Die Infantin trägt den Scheitel links

Roman
Derzeit nicht lieferbar
Kurzbeschreibung des Verlags:

Dass sie, die jüngste Tochter, das zarte Kind, den Bauernhof ihrer Eltern abfackelt, ist nicht nur ein Versehen, es ist auch Notwehr. Ein Akt der Selbstbehauptung gegen die Zumutungen des Heranwachsens unter dem Regime der Eltern, einer frömmelnden, bigotten Mutter und eines Vaters mit einem fatalen Hang zu Alkohol, Pyrotechnik und Esoterik. Von den älteren Zwillingsschwestern nicht zu reden, zwei Eisprinzessinnen, die einem bösen Märchen entsprungen sind und ihr, der Infantin in Stallstiefeln, übel mitspielen, wo sie nur können. Und natürlich fehlen auch Jäger, Pfarrer und Bürgermeister nicht in dieser Heuboden- und Heimatidylle, die in den schönsten Höllenfarben gemalt ist und in der es so handfest und herzhaft zugeht wie lange nicht.
Dieses Buch ist ein Fanal, ein Feuerwerk nach dem Jüngsten Gericht unter dem Watschenbaum. Es erzählt von Dingen, als gingen sie auf keine Kuhhaut. Schrill, derb, ungeschminkt, rotzfrech und hart wie das Landleben nach dem Zeltfest und vor der Morgenmesse. Eine sehr ernste Angelegenheit, ein sehr großer Spaß!

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FALTER-Rezension

Haarige Heimat

Mit ihrem Debüt „Die Infantin trägt den Scheitel links“ ist Helena Adler ein sprachlich origineller Provinzroman geglückt

Am Anfang steht ein Imperativ: „Nehmen Sie ein Gemälde von Pieter Bruegel. Nun animieren Sie es.“ Folgt man der befehlstönigen Aufforderung und ruft sich die bäuerlich-allegorische Bilderwelt des niederländischen Malers aus dem 16. Jahrhundert vor Augen, wird man in die literarische Provinz-Welt von Helena Adler geleitet. Die 1983 im salzburgischen Oberndorf geborene Autorin inszeniert das erste Bild ihres neuen Romans „Die Infantin trägt den Scheitel links“ an einem Esstisch eines Bergbauernhauses im Salzburger Land.

Die Großfamilie isst „schwarze Regensuppe zum Nachtmahl“. Welch Delikatesse das ist, erfährt man nicht. Familienidyll sieht jedenfalls anders aus. Die Jüngste am Tisch spricht es aus: „Ich blicke in die Runde der Bestien.“ Sie ist die Ich-Erzählerin, die vom harten, feindseligen Bergbauernleben ihrer eigenartigen, vom Rest des Dorfes missgünstig beäugten Familie erzählt. Und davon, wie sie auszubrechen versucht. Da steckt neben viel Tragik auch einiges an Witz drinnen, und immer wieder bleibt das Lachen im Hals stecken.

Die Erzählerin, die zu Beginn des Romans etwa sechs Jahre alt ist, berichtet von den ehrwürdigen und groben Urgroßeltern, und die Darstellung der gestorbenen Verwandten im „Bruegel-Panorama“ des Kindes gehört zu den Höhepunkten des Romans, der durch seine sprachliche Coolness und den am österreichischen Idiom orientierten Sound hervorsticht.

Auch die anderen Figuren bleiben namenlos. Der vollbärtige Vater, Förster und Biobauer mit „Kraushaaren wie ein Alpin-Afro“, hasst die Kirche und hält es lieber mit Esoterik und Alkohol. Er will das Beste für seine drei Mädchen und hat eine Wut auf die ganze Welt. Die Mutter wiederum, die einem „Greifvogel mit Frauenkopf“ gleicht, hört zu Hause klassische Musik und schleppt ihre Kinder zur Beichte. Sie wäre gern ein „römisch-katholisches Wunderweibsbild“, aber so manches gerät ihr außer Kontrolle.

So richtig böse sind die eineiigen Zwillingsschwestern der Protagonistin, die diese zu Mutproben überreden. Um sich zu wehren, animiert die kleine Schwester die Lieblinge aus ihrer Mal- und Lesewelt: „Ich verstecke alle meine Bücher unter dem Bett, in der Hoffnung, dass die Figuren darin lebendig werden, zu mir ins Bett steigen, sich unter meiner Decke versammeln, ehe wir zum Angriff übergehen und das Böse, die Schwestern, ersticken, im Keim oder in ihren prächtigen Federbetten.“ So tauchen Struwwelpeter, Zappel-Philipp und der bitterböse Friederich ebenso auf wie Madame Bovary oder das Sterntalermädchen.

Helena Adler, die selbst auf einem Bergbauernhof aufgewachsen ist und wohl aus eigener Erfahrung schöpfen kann, schildert die Entwicklung ihrer Protagonistin: vom „Angsthasen und Faultier“ mit einem „ÖVP-Schnitt wie die Mutter: schwarz und bieder“ zur Rebellin, die sich selbst Infantin nennt. Sie wird von der blassen Korsettträgerin zur Kronprinzessin, die aufs Gymnasium darf und Kunst studieren will, „auffrisiert“.

Die Coming-of-Age-Story, die in den späten 1980er-Jahren einsetzt, ist in ihrer Bildhaftigkeit wunderbar zu lesen. Helena Adler, die Malerei am Mozarteum studiert hat, bedient sich popkultureller und kunsthistorischer Referenzen bis hin zu Anselm Kiefer und Joseph Beuys, verfremdet Zitate aus der Bibel, der Mythologie und Märchenwelt, wechselt die Perspektiven und schmückt die Handlung mit allerhand Motiven (die Haare!) und literarischen Anspielungen aus.

Einen Roman aus dem tiefen Österreich, der sich am kaltherzigen Bauersleben, am brutalen Landjugenddasein, an Schule und Kirche kritisch abarbeitet („Die Heimatluft haben sie mir abgeschnürt“, sagt die Infantin), kann landläufig der Anti-Heimat-Literatur zugeordnet werden. Am Ende steht zwar eine Entwicklung, aber es folgt kein Ausbruch, nichts Harmonisches, wenig Hoffnung. Helena Adlers Beitrag ändert daran nichts.

Sebastian Gilli in Falter 11/2020 vom 13.03.2020 (S. 16)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783990272428
Erscheinungsdatum 14.10.2020
Umfang 192 Seiten
Genre Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Format Hardcover
Verlag Jung u. Jung
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