Königin der Berge
Roman

von Daniel Wisser

€ 24,00
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Verlag: Jung u. Jung
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 400 Seiten
Erscheinungsdatum: 06.09.2018


Rezension aus FALTER 41/2018

Freitodbegleitung mit Grünem Veltliner

Wie schreibt man einen vergnüglichen Roman zum Thema Sterbebegleitung? Daniel Wisser weiß, wie’s geht

Wer „Königin der Berge“ nach zugleich launiger und trauriger, auf jeden Fall aber kurzweiliger Lektüre weglegt, der fühlt sich nachgerade genötigt, sich die Fragen, die der Roman aufwirft, selbst zu stellen: Lebe ich mein Leben so, dass ich später gerne drauf zurückblicke? Was wäre, wenn mich eine tödliche Krankheit aus dem Alltag risse? Würde ich mich gegen die Widerstände meiner Mitmenschen durchsetzen und Suizid begehen?

Am Hauptschauplatz des Romans, einem Wiener Pflegeheim, lernen wir den sterbenskranken Herrn Turin kennen, der auf sein Recht pocht, seinem elendigen Leben als Multiple-Sklerose-Patient ein Ende zu setzen. Er will irgendwie in die Schweiz gelangen, um dort die legale Freitodbegleitung in Anspruch zu nehmen. Doch so einfach ist das nicht. Angehörige und Pflegerinnen wollen davon nichts wissen, preisen stattdessen das Leben und versuchen sogar, Zugriff auf das Tablet des Patienten zu erhalten, um dessen Kontakte zu kontrollieren.

Wirkt Turins Wunsch zunächst verstörend, so kann man ihn mit fortschreitender Lektüre immer besser nachvollziehen. Die bedrückende Stimmung im Pflegeheim – eine Frau Ditscheiner brüllt regelmäßig „Traaaaaamp“, auf den sie bei der US-Wahl gehofft hat – und das Mitleid, das seine Frau Irene, die Oberschwester oder der Pater dem Protagonisten angedeihen lassen, wirken zusehends unglaubwürdiger; es sind so dahingesagte Phrasen. Als wäre der Roman vor Drucklegung durch die Hände der Zensur gegangen, sind Wörter wie „Freitod“ oder „Selbstmord“ geschwärzt.

Daniel Wisser, 1971 in Klagenfurt geboren, nimmt die Tabus ins Visier, die in einer sich als liberal verstehenden Gesellschaft in Zusammenhang mit Sterbehilfe noch immer wirkmächtig sind. Neben der sichtbaren Streichung ganzer Sätze weist „Königin der Berge“ noch eine Reihe kühner ästhetischer und literarischer Kunstgriffe auf. Neben gefinkeltem Perspektivenwechsel zählt dazu etwa die Gestaltung der direkten Rede als dramatischer Text, bei dem die Figuren aus ihrer Rolle heraustreten, um ihre Sicht über den Patienten Turin dem Publikum kundzutun.

Wissers Sprache ist so treffsicher wie experimentierfreudig und unterhaltsam. Für Komik sorgen auch die inneren Dialoge des Patienten mit seinem längst verstorbenen Kater Dukakis, in denen sich die beiden über Geld, Whiskey und Frauen unterhalten. Wenn Turin, der seinen Namen nicht wie die italienische Stadt, sondern auf der ersten Silbe betont haben will, an die Brüste der Pflegerinnen greift, gibt es von Dukakis Punkte dafür.

So findet die #MeToo-Debatte Eingang in die Handlung: Der Patient habe Schwestern belästigt. „Ich bitte Sie, das ist in der Pflege doch wirklich nichts Besonderes“, weiß Psychologin Katharina Payer, genannt Pregnerin, die im Laufe der Turin’schen Leidensgeschichte immer wichtiger wird und diesen sogar zu ihrer privaten Geburtstagsfeier einlädt.

Als Autor vermeidet es Wisser, der auch Mitglied des Ersten Wiener Heimorgelorchesters ist, den moralischen Zeigefinger zu erheben und begegnet den polemischen Energien der politischen Korrektheit stattdessen mit Ironie. Mit seinem Protagonisten hat er hierfür eine nachgerade ideale Figur geschaffen: ein grantelndes österreichisches Original, skeptisch und launisch, schrullig und liebenswert.

In seinem Rollstuhl fährt Turin täglich in die Cafeteria, wo er sich dem Alkoholverbot widersetzt und regelmäßig seinen Veltliner trinkt, den er sich im Tauschhandel mit dem Zivildiener besorgt. „Was könnte ihm Besseres passieren, als am Veltliner zugrunde zu gehen?“ Er sei ein freier Mensch und zahle fürs Heim. Weiters macht sich Turin Sorgen um die Zukunft seiner Frau. Die Gespräche mit ihr werden immer dünner. Irene sucht Trost in ihrer Karriere.

Mit knapp 50 in einem „unbrauchbaren Zustand“, hält der Patient mit seinen Macken die Pflegerinnen auf Trab. So muss die Zimmertür immer einen Spalt offen bleiben, damit er das Brummen auf Station vier mithören kann – den „Urton“ für den Todkranken, der seinerzeit als EDV-Spezialist beschäftigt war und dem Rapid- und Rolling-Stones-Fans ebenso suspekt sind wie „Jihadisten, Veganer und Social-Bots“. Über die Jahre, die er nun schon im Heim verbracht und in denen er sich kein Blatt vor den Mund genommen hat, ist Turin allerdings milder geworden in seinen Urteilen. Ob er es noch aus eigenen Kräften in die Schweiz schaffen wird?

Daniel Wisser hat mit dem Multiple-Sklerose-Roman „Königin der Berge“ – der Titel steht metaphorisch für die tödliche Krankheit – ein richtiges Herbst-Buch geschrieben. Das Pflegeheim, das hier zum Mikrokosmos der Vergänglichkeit wird, hat er offenbar gründlich erforscht. Wie nebenbei erfahren wir Einzelheiten über neurologische Erkrankungen und über die Menschen, die von ihnen betroffen sind.

Zugleich taucht man tief ein in die Arbeitssphäre des Pflegepersonals. Da gibt es die Oberschwester Margit, die mit Turin auf Kriegsfuß steht und diesem androht, „einen suprapubischen Katheder“ zu setzen, was „das Aus für die allerletzte Funktion von Turins Penis“ bedeutet. Zum Glück haben Turin und sein Penis nur selten mit Margit zu tun. Der überwiegende Teil der Pflegerinnen rekrutiert sich aus Migrantinnen. Wie zum Beispiel Nata. Die war Deutschlehrerin in Belgrad und hat in Österreich nur einen Job im Pflegebereich bekommen. Und während sie abends an Turins Bett wartet, bis dieser über seinem Whiskey eingeschlafen ist, rezitiert sie Mörike-Gedichte.

Sebastian Gilli in FALTER 41/2018 vom 12.10.2018 (S. 19)


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