Selbstbiographie

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Kurzbeschreibung des Verlags:

Dreimal hat die Akademie der Wissenschaften in Wien Franz Grillparzer aufgefordert, Näheres über seine Lebensumstände mitzuteilen – dreimal vergeblich. Und doch hat er die Aufforderung zum Anlass genommen, im umfangreichsten Prosatext, den er hinterlassen hat, davon zu berichten, »wie es kam«. Seltsam, dass das Manuskript von
1853 stammt, da hatte Grillparzer noch fast 20 Jahre zu leben. Und seltsam auch, dass es in der Beschreibung seines Lebens nur bis 1836 reicht. Zwei Jahre später zieht er sich nach dem Skandal um Weh dem, der lügt! aus der Öffentlichkeit zurück und schreibt fortan nur mehr für die Nachwelt. Handelt die Selbstbiographie also davon, wie
es kam, dass es endete, weit vor der Zeit? Grillparzer erzählt von den Anfängen, von seiner Kindheit, der Wohnung der Eltern, seiner Lesebegeisterung, dem Tod der Mutter; von seinen Erfolgen und dem, was sie ihm verleidet; von seiner Existenz als Beamter, die ihm täglich widerlicher wurde; von Reisen und davon, dass ihm das Reisen
zuwider war, von seiner Begegnung mit Papst und Goethe, von nagenden Versäumnissen und von kurzen Momenten des Glücks.

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FALTER-Rezension

Grillparzers Nöte mit der Zensur und Goethe

In seiner „Selbstbiographie“ erweist sich Franz Grillparzer als psychologisch scharfsinniger Analytiker der Macht

Unter den nicht eben wenigen Grantlern und Misanthropen, die die österreichische Literatur bevölkern, ist Franz Grillparzer so etwas wie der Hofrat der Mieselsucht. Wer ihn nur als Dramatiker kennt, als der er sich den fragwürdigen Ruhm eines nationalen Klassikers und Pflichtlektürelieferanten erworben hat, läuft freilich Gefahr zu übersehen, dass der Mann auch unfassbar lustig sein konnte. Und zwar nicht nur in seinen satirischen Texten, wie der grandiosen „Freischütz“-Parodie, sondern auch in einem Genre, zu dem man ihn überhaupt erst nötigen musste: Drei Anläufe benötigte die 1847 gegründete Akademie der Wissenschaften, bis Grillparzer sich entschloss, die eingeforderte „Selbstbiographie“ tatsächlich zu schreiben.
Übergroße Auskunftsfreudigkeit wird man dem Dichter kaum unterstellen können, denn das Manuskript, das er im Jahr 1853 ablieferte, umfasst nur den Zeitraum bis 1836. Fast das halbe Leben des Dichters kommt darin also gar nicht vor, auch nicht die Uraufführung des Lustspiels „Weh dem, der lügt“ im Jahr 1838 – ein Misserfolg, nach dem sich Grillparzer gekränkt aus der Öffentlichkeit zurückzog und Stücke nur noch für die erst postum geöffnete Schublade schrieb.
Auffallend an der „Selbstbiographie“ ist ihr Mangel an teleologischer Zuspitzung. Zwar erfahren wir einiges über frühe theatralische Neigungen, unerwartete Erfolge auf dem Gebiet der Liebeslyrik, über das fruchtbare, furchtbare und fruchtlose Wirken von Hofmeistern und anderen pädagogischen Instanzen, mit denen die Gebrüder Grillparzer auch ihren Schabernack treiben, aber all das ist eher anekdotisch und episodenhaft erzählt, als dass es mit retrospektiver Folgerichtigkeit „The Making of a Dichterfürst“ ergäbe.
An den Lebensumständen selbst ist wenig komisch: Der Vater, ein angesehener und rechtschaffener, aber hoch verschuldeter Rechtsanwalt, den der Sohn als schroff, gemütskalt und lediglich der Natur gegenüber aufgeschlossen beschreibt, starb, als dieser 18 war; die Mutter beging zehn Jahre später Selbstmord. „Hat sich erhängt“ hält das, im luziden Nachwort von Herausgeber Arno Dusini zitierte Obduktionsprotokoll fest.

Die „Selbstbiographie“ verschweigt oder, besser, umschreibt dieses schockierende Ereignis, ohne dass man ihrem Verfasser ernsthaft vorwerfen könnte, etwas zu beschönigen, wenn er der Mutter pietätvollerweise einen anderen vertikalen Tod vergönnt: „Während sie sich ankleiden wollte, traf sie ein Schlagfluß, wobei ihr Rücken gegen die Mauer lehnte, während ihre Kniee sich gegen den vor ihr stehenden Nachttisch stemmten, so daß sie aufrecht im Tode dastand.“
Diskretion ist, wie der Herausgeber anmerkt, das durchgängige Merkmal dieser Autobiografie, aber eben nicht als Verschweigen, sondern als ein Vermögen, Verhältnismäßigkeiten abzuwägen und herzustellen. So widmet sich Grillparzer auf weniger als einer halben Seite dem Umstand, dass „ein eheliches Verhältniß (…) sich nicht gefunden hat“, ohne den Namen seiner ewigen Braut Katharina Fröhlich auch nur zu erwähnen.
Bestechend an diesem Stück „Selberlebensbeschreibung“ – um einen Begriff von Jean Paul zu gebrauchen, den Grillparzer „unter die frühesten Verderber unserer Literatur“ rechnete – ist nicht nur der psychologische Scharfblick, sondern auch die nicht minder präzise Analyse historischer Macht- und Entmächtigungsverhältnisse.

Nicht umsonst hat Franz Kafka in Grillparzer einen literarischen „Blutsverwandten“ gesehen und das von diesem geschilderte polizeiliche Vorgehen gegen „Ludlams Höhle“ – einer Art launiger, Künstlergesellschaft, die sich „niedriger, ja obszöner“, aber insgesamt wohl harmloser „Spaßmacherei“ verschrieben hatte – dem ersten Kapitel seines „Prozess“ zugrunde gelegt.
Grillparzer verfügte über ein feines Sensorium für die „Komplizenschaft von Tyrannei und Intimität“ (­Dusini), obgleich er etwa Fürst Metternich als einen durchaus gewinnenden und kultivierten Mann beschreibt, der ganze Gesänge aus Byrons Poem „Childe Harold“ im englischen Original vorzutragen wusste.
Auch über Graf Stadion, der als Finanzminister die recht bescheidene und von Zurücksetzungen gekennzeichnete kammeralistische Karriere des Dichters befördert, weiß dieser nur Gutes zu sagen. Die Nähe zum Hof, in die er unfreiwillig und ganz ohne sein Zutun gerät, ist ihm dennoch unangenehm und hilft ihm auch wenig bei seinem lebenslangen Kampf mit der Zensur.
Zwar gibt es sinistre Gestalten wie den Hofrat Gentz, dessen dekadentes Auftreten Grillparzer mit spürbarem Degout beschreibt, aber auf persönliche Bösartigkeit ist die Erniedrigungsmechanik des Biedermeier gar nicht angewiesen. Als er einen Beamten fragt, was er den Gefährliches an seinem „König Ottokar“ gefunden habe, dass dieser zwei Jahre lang von der Zensur unter Verschluss gehalten wurde, antwortet dieser im wohlwollendsten Tonfall: „Gar nichts (…), aber ich dachte mir: man kann doch nicht wissen –!“
Durchaus selbstbewusst hält sich Grillparzer für den Besten nach Goethe und Schiller und benimmt sich in Gegenwart des Dichterfürsten, der ihn in Weimar mehrfach zu sich bitten lässt, doch wie ein von Fettnapf zu Fettnapf stolpernder Schulbub. ­Goethes Wohlwollen gegenüber bleibt er skeptisch: „Er erwähnte meiner Sappho, die er zu billigen schien, worin er freilich gewissermassen sich selbst lobte, denn ich hatte so ziemlich mit seinem Kalbe gepflügt.“

Klaus Nüchtern in Falter 26/2017 vom 30.06.2017 (S. 33)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ReiheÖsterreichs Eigensinn
ISBN 9783990270110
Erscheinungsdatum 24.03.2017
Umfang 288 Seiten
Genre Belletristik/Hauptwerk vor 1945
Format Hardcover
Verlag Jung u. Jung
Herausgegeben von Arno Dusini
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