Geschichten mit Marianne

von Xaver Bayer

€ 21,00
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Verlag: Jung u. Jung
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 192 Seiten
Erscheinungsdatum: 21.11.2020


Rezension aus FALTER 11/2020

Scheitere nochmal, scheitere besser!

Xaver Bayers jüngster Erzählband ist ein bitterböses, sehr lustiges Buch über gegenwärtige Geschlechterverhältnisse



Heute scheint Marianne Besonderes mit mir vorzuhaben. Das merke ich gleich, als sie mich einigermaßen unsanft, durch mehrere Ohrfeigen, weckt.“ Schon die ersten Sätze der 20 Erzählungen eröffnen, wenn auch nicht immer mit solcher Heftigkeit, Varianten wenig harmloser „Spiele“ eines Paares. Die Ausgangssituation ist dabei immer ähnlich angelegt: Der namenlose Ich-Erzähler und seine Partnerin Marianne planen eine alltäglich anmutende Unternehmung. Die spielerische Konkurrenz, in die sie miteinander treten, erweist sich allerdings als weitaus gefährlicher als gedacht, die Möglichkeit der Umkehr ist übersehen worden. Regeln werden umgestoßen, neue Herausforderungen eingebaut und erst nachdem die jeweilige Episode sich auf absurde Weise gesteigert und ihre schlimmstmögliche Wendung genommen hat, gelangen die Figuren an ein zumeist bitteres Ende.



Nicht selten gehen die „Geschichten mit Marianne“ zu Ungunsten des Erzählers aus, die wenigsten bieten etwas wie eine kurze Atempause. Mit dem Beginn der nächsten Geschichte aber ist alles wieder bereinigt, es heißt: Zurück an den Start! Ganz wie in Cartoons oder Computerspielen werden andere Anfänge und andere Ergebnisse ausgetestet – ein variantenreicher Zustand, der sich auch als Abtauchen in Höllenvorstellungen auffassen lässt:



„Und während ich versuchen werde, in diesem Morast irgendwie voranzukommen oder mich gar aus ihm zu befreien, wird mir plötzlich, während ich immer tiefer sinke und bald schon nur mehr meine Schulter und mein Kopf aus dem Schlamm ragen, schmerzlich bewusst geworden sein, dass ich versagt habe, dass ich meiner Pflicht nicht nachgekommen bin, dass ich das Abteil nicht gefunden, keine Einmachgläser nach oben gebracht habe und Marianne sich zu Recht denken wird, dass ich nicht einmal für so etwas zu gebrauchen bin.“



So weit, so zugänglich, so unterhaltsam und spannend – man könnte es dabei bewenden lassen, wäre der Verfasser dieser Erzählungen nicht Xaver Bayer. Bei aller Leichtigkeit erweisen sich „Geschichten mit Marianne“ auf den zweiten Blick als doppelbödig und vielschichtig. Unter anderem in Form von Erzählkommentaren gibt der Autor gezielte Hinweise und legt Fährten aus, die zum Teil auch zu früheren Prosaarbeiten führen. Auf diese Weise sind seine jüngsten „Geschichten“ auch Wiederbegegnungen mit „Weiter“ (2006) oder „Die durchsichtigen Hände“ (2008), dabei aber zugleich eine ideale Einstiegslektüre in Bayers Schaffen.



Auf struktureller Ebene ruft Bayer nicht nur eine Vielzahl von gegenwärtigen Beispielen – man denke hier nur an den unglücklichen Kenny McCormick aus „South Park“ – auf, sondern legt auch literaturgeschichtliche Bezüge frei: Bewährte erzählerische Grundformeln, wie etwa im Märchen, kommen bei seiner konsequenten Zertrümmerung der klischeehaften Vorstellungen von Pärchenerfahrungen zum Einsatz. Sind bestimmte Schwellen erst übertreten, auch das ein bekanntes Motiv, gibt es keine Rettung mehr. Die rationalen Erklärungsversuche seines Protagonisten, der an das hochgebildete, doch gehorsam-passive Figureninventar eines H.P. Lovecraft oder Eugen Egner erinnert, versagen gegenüber Marianne: „Sie hat eindeutig das Ruder in der Hand.“



Egal ob ein Horrorzirkus besucht wird, die Welt unter Eis erstickt oder ein Perchtenlauf in bürgerkriegsähnliche Zustände umschlägt – Marianne, irgendwo zwischen revolutionärer Befreiungsallegorie und Verbeugung vor Leonard Cohen angesiedelt, steht im Zentrum der Ereignisse, selbst wenn sie abwesend ist. Die wiederkehrende Ausweglosigkeit der konsequent gesteigerten Spiele gipfelt in einer Form der Rückschau, eines ans Ende gestellten Sprach-Trailers zu den „Geschichten mit Marianne“. Das im Schlussbild gebotene Happy End ist vielleicht auch nur vorläufig, bei Bayer kann man nie wissen: „Manchmal bin ich nicht sicher, ob ich etwas geträumt oder wirklich erlebt habe.“

Thomas Ballhausen in FALTER 11/2020 vom 13.03.2020 (S. 20)


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