Vom Helfen und vom Wohlergehen oder Wie die Politik neu und besser erfunden werden kann

Gespräche mit Markus Marterbauer, Fritz Orter und Werner Vogt
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Kurzbeschreibung des Verlags:

Seit Jahrzehnten simuliert der deutsche Kognitionspsychologe Dörner Unfälle und Katastrophen, politische, technische, ökonomische, z. B. in Städten, Staaten, AKWs, um Desaster zu verhindern. Sein legendäres Erstversuchsland hieß Tanaland, man könnte heutzutage meinen, es sei die EU. Immer wenn man als Verantwortung Tragender, Entscheidungen Treffender „Es geht nicht anders: Es ist das kleinere Übel“ zu jemandem sagt oder selber gesagt bekommt und es gar auch noch selber glaubt, befindet man sich wahrscheinlich gerade als Versuchsperson in einem grausigen Dörnerexperiment. Und zu glauben, man könne es sich für sich selber oder für die Seinen trotz allem schon irgendwie richten, gehört zum Verlauf des Experimentes. In genannter Situation ist es in renitenter Absicht zu den folgenden Gesprächen gekommen:
Der Konjunkturforscher und Sozialstaatsökonom Markus Marterbauer, der Kriegsjournalist Friedrich Orter und der Arzt Werner Vogt werden unabhängig voneinander „Was jetzt, was tun?“ und „Wie schützt man Menschen und wehrt sich selber?“ gefragt. Marterbauer gehörte zu denen, die Jahre vor der gegenwärtigen Katastrophe öffentlich vor dem sich abzeichnenden Platzen der Immobilienblase und einer daraus folgenden Weltwirtschaftskrise gewarnt haben. Werner Vogts Lebensaufgabe ist das systematische Beheben und Verhindern von Fehl- und Mangelversorgung. Vogt ist dabei deshalb nie in Fatalismus verfallen.
Das Ziel ist tatsächlich der Weg. Auf die Weise erspart man sich und den anderen die zeit- und kraftraubenden Umwege, die zu nichts führen als in die Irre, und die Ausflüchte, die ohnehin danebengehen. Wenn das Ziel der Weg ist, braucht man und darf man nichts aufschieben. Das, was zu tun ist, wird dadurch erreicht, dass man es tut, lautet eine seiner Antworten. Und Fritz Orter redet einer Opferberichterstattung das Wort, die es binnen kürzester Zeit nicht mehr geben werde, es sei denn, es gelänge ihr immer wieder, den Lauf der Dinge zu durchbrechen, zum Beispiel mit Warum-Fragen; hierzulande, in der noch nicht zur Gänze verrückt gewordenen Welt, etwa mit: „Warum gibt es kein Unterrichtsfach, das Helfen heißt?“

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FALTER-Rezension

Monumentale Diagnosen einer unfreundlichen Welt

Die Trilogie „Auswege“ huldigt dem ausführlichen Experteninterview. Ein Longread mit Fritz Orter, Werner Vogt und Markus Marterbauer

Sei immer du und sei es ganz.“ Fritz Orter zitiert in einem Gespräch mit Egon Christian Leitner zustimmend diesen Satz von Franz Grillparzer, und man könnte hinzufügen: Dieser Satz passt wie kein anderer zur Charakterisierung von Leitner. Der 1961 in Graz geborene Autor hat Philosophie und klassische Philologie studiert und verfügt über reiche Erfahrungen aus den Tätigkeitsfeldern Krankenpflege, Altenpflege und Flüchtlingshilfe.
Ich kenne keinen österreichischen Autor, der vehementer, hartnäckiger und wütender für Arme, Leidende und Benachteiligte seine Stimme erhebt, der sich nicht abfinden kann und will mit einer ungerechten und unfreundlichen Welt und der sein beachtliches Wissen, dessen Bogen von der Geschichte und Philosophie der Antike über die Soziologie bis hin zu den Wirtschaftswissenschaften reicht, so engagiert in den Dienst seines sozialpolitischen Anliegens stellt.
Das erste beeindruckende Zeugnis dieser intellektuellen Anstrengung war „Des Menschen Herz. Sozialstaatsroman“, ein außergewöhnliches, drei Bände umfassendes Werk von 1200 Seiten, teils Kindheits- und Jugendgeschichte, teils Sozialreportage, teils ein Tagebuch, aber nicht im Sinne selbstbezogener Nabelschau, sondern im Sinne eines Reflexionsmediums. Es geht darin um Wirtschaftskrise und ruinöses Spekulantentum, um die Erosion solidarischen Verhaltens und den Rückbau des Sozialstaats, der mit wirtschaftlichen „Sachzwängen“ begründet wird.

Krise der Humanität
In den Jahren 2014/15 hat Egon Christian Leitner erneut das Ergebnis eines Großprojekts publiziert. „Auswege“ nennt er diese dreiteilige Reihe mit Interviews. Im ersten Band dokumentierte er „Werkstattgespräche“ mit Adolf Holl.
Für die anderen zwei Bände („Vom Helfen und vom Wohlergehen oder Wie die Politik neu und besser erfunden werden kann“) führte er Gespräche mit Markus Marterbauer, Fritz Orter und Werner Vogt.
Den Wirkungsfeldern der Interviewpartner entsprechend geht es um Wirtschafts- und Sozialpolitik, um Krieg und Frieden und um Gesundheitspolitik. Eine Stärke dieser voluminösen Bände besteht darin, dass den Gesprächen Zeit und Raum eingeräumt wird, sodass die ausführliche Argumentation, die komplexe Probleme nun einmal brauchen, nicht verkürzt werden muss.
Dass es zu Wiederholungen und Wiederaufnahmen kommt, ist kein Fehler, sondern fördert eher die Lesbarkeit.
Fritz Orter ist einer der prominentesten österreichischen Journalisten, bekannt für seine ebenso sachkundigen wie empathischen Berichte aus Krisenregionen. Egon Christian Leitner stellt ihm Fragen zu den Balkankriegen, zu Russland und vor allem zum aktuellen Hauptkrisenherd Naher Osten, auch zur heiklen Rolle eines Kriegsberichterstatters. Die Details der Analysen, die Fritz Orter bietet, münden in ein zwar nicht völlig pessimistisches, aber doch nüchtern-skeptisches Resümee. Orter sieht unsere Welt an einer „Zeitenwende“: Ein neues, und zwar „kein gutes“, Weltbild wird in diesem Jahrhundert dominant werden. Werte und Verpflichtungen, die an die humanistische Idee von Europa gebunden sind, werden „nichts mehr wert“ sein.

Schockzustand der Linken
Dennoch sieht Fritz Orter die Welt nicht monocolor düster. Es gäbe immer wieder Beispiele humanitären Handelns, und nicht zuletzt sei es die Kunst, die ihm Kraft und Zuversicht gäbe, sagt der Lyrik-Leser und Mozart-Fan.
Orter setzt sich auch mit dem Verdacht auseinander, Kriegsberichterstattung sei ethisch fragwürdig, weil sie ihren Stoff aus dem Leid der Menschen beziehe. Er stellt zwar nicht in Abrede, dass es in seiner Zunft problematische Praktiken gibt, macht aber plausibel, dass bei seriöser Arbeit die bewusstseinsbildende Funktion überwiegt. Journalistische Arbeit kann für Betroffene auch Hilfe und Unterstützung sein.
Einen facettenreichen und an subjektiven Wertungen und Zuspitzungen reichen Einblick in das österreichische Gesundheitssystem bieten die Gespräche mit dem Arzt und Publizisten Werner Vogt.
Vogts Hauptkritik gilt dem Rückzug des Solidaritätsprinzips aus dem Gesundheitswesen, der Tendenz zur Privatisierung und „Selbstverantwortung“. Damit ergänzt die kritische Essenz dieses Beitrags jene grundsätzliche Kritik am Neoliberalismus und an der Lockerung sozialer Netze, die Egon Christian Leitner in fünf Gesprächen mit Markus Marterbauer diskutiert. Der Volkswirtschaftler ist Leiter der Abteilung Wirtschaftswissenschaft und Statistik an der Wiener Arbeiterkammer, und Falter-Lesern als Kommentator und Rezensent gut bekannt.
Die am Beginn des 21. Jahrhunderts grassierende Finanzspekulation sieht Marterbauer als kollektiven Verwirrungszustand, der trotz Warnungen mancher Wirtschaftswissenschaftler so lange exzessiv weiterbetrieben wurde, bis die Katastrophe unvermeidlich war. Jetzt, da man in diesem Jammertal gelandet ist, meint die EU (und meinen mit ihr viele andere), ein eisernes Sparprogramm werde die Wirtschaft aus der Krise herausziehen.
Marterbauer ist davon überzeugt, dass genau das Gegenteil der Fall sein wird und dass daran auch die Demokratie Schaden nehmen wird. Das Debakel des Neoliberalismus müsste eigentlich der europäischen Linken Aufwind bringen.
Warum kommt es dazu nicht? Marterbauer spricht vom „Schockzustand“ der Linken, die nicht weiß, „was sie tun soll“.
Die Suche nach „Auswegen“ geht also weiter, Egon Christian Leitner wird seine Reihe noch um den einen oder anderen Band erweitern müssen.

Christian Schacherreiter in Falter 47/2015 vom 20.11.2015 (S. 21)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ReiheAuswege
ISBN 9783990291245
Erscheinungsdatum 26.05.2015
Umfang 780 Seiten
Genre Politikwissenschaft
Format Buch
Verlag Wieser Verlag
Herausgegeben von Egon Christian Leitner
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