs am Nebentisch saß, verständnisvoll hin. Im Gespräch selbst gab Oswald Wiener mit leiser Stimme, aber gut gelaunt Auskunft über Dinge, die nicht ganz so bekannt sind, wie die eingangs erwähnten Lebensstationen.

Falter: Hat Fritz Ostermayer, der Leiter der Schule für Dichtung, Sie lange beknien müssen, damit Sie noch einmal aus der „verbesserung von mitteleuropa“ lesen?

Oswald Wiener: Nein, ein gemeinsamer Freund hat mich angeschubst. Das Buch ist 50 Jahre alt, und ich bin heute nicht mehr derjenige, der das geschrieben hat. Dass es geblieben ist und wahrscheinlich weiterhin bleiben wird, ist nicht unangenehm. Aber dass ich mich noch immer als dafür verantwortlich zeigen muss, quält mich etwas. Es gibt eigentlich auch nur wenige Passagen, die ich freiwillig vorlesen würde, und diejenige, die ich lesen soll, gehört nicht dazu.

Wie waren denn die Reaktionen auf die „verbesserung“, als das Buch erschienen ist?

Wiener: 6000 verkaufte Exemplare, das war für so ein Buch schon unglaublich, zumal, wenn man bedenkt, dass keine einzige kompetente Rezension erschienen ist.

Es wurde von der Kritik ignoriert?

Wiener: Nein, jeder hat darüber geschrieben – aber halt nur Blödsinn.

Ein solches Buch wäre heute wahrscheinlich gar nicht möglich. Wie hat denn der Lektor reagiert?

Wiener: Das ist anders gelaufen. Ich hatte von Suhrkamp und Luchterhand je 1000 Mark Vorschuss erhalten, die ich nie zurückgezahlt habe. Das Buch ist dann aber bei Rowohlt erschienen, weil Ledig-Rowohlt (der Verleger Heinrich Maria Ledig-Rowohlt, Anm.) und ich einander sympathisch waren, und wir haben uns schnell darauf geeinigt, dass wir keinen Lektor brauchen. Obwohl es an den meisten Stellen wie hingeschludert wirkt, ist das ein vollkommen durchkalkuliertes Buch, in dem sehr viel Arbeit steckt.

Wie lange haben Sie denn daran geschrieben?

Wiener: Ich habe es 1962 begonnen, erschienen ist es 1969.

Sie haben kontinuierlich daran gearbeitet?

Wiener: Mehr oder weniger. An den Abenden halt, denn tagsüber habe ich ja bei Olivetti gearbeitet.

Wofür waren Sie dort zuständig?

Wiener: Für Datenverarbeitung. Ich habe als Verkäufer von Rechenmaschinen begonnen, in der Hoffnung, dass ich eine schnelle Karriere machen und die Chance bekommen würde, mit Computern zu arbeiten. Die Karriere habe ich gemacht, aber bei Olivetti haben sie sich verkalkuliert und statt des geplanten Computers Lochstreifenmaschinen gebaut, die ich auf den österreichischen Markt bringen sollte.

Die „verbesserung“ ist verfasst von einem Angry Young Man. Sind Sie inzwischen altersmilde geworden?

Wiener: Nein, ich habe nur eingesehen, dass die Wut aussichtslos ist. Damals habe ich wirklich gehasst, was aber eigentlich ungerecht und dumm war, weil die Menschen, die ich gehasst habe, nichts dafür konnten.

Wen oder was haben Sie gehasst?

Wiener: Die Repräsentanten der sogenannten Hochkultur. Die waren für einen Außenseiter wie mich unerträglich und in gewissem Sinne natürlich auch unerreichbar.

Abgewatscht werden in „PURIM“ aber Ihren Regieanweisungen zufolge auch Menschen, die zum Beispiel aussehen wie Bessie Smith oder John F. Kennedy.

Wiener: Was natürlich impliziert, dass es wurscht ist, wie man aussieht. Es ist buchstäblich ein Rundumschlag.

Hier gibt es Berührungspunkte mit Heimito von Doderers „Merowingern“, die 1962 erschienen sind. Die Genese von „PURIM“ ist im Text selbst exakt festgehalten: „begonnen am 25. april 1964 nach einer älteren idee“, steht da zu lesen.

Wiener: Die Idee ist sogar älter als „Die Merowinger“. Ich hab das Buch nie ganz gelesen, aber es ist natürlich eine der Quellen.

In welcher Beziehung standen Sie zu Doderer?

Wiener: Ich war damals der jüngste und unwichtigste in diesem Freundeskreis, der später als Wiener Gruppe bezeichnet wurde. Doderer hat zwar nicht verstanden, was wir gemacht haben, aber es hat ihn sehr belustigt, dass Friedrich Achleitner, der sein Liebling war, ein Exerzierreglement in die hohe Literatur eingeführt hat. Und er hat auch gesehen, dass wir keine dahergelaufene Rotzlöffel sind, sondern schon ziemlich viel wussten, auf manchen Gebieten auch mehr als er, der ja einen ganz anderen Bildungsweg hatte: Was er in seiner Studie über den Roman geschrieben hat, war eigentlich damals schon ziemlich altmodisch.

Doderer war aber genau einer jener Repräsentanten der Hochkultur, gegen die sich Ihre Wut gerichtet hat?

Wiener: Deswegen ist das Stück ja auch ihm gewidmet. Ich habe ihn aber nicht gehasst, sondern lediglich eine große Distanz ihm gegenüber gehabt. Er hat allerdings einige Sachen geschrieben, die ich nicht ganz schlecht finde: „Ein Mord den jeder begeht“ oder „Die Posaunen von Jericho“.

Ist es nicht auffällig, dass die Avantgarde oft ein recht affirmatives Verhältnis zur Gewalt hat?

Wiener: Kunst ist Kunst, und meine Einstellung zur Gewalt spiegelt sich nicht in „PURIM“ wider. Es war aber wichtig für mich, diese Provokation zu leisten, und es war natürlich klar, dass sich jedem aufrechten Bürger die Haare aufstellen müssen.

Im richtigen Leben waren Sie nicht gewalttätig?

Wiener: Ich war nicht faul, wenn’s um Schlägereien gegangen ist, aber ich habe niemanden angestänkert, sondern mich bloß gewehrt.

Und in der Schule?

Wiener: Es hat mich nie lange an einer gehalten. Das ist aber eher an den Zeitläuften gelegen als an meinem Charakter. Die waren so verrückt, dass sich jüngere Menschen gar kein Bild davon machen können. Mein Vater wurde als Widerständler der ersten Stunde gleich nach dem Einmarsch verhaftet. Ich war damals vier und habe ihn erst mit zehn Jahren wieder gesehen.

Wie haben Sie den Krieg erlebt?

Wiener: Die Erwachsenen sind in den Luftschutzkellern gesessen, die im Falle eines Treffers eh nichts genutzt hätten, haben geschrien, gezittert und ganz auf ihre Kinder vergessen, die längst auf der Straße waren: „Ui, da kommt wieder einer – (simuliert Fluggeräusche) – wumm!“ Das Geräusch der viermotorigen Bomber habe ich heute noch im Ohr.

Und da haben Sie sich nicht gefürchtet?

Wiener: Nein. Für uns Kinder waren das wunderbare Erlebnisse. Die Bombenangriffe auf Wien waren unglaublich. Ich war damals im Burgenland, und von dort aus hat man gesehen, wie die Flugzeuge die sogenannten „Christbäume“ abgeworfen haben.

Waren das Brandbomben?

Wiener: Nein, das waren mithilfe von Fallschirmen abgeworfene bengalische Lichter, die die Ziele markiert haben. Dahinter kamen dann die Bomber. Das hat eine Stunde lang gedauert. Im Nordwesten hat es geblitzt und gedonnert, und wenn man sich umgedreht hat, konnte man die näher rückende Front sehen. Es war sehr aufregend.

Das klingt ein bisschen nach Abenteuerspielplatz.

Wiener: So in etwa. Wir haben eine verlassene Villa vandalisiert und den Marmor runtergeschlagen. Welches Kind kann das heute machen?! Als meine Mutter mit mir auf Sommerfrische in Gresten (niederösterreichische Gemeinde im Bezirk Scheibbs, Anm.) war, sind die Panzer auf der Wiese gestanden. Wir haben Maschinengewehre gefunden und damit auf Rehe geschossen.

Nein!

Wiener: Na, sicher. Als Zehnjährige. Schon mit 15 hätte ich das nicht mehr gemacht.

Was hat Sie ins Burgenland gebracht?

Wiener: Als die Amis schon am Rhein standen, ist mein Vater aus dem Gefängnis in Duisburg entkommen. Er hat sich nach Wien durchgeschlagen und eine Stelle als Lohnverrechner bei einer Baufirma in Apetlon gefunden. Da war ich in den letzten Kriegstagen ein paar Wochen bei ihm.

Wann haben Sie eigentlich begonnen,
sich für den Jazz zu interessieren?

Wiener: Den habe ich auf Blue Danube Network entdeckt, einem Sender für die amerikanischen GIs. Ich war etwa zwölf und in einem Heim.

Wieso das?

Wiener: Ich war schon aus zwei Schulen rausgeflogen.

Sie waren verhaltensoriginell?

Wiener: Ja, es ist mir alles ganz leicht gefallen und ich habe nichts ernst genommen. Zuerst war ich für ein Jahr bei den Schotten, dann bin ich auf die Stubenbastei und schließlich aufs Bundeskonvikt für Knaben in der Schützengasse gegangen.

Was wurde dort mit Ihnen gemacht?

Wiener: Das war keine Anstalt für Schwererziehbare, sondern ein Internat, wo mich meine Eltern loswerden konnten. Ich weiß auch nicht, warum, aber ich muss unerträglich gewesen sein. Und ich habe mir von meinem Vater nichts sagen lassen. Was wusste der schon?

Und Ihre Mutter?

Wiener: Hat mich geliebt und total verzogen.

Wie kommen wir wieder
zum Jazz zurück?

Wiener: Ach ja. Wir Buben im Konvikt haben die Lautsprecher aus den Hörern der öffentlichen Telefonzellen rausgeschraubt, haben uns in einer Chemikalienhandlung Germaniumkristalle gekauft und mit Drähten Radioapparate gebastelt. Sobald das Licht im Schlafsaal ausging, haben wir das einzig zu empfangende Programm gehört – eben Blue Danube Network, also täglich 24 Stunden Wunschkonzert für amerikanische Soldaten mit schauerlichem Geschmack. Ein- oder zweimal die Woche kam aber auch ein Jazzstück, und der „Honky Tonk Train Blues“ von Meade Lux Lewis hat mich elektrisiert! Aus dieser Zeit stammt mein Wunsch, Jazztrompeter zu werden.

Wer waren Ihre Idole?

Wiener: Ursprünglich natürlich Louis Armstrong. Ich wollte schwarzen New Orleans Jazz spielen, und in der Band des Klarinettisten George Lewis gab’s einen Trompeter, der zwar nicht gut spielen konnte, aber einen unglaublichen Ton hatte, von dem ich geträumt habe. Wie ich den Jazz weiter verfolgt habe, ist eine eigene Geschichte.

Die interessiert mich!

Wiener: Na, gut. Als ich 14 war, habe ich von einem Klub erfahren, der hieß Hot Club de Vienne und war in der Philharmoniker Straße im ersten Stock über einem Café. Ich bin in kurzen Hosen am Nachmittag raufgegangen und habe zufällig jemand getroffen. Der hat mich gefragt, was ich will, und ich habe gesagt: „Ich möchte Mitglied werden.“ „Da musst du am Abend wiederkommen.“ „Da kann ich nicht, da bin ich im Heim.“ Offenbar hatte ich aber das Interesse des Herrn gewonnen, und er hat mich für den Samstagnachmittag herbestellt, wo sich lauter mittelalte bis ältere Herren getroffen haben, die begeistert ­waren, dass sich ein Bub für Jazz interessiert.

Wie sind Sie denn an die Musik herangekommen?

Wiener: Irgendjemand hat Columbia Records überredet, in Österreich eine 78er-Platte mit zwei Stücken von Louis Armstrongs Hot Five herauszubringen: „Cornet Chop Suey“ und „Muskrat Ramble“. Mithilfe eines Koffergrammofons, das ich an das Radio meiner Eltern angeschlossen habe, konnte ich die hören. Über den Hot Club kam ich schließlich an die Adresse eines Jazzclubs in New Orleans, den ich angeschrieben habe, worauf ich dort aufgrund meiner Jugend zum gebührenbefreiten Ehrenmitglied wurde und deren Broschüren geschickt bekam. Die hieß „The Second Line“, was für einen New-Orleans-Jazz-Fan ein fixer Begriff ist: The second line sind die jungen Menschen, die auf dem Gehsteig tanzen, wenn die Band zum Beispiel zum Friedhof zieht.

Und daraus haben Sie sicher
entscheidende Informationen bezogen?

Wiener: Ja, nämlich die Adresse eines Plattenhändlers aus Basel, der in der Schweiz alles das herausgebracht hat, was ich mir gewünscht habe.

Woher wussten Sie denn überhaupt,
was es gibt?

Wiener: Ich hatte im Information Center, dem amerikanischen Propagandabüro, ein Exemplar von Rudi Bleshs Buch „Shining Trumpets“ gestohlen. Das enthielt einen Katalog aller Aufnahmen, die ein ­echter Jazzfan kennen muss. Und alles das ­hatte der Schweizer Plattenhändler! Also bin ich zwei Monate auf den Bau arbeiten ­gegangen …

Waren Sie da noch in der Schule?

Wiener: Ja, aber nicht mehr im Konvikt, aus dem ich nach zweieinhalb Jahren auch rausgeflogen bin, sondern im Gymnasium in der Krottenbachstraße – es war ein beständiger Abstieg.

Und mit dem Geld, das Sie am Bau verdient haben?

Wiener: Bin ich nach Basel geradelt und habe 20 Platten gekauft – nicht mehr Schellack, aber auch kein Vinyl. Die sind übrigens schuld daran, dass ich unter die Dichter geraten bin. Wieder so eine krause Geschichte.

Bitte erzählen Sie!

Wiener: Als ich 16 war, habe ich am Graben einen jungen Mann mit Posaunenkoffer angesprochen: „Tschuldigung, ist das eine Posaune?“ Hat er mürrisch „Ja“ gesagt und in die andere Richtung geschaut. „Was spielen Sie denn für eine Musik?“ „Jazz.“ Als ich gesagt habe, dass ich auch Jazz spiele, hat er sich langsam zu mir umgedreht. Als ich ihm von meinen Platten erzählt habe, wurde er hellhörig. Das waren damals unglaubliche Raritäten und ich war vermutlich der Einzige in Wien, der diese Platten besaß. Er hat mir zunächst nicht geglaubt, kam aber am nächsten Tag zu mir und hat sich davon überzeugt, dass ich die tatsächlich habe. Am Sonntag hat er mich in Begleitung eines Schulfreundes besucht, und der hieß Konrad Bayer.

Und der Mann mit der Posaune war wer?

Wiener: Der hieß Walter Terharen.

Das war der Mann, in dessen Gruppe Wirkliche Jazzband Sie dann gespielt haben?

Wiener: Das ist die Frage, ob das seine oder meine Band war. Wir haben Sie jedenfalls gemeinsam ins Leben gerufen. Über den Konrad bin ich in den Strohkoffer gekommen, da hatte ich dann allerdings schon lange Hosen an, St.-Germain-Outfit: schwarzer Parallelo-Pullover und Schnürlsamthosen – das war damals die Uniform der 30 Avantgardisten Österreichs.

Wie weit haben Sie es denn gebracht als Musiker?

Wiener: Ich war wirklich fanatischer Jazzfan und so besessen, wie andere vielleicht erotisch besessen sind. Vor dem Einschlafen habe ich zu King Oliver gebetet: „King, du musst mir helfen!“ Dass ich nicht besonders gut bin, habe ich schon geahnt, habe es aber zehn Jahre lang nicht zugeben können.

Wo sind Sie aufgetreten?

Wiener: Wir waren Amateure, und der bedeutsamste Auftritt war ein Engagement in der Adebar, das über Monate ging. Aber trotz meines Fanatismus war ich nicht in der Lage, mich dauerhaft darauf einzulassen. In diesem Fall waren es immerhin zehn Jahre.

Wann haben Sie aufgehört?

Wiener: 1956 oder 1957.

Das war die große Zeit des Cool Jazz. Haben Sie den wahrgenommen?

Wiener: Schon, aber es war nicht meine Linie. Ich wollte eine Mischung aus Thelonious (Bebop-Pianist Thelonious Monk, Anm.) und New Orleans machen. Es ist allerdings beim Programm geblieben. Ich war musikalisch einfach nicht begabt genug. Thelonious war nicht cool. Cool waren …

Chet Baker und Gerry Mulligan.

Wiener: Genau – „Moonlight in Vermont“ (spielt pantomimisch Saxofon und summt das Intro).

Stimmt es, dass Konrad Bayer seine Mulligan-Platten vernichtet hat, nachdem er Ornette Coleman gehört hat?

Wiener: Nein, das ist ein Gerücht. Er hatte das Mulligan-Baker-Quartett, aber keinen Thelonious.

In dem Film „Sonne halt“ tanzt Konrad Bayer zu Monks „Let’s Call This“ „sehr einfache Schritte“, wie es heißt. Wer hat die Musik ausgesucht? Regisseur Ferry Radax?

Wiener: Möglich. Oder auch der Konrad. Gekannt hat er Monk schon, aber er hatte keine Platten von ihm. Er hatte überhaupt keine große Sammlung, und die Musik war nicht so wichtig in seinem Leben.

Haben sich die diversen Szenen vermischt?

Wiener: Natürlich. Nicht wenige verkehrten gleichzeitig in verschiedenen Gruppen. Irgendwann hat es dann begonnen, sich zu sondern. Die Wiener Gruppe ist sich schon sehr elitär vorgekommen. Davor gab es aber eine große Offenheit. Konrad Bayer hat zum Beispiel den Ernst Fuchs über alles geschätzt. Ich habe den nicht ertragen.

Weil er ein Kitschist ist?

Wiener: Furchtbar! Aber mit Arnulf Rainer oder Maria Lassnig sind wir alle gut zurechtgekommen.

Was war mit Leuten wie Friedrich Gulda?

Wiener: Der war selber unglaublich arrogant, ist ganz selten im Strohkoffer aufgetaucht und hat ein bissl am Klavier herumgestochert, das hauptsächlich von Uzzi Förster besetzt war. Dem Gulda schulde ich noch eine Watsch’n. Er ist aber leider gestorben, bevor ich sie ihm geben konnte.

Womit hat er sich die verdient?

Wiener: Wir saßen in einem Lokal, wo klassische Musik im Radio gespielt wurde. Ich habe aber nicht drauf geachtet und ganz normal weitergesprochen. Ich hasse Musik in Lokalen! Jedenfalls hat er mit einem Papierknäuel nach mir geworfen und „gusch!“ gesagt. Ich habe ihm angedeutet, was ihn erwartet, wollte aber auch nicht gleich aufstehen und ihm eine reiben. Da ist er verschwunden. Und auf einmal ist der Kerl tot.

Wenn Sie heute Musik hören, was ist das?

Wiener: Ich höre immer weniger, und wenn, dann muss es ganz weird sein, damit es mich noch fesselt. Ich komme mir vor wie ein alter Lüstling, der nur noch durch ganz starke und eigenartige Reize erregt werden kann. Momentan höre ich Platten, die mir ein italienischer Freund geschickt hat: primitive Vokalmusik aus einem sardischen Dorf. Aber das kann man natürlich auch nicht die ganze Zeit hören.

Klaus Nüchtern in Falter 40/2019 vom 04.10.2019 (S. 28)


Aufstand gegen die abgerundete Welt

Oswald Wieners legendärer Essay "verbesserung von mitteleuropa, roman" wurde endlich wieder aufgelegt

So rotzig, frech, eigensinnig, anmaßend klug und unausweichlich konnte Literatur einstmals sein. Ursprünglich 1969 bei Rowohlt erschienen und seit längerer Zeit vergriffen, liegt Oswald Wieners "verbesserung von mitteleuropa, roman" jetzt in einer Neuausgabe vor. Es ist ein Buch aus einer anderen Epoche des Schreibens. Deren Anspruch war riesengroß, denn nicht bloß um eine Verbesserung von Mitteleuropa geht es hier, sondern um den Versuch, die Welt insgesamt anders zu sehen.
"Wenn der leser", so schreibt Wiener in einer Art Nachbemerkung, "einen gewinn aus der lektüre meines buches ziehen kann, so wird das, hoffe ich, ein gefühl davon sein, dass er sich mit aller kraft gegen den beweis, gegen die kontinuität und die kontingenz, gegen die formulierung, gegen alles richtige, unabwendbare, natürliche und evidente richten muss, wenn er eine entfaltung seiner selbst – und sei es auch nur für kurze zeit – erleben will. möge er bedenken, welcher kraft, welchen formats es bedarf, gegen eine im großen und ganzen abgerundete, stimmige, einhellige welt aufzustehen, wie sie uns in jedem augenblick an den kopf geworfen wird."

Eine provokative Kraft zur Entfaltung eines anderen und vielleicht auch besseren Selbst eignet der "verbesserung" bis heute. Längst freilich ist der "roman", der keiner ist, zu einem "Kultbuch" der österreichischen Avantgarde geworden.
Dabei weiß man nicht wirklich zu sagen, ob es sich dabei eher um ein literarisches Vermächtnis der Wiener Gruppe oder einen ganz neuartigen wissenschaftlichen Essay handelt. Eine bundesdeutsche Literaturprofessorin wollte unlängst wissen, ob der Text nun ernst oder ironisch gemeint sei. Für Österreich und Oswald Wiener kann die Antwort nur lauten: beides – und zwar sehr.
Die "verbesserung" liegt an einem ­Kreuzungspunkt von Literatur und Wissenschaft und sieht auch wie eine wissenschaftliche Abhandlung aus: mit Personen- und Sachregister, Vorwort und Literatur­verzeichnis. Neben einer Unmenge an ­spezifischer Fachliteratur (auch aus der damals noch sehr jungen Disziplin der Kybernetik) finden sich dort auch so liebliche Dinge wie "ahörnchen und behörnchen" verzeichnet.

Einer der wesentlichen Ansatzpunkte ist die Sprachphilosophie des frühen Ludwig Wittgenstein. Von der Überzeugung, dass die Probleme der Philosophie sprachliche ­Probleme seien und als solche über eine Analytik der Sprache gelöst werden könnten, setzt sich Wiener hier aber zusehends ab.
Auch die Konzepte des späten Wittgenstein, denen zufolge die Bedeutung von Sprache eine Frage ihres Gebrauches sei, lässt Wiener hinter sich. Für ihn stellt sich das Denken selbst als ein nicht-sprachlicher Prozess dar. In "Vorstellungsbildern", die erst später im Schreiben in Zeichenketten umgewandelt werden und im Akt des Lesens anhand dieser Zeichenketten neu rekonstruiert werden, funktioniert oder misslingt seiner Auffassung zufolge Kommunikation.
In seinen späteren, bis heute fortgesetzten kognitionswissenschaftlichen Arbeiten, die auf der Methode der Selbstbeobachtung basieren, entwickelte Wiener eine ganze Theorie. In der "verbesserung" liegt davon erst ein erster Ansatz vor, aber es reicht, um die Literatur und jenen literarischen Verfahren, die Wiener im ersten Teil des Buches selbst erprobt, einer radikalen Kritik zu unterziehen.
Die Ausführungen zum Bio-Adapter verdanken ihre Bekanntheit wohl auch dem Umstand, dass die technische Realisierbarkeit des beschriebenen Apparats zusehends wahrscheinlicher wird. Es handelt sich dabei um einen Anzug, der sich über die Haut seines Trägers legt, sich mit dessen Nerven verbindet und diesem die jeweils gewünschte Außenwelt simuliert; wobei der Adapter jenen Nutzern, die von ihm und der sofortigen Wunscherfüllung genug haben, auch den Ausstieg aus diesem vorzumachen vermag.
Das Nachwort, das der Literaturwissenschaftler Thomas Eder zur Neuausgabe der "verbesserung" beigesteuert hat, liest sich streckenweise so, als hätte es Oswald Wiener selbst geschrieben. Offenbar hat der ansonsten mit Selbstkommentaren sparsame Autor ausführlichere Gespräche mit Eder geführt, und so erfahren wir auch, dass sich Wiener während der Arbeit an der "verbesserung" zusehends in einen Wahn des Kontrolliertwerdens, des Sich-nicht-entfalten-Könnens, des Verhindert- und Überwachtwerdens hineingesteigert hat. Auch daraus mag sich der Zorn erklären, der in dem Buch steckt.

Tatsächlich ist die "verbesserung" auch ein Buch des Aufruhrs und der ungezügelten Gewalt. In dem Kapitel "PURIM. ein fest", das Heimito von Doderer (wohl als Reverenz vor dessen Choleriker-Roman "Die Merowinger") gewidmet ist, wird eine Theateraufführung beschrieben, bei der das gesamte Publikum von den Schauspielern, die nichts anderes als eine paramilitärische Einsatztruppe sind, bestialisch verprügelt wird. Wobei in dieser radikalen Variante der Publikumsbeschimpfung die damaligen Exponenten nicht allein der Wiener Kulturszene namentlich genannt werden.
Es ist interessant, dass diese Exzesse dann doch wieder in ein explizit literarisches Bezugsfeld gesetzt werden, sodass die "verbesserung" das Konzept der Literatur nicht nur von außen attackiert, sondern auch von innen aufsprengt.
Das verleiht ihr den unverkennbaren Stil: Von Max Stirner borgt das Buch die Respektlosigkeit, von Wittgenstein den Drive und von Konrad Bayer den Witz. Gründe genug, es wieder (und wieder) zu lesen.

Klaus Kastberger in Falter 41/2013 vom 11.10.2013 (S. 19)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ReiheÖsterreichs Eigensinn
ISBN 9783990270059
Erscheinungsdatum 01.08.2013
Umfang 224 Seiten
Genre Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Format Buch
Verlag Jung u. Jung
Herausgegeben von Thomas Eder, Bernhard Fetz
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