Der Zögling Tjaž
Roman und Nachschrift

von Florjan Lipuš, Fabjan Hafner, Bernhard Fetz

€ 25,00
Lieferung in 2-7 Werktagen

Übersetzung: Peter Handke
Übersetzung: Helga Mračnikar
Übersetzung: Johann Strutz
Verlag: Jung u. Jung
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 326 Seiten
Erscheinungsdatum: 07.09.2016


Rezension aus FALTER 48/2016

Das Zerkratzen der Ordnung

Der furiose Roman „Der Zögling Tjaž“ des Kärntner Slowenen Florjan Lipuš ist endlich wieder lieferbar

Als du ein Winzling warst, hast du dem Vater einst das Essen zur Holzfällerhütte getragen, der Vater hat dir mit Worten und den Händen den Weg anzusagen versucht (…). Der Vater ist niemals ein Meister des Redens gewesen (…). Kein Wunder, wenn du in die Irre gegangen bist und weder den Vater noch die Hütte gefunden hast, mitten im Wald hast du dich verloren (…). In der Bedrängnis hast du dich bergab treiben lassen, und die Überzeugung, daß du dich einmal rächen würdest, auch wenn du nicht wußtest, wo und wann, irgendwie, in ferner Zukunft, hat sich im Herzen verfestigt.“
Jahre später wird aus dem zum Jugendlichen herangewachsenen Buben der Zorn herausbrechen. Lange war er ein unauffälliger, braver, ordentlicher Schüler und Internatszögling. Eines Tages beginnt Tjaž (die slowenische Kurzform für Matthias) an der Ordnung zu kratzen, und zwar im wahrsten Sinne des Wortes: Anders als Oskar Matzerath in Günter Grass’ „Blechtrommel“ trommelt er nicht, sondern verfügt über die Fähigkeit, durch die Kraft seiner Gedanken Dinge zu zerkratzen – Schuhe, Fensterscheiben, Heiligenfiguren.
Als er sich eines Nachts in die Kirche der Anstalt einschleicht – dort, wo er sonst manchmal mit seinem Schnarchen die Messe stört –, um den hölzernen Heiligen zu zerkratzen, wird Tjaž auf frischer Tat ertappt. Zuerst scheint es, als hätten seine anarchischen Akte darauf abgezielt, einen Schulverweis zu bewirken. Dann stellt sich heraus, dass der Rebell mit seiner neuen Freiheit nichts anzufangen weiß. Am nächsten Tag springt er in den Tod.
In seinem ersten, ursprünglich 1972 erschienenen Roman berichtet Florjan Lipuš vom kurzen Leben, stummen Aufbegehren und ohne Vorankündigung vollzogenen Selbstmord eines Zöglings. Das Buch steht auch über 40 Jahre danach immer noch beispiellos da.

Mit anderen Internatsromanen lässt es sich kaum vergleichen, handelt es doch nicht von Züchtigung oder Missbrauch, den Tjaž von Aufsichtspersonen oder Mitschülern erfahren würde – nichts davon geschieht in dem Roman. Vielmehr dreht er sich um den inneren Aufruhr des an der Schwelle zum Erwachsensein stehenden jungen Mannes. Auch sprachlich ist er von einer Eigenständigkeit und Dringlichkeit, wie sie in der zeitgenössischen Literatur ihresgleichen sucht.
Das hat auch mit der Situation des Schriftstellers Florjan Lipuš zu tun, der der slowenischen Minderheit in Kärnten angehört. Anders als andere Kärntner Slowenen wie Maja Haderlap, die irgendwann die Sprache wechselten, nun auf Deutsch schreiben und dadurch eine größere Leserschaft erreichen, ist er der Muttersprache immer treu geblieben.
Nicht zuletzt, weil es sich um die Sprache der Mutter handelt, die von den Nazis abgeholt wurde, als er sechs Jahre alt war, und im Krematorium des KZ Ravensbrück verbrannte. Dass nichts an sie erinnerte und ihr Name auf keiner Gedenktafel verzeichnet wurde, ist die große Kränkung in Lipuš’ Leben – und gleichzeitig der mächtige Antrieb seines Schreibens.
So lässt sich der „Zögling Tjaž“ mit ein wenig interpretatorischer Freiheit auch als das Aufbegehren eines jungen Kärntner Slowenen verstehen.

Das Buch gibt dem Leser viel Spielraum für eigene Gedanken, denn erklärt wird darin kaum etwas und auch vor billiger Figurenpsychologie scheute der Verfasser zurück. In der Nachschrift, die er für die würdige Neuauflage des Romans verfasst hat, wird der Autor um einiges deutlicher und macht so auch die Intention seiner Literatur klarer.
Florjan Lipuš setzt sich in dem Text quasi mit Tjaž gleich. So wie dieser an Sonntagen in die Tasten einer alten Schreibmaschine drosch, um der Leere zu entfliehen, so gründete er mit ein paar Kollegen eine slowenischsprachige Literaturzeitschrift.
Weil er am Slowenischen festhielt, brachte Lipuš sich um größere Bekanntheit. Erst neun Jahre nach der slowenischen Publikation wurde „Tjaž“, auf Anregung und unter Mithilfe von Peter Handke, ins Deutsche übersetzt. Nachdem er jahrelang vergriffen war, ist dieses kompromisslose Werk – eines der wichtigsten der
heimischen Literatur seit 1945 – endlich wieder lieferbar. Der dringend fälligen Verleihung des Staatspreises für österreichische Literatur an Florjan Lipuš sollte damit nichts mehr im Wege stehen.

Sebastian Fasthuber in FALTER 48/2016 vom 02.12.2016 (S. 43)


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