Löwen in der Einöde
Roman

von Daniel Wisser

€ 17,00
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Verlag: Jung u. Jung
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 128 Seiten
Erscheinungsdatum: 01.03.2017


Rezension aus FALTER 19/2017

Kürze und Keyboards: Daniel Wisser als Autor und Musiker

Daniel Wisser war zunächst vor allem als Gründungsmitglied der Konzeptpopgruppe Erstes Wiener Heimorgelorchester (EWHO) bekannt, die seit 1994 billige Keyboards auf originelle Weise malträtiert. Mit dem Lied „Vaduz“ hatten die Heimorgler in Liechtenstein einen Hit, hierzulande gewannen sie mit „Widerstand ist Ohm“ 2009 den Protestsongcontest. Neben zahlreichen Alben mit eigenen Stücken veröffentlichten sie auch
„Die Mensch-Maschine“, einen detailgetreuen Nachbau des klassischen Kraftwerk-Albums in ihrem ureigenen Stil.
Dabei schreibt Wisser, 1971 in Klagenfurt geboren, schon ebenso lang. Es brauchte jedoch seine Zeit, bis er publikumswirksamere erzählende Formen wagte. Er studierte an der Uni Wien Germanistik und vertiefte sich in Autoren wie Andreas Okopenko, Peter Handke und Ernst Jandl. Daneben wurde er auch durch Spielkonsolen und Home-Computer geprägt.
Sein Debütroman „Dopplergasse acht“ erschien 2003. Wisser verfolgt den Anspruch, dass jedes Buch anders ist und eine ganz eigene Form hat.
Der Roman „Standby“ etwa lehnt sich an die Sprache von Gebrauchsanweisungen an, ein Kapitel daraus trug der Autor 2011 beim Bachmannpreis vor. Leeres Wortgeklingel ist ihm fremd, seine Texte leben von Verdichtungen. Seine Bücher sind durchwegs ziemlich schmal, so auch aktuell „Löwen in der Einöde“. Nebenbei haut er auf Twitter Kürzesttexte zwischen experimentell und Kalauer raus.
Die Kürze hat freilich auch ökonomische Gründe. Bis dato arbeitete Daniel Wisser als Softwareentwickler – mal Vollzeit, mal Teilzeit, mitunter auch von Schreibstipendien unterbrochen. Nun will er sich gänzlich dem Schreiben widmen und auch umfangreichere Prosaprojekte umsetzen. Die Idee zu dem Roman mit einer Castingsituation, die ihn in die „Millionenshow“ führte, trägt er bereits seit 1999 mit sich herum.

Sebastian Fasthuber in FALTER 19/2017 vom 12.05.2017 (S. 35)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Die Mensch-Maschine (Erstes Wiener Heimorgelorchester)


Rezension aus FALTER 11/2017

Wie ein paar Gin Tonics dem Braun Michael einmal geholfen haben

Der russische Kosmonaut Wladimir Kowaljonok verbrachte 1978 rekordverdächtige 138 Tage im Weltraum. Bei seiner Rückkehr auf die Erde musste er das Gehen wieder neu erlernen. Der Bregenzer Maurerlehrling Andreas Mihavecz war 1979 als Beifahrer in einen Unfall verwickelt, wurde von der Gendarmerie in Gewahrsam genommen, in einer Kellerzelle vergessen und erst nach 18 Tagen wieder gefunden. Er war um 24 Kilo abgemagert, hatte aber überlebt, indem er das Kondenswasser von den Wänden leckte und seinen Urin trank.
Die beiden sind Helden von Michael Braun, der sich ebenfalls aufs Ausharren spezialisiert hat. Allerdings geht es bei dem Mann mit dem unauffälligen Allerweltsnamen weit weniger spektakulär zu. Ein bisschen Schwung kommt in das Leben des Langweilers, als er sich auf einer Silvesterparty in die Frau eines anderen Michael Braun verschaut – für ihn ist sie die Frau mit dem schönsten Nacken der Welt. Nach ein paar Gin Tonics legt er seine Zaghaftigkeit ab und küsst sie.
Daniel Wisser legt mit „Löwen in der Einöde“ einen alles andere als langweiligen Roman vor. Der Wiener Autor und Musiker hat einen starken Hang zum Verdichten und zum Weglassen. In dem episodenhaften, für knappe 130 Seiten ziemlich handlungs- und figurenstarken Buch erweist er sich als Meister der erzählerischen Ökonomie. Am liebsten stößt er uns ohne Einleitung oder andere Orientierungshilfen mitten in eine Szene hinein.

Was neben den vielen, oft skurrilen kleinen Einfällen, die besonders Kindern der 70er-Jahre gefallen werden, und der zwischen leiser Melancholie und ebensolcher Komik schwankenden Stimmung denn auch am meisten besticht, ist seine zurückhaltende Art. Es ist ungemein erfrischend, wenn ein Autor eben nicht meint, seine Leser ständig an der Hand nehmen zu müssen.
Jetzt haben wir noch gar nicht von Alies gesprochen – Alies, nicht Alice! –, der Latein-Nachhilfelehrerin, die Michael Braun auch nach über 30 Jahren nicht aus dem Kopf geht. Oder von den Löwen, die er früher am Weg zu Alies passieren musste. Ein paar heldenhafte Momente hält das Leben auch für Michael Braun bereit. Es bräuchte mehr Romanhelden wie ihn.

Sebastian Fasthuber in FALTER 11/2017 vom 17.03.2017 (S. 26)


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