Ich in Gelb
Roman

von Olga Flor

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Verlag: Jung u. Jung
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 216 Seiten
Erscheinungsdatum: 02.03.2015

Rezension aus FALTER 11/2015

"Aber wo bleibt die Reichweite?"

Ins Netz gegangen: Olga Flor spricht in "Ich in Gelb"
in den Zungen junger Bloggerinnen

Olga Flor hat einen Blogger-Roman mit zwei Stimmen geschrieben. Die eine gehört der 13-jährigen Alice, die sich als Bloggerin "nextGirl" oder "nG" nennt. Sie hat die Augen offen und jene großzügige Grundverachtung für das Erwachsenengehabe, die für aufgeweckte Jugendliche üblich ist. Und die kleine Scharfpsychologin hat die spitze Zunge ihrer Autorin.

Die andere Stimme im Forum gehört Bianca, die ein paar Jahre älter ist und als Model arbeitet. Ihr Hauptanliegen ist ihr Körper, dessen Wert vom Markt bestimmt wird. Er rächt sich mit Allergien, vor allem aber mit einem herrischen Darmwurm, der Biancas Schicksal wesentlich mitbestimmt, auch wenn sie gelernt hat, ihn liebevoll ironisch zum Haustier ihres Körpers zu domestizieren. Auch Bianca spricht mit der erfrischenden Kaltschnauze Flors.
Die Idee, einen Blogger-Roman zu schreiben, ist nicht ganz neu, aber naheliegend und reizvoll. Flor muss es schriftstellerisch Spaß gemacht haben, die neuen Kommunikations- und Ausdrucksformen anzunehmen, sich verantwortungsfrei durch die Themen des Tages und des Hirns treiben zu lassen und das ganze Assoziationsvolumen ausnützen zu dürfen, bis hin zum kindlichen Zungenspaß.
Flor lässt ihre digitalen Kinder reden und streunen, das ergibt sprachliche Explosionen und Ströme an Konfetti. Es könnte sein, dass diese Kinderliebe auch die Liebe zur Literatur ist. Und wenn die Literatur etwas lernen will, ist ein Ausflug ins Alltagssprachliche, Jugendsprachliche oder Mündliche eine gute Sache.
Die kleine "nG" denkt viel über Sinn und Funktion des Bloggens nach: "Und bis dahin nutze ich diese unzähligen, überflüssigen Zeitschnipsel, die sich so ansammeln, während man in die Luft schaut zum Beispiel. Diese Augenblicke darf man nicht so leer herumliegen lassen, die verwende ich, um blindlings darüber zu schreiben." Das Bloggen dient zum Ich-Beweis. Aber wie sieht es mit der Qualität der Beiträge aus? "Ja, sage ich, eh, aber dafür die Crowdclouddichte! Die Schwarmdummheit!"
Es geht um Identität und Styling. Für die Identitätssuche würde auch ein Tagebuch genügen, für das Identitätsdesign braucht es Öffentlichkeit. "nG" hat zwar irgendwo noch so einen "stylischen Schreibblock" aus der Zeit der Handschreibung, "aber wo bleibt die Reichweite?" Für Bianca ist das Identitätsproblem viel konkreter und schmerzhafter. Ihre Identität ist Design – Körperdesign. Das Design macht Schmerzen, es sind die Schmerzen der kapitalistischen Fremdbestimmung.

Ein verbindendes Geschehen gibt es im Roman. Ein Stardesigner veranstaltet im Naturhistorischen Museum eine extravagante Kulturperformance. Beide Bloggerinnen sind in die Aktion einbezogen, Model Bianca als eine Art Meerjungfrau, Schülerin "nG" als Undercoverfotografin. Die Scheinwelt von Mode und Medien, in der "nG" noch neugierig und Bianca schon Opfer ist, bedenkt Flor mit feiner Häme.
Olga Flor ist eine Autorin von schneidender Intelligenz und Eloquenz. Sie gehört zum Besten, was die österreichische Literatur zurzeit hat. Ihr neues Buch enthält viel Zeitsatire, auch wenn sein Experimentiercharakter und seine Mehrstimmigkeit Flors großartige Bissigkeit ein wenig dämpfen.

Helmut Gollner in FALTER 11/2015 vom 13.03.2015 (S. 8)


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