Kaiser, Kleider, Kind
Die Kunst des Betrugs und seiner vermeintlichen Aufdeckung

von Alfred Pfabigan

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Verlag: Limbus Verlag
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Essays, Feuilleton, Literaturkritik, Interviews
Umfang: 160 Seiten
Erscheinungsdatum: 04.01.2019


Rezension aus FALTER 12/2019

Wie man ein Märchen sechs Mal neu interpretiert

Philosophie: Alfred Pfabigan liefert eine fulminante Interpretation von Hans Christian Andersens „Des Kaisers neue Kleider“

Es war einmal ein Kaiser, der so schrecklich gern neue Kleider mochte“, so beginnt eines der bekanntesten Märchen von Hans Christian Andersen. „Des Kaisers neue Kleider“ von 1837 handelt von einem Herrscher, der außer an seinem Aufputz an nichts Interesse hat. Aufgrund dieser Schwäche fällt er zwei Betrügern zum Opfer, die ihm die schönsten Kleider versprechen. Allerdings seien sie für jenen unsichtbar, „der nicht für sein Amt tauge oder unverzeihlich dumm sei“.

Man kennt die Geschichte: Die angeblichen Weber stellen keine Stoffe her, doch aus Angst vor der Blamage beschreibt jeder am Hof die wunderschönen Gewänder. Am Ende schreitet der Kaiser nackt in der Prozession unter dem Baldachin und alle huldigen ihm und seiner Pracht. Bis ein Kind schreit: „Er hat ja gar nichts an!“ und ihm alle erleichtert zustimmen. Der Kaiser reißt sich zusammen und tut so, als habe er nichts gehört. Das Märchen steht im Mittelpunkt des neuen, sehr lesenswerten Essays des Wiener Philosophen Alfred Pfabigan. Er zerlegt die Geschichte in ihre Einzelteile, setzt sie in den Kontext unserer Gegenwart – Stichwort Fake News –, erklärt sie aus der Zeit ihrer Entstehung sowie Andersens Biografie und erzählt sie neu. Und das gleich sechs Mal. In jeder dieser Fassungen steht eine der Figuren im Mittelpunkt.

Pfabigan erzählt deren Werdegang, der ihre Handlungen im Märchen in einem ganz anderen Licht erscheinen lässt. So ist etwa der Kaiser nur deshalb so versessen auf schönen Aufputz, weil er seine Kindheit in einem Schweinekoben verbringen musste und seine Frau nicht liebte. So zog er in die Kleiderkammer. Besonders die in der Rezeption des Märchens hochgelobte Rolle des Kindes kritisiert Pfabigan. Sie erkläre sich „aus einer ungeheuren Sehnsucht nach einfach zu durchschauenden Verhältnissen, die deren Verehrer mit den Populisten teilen“ – eine „Karikatur der Aufklärung“. Zudem verweist er auf eine Selbstzensur Andersens, der das Kind in seiner Erstfassung des Märchens gar nicht vorgesehen hatte. Dann wäre die Geschichte brutaler gewesen: die Selbstlüge einer Gesellschaft.

Mit der Dekonstruktion des Märchens fördert Pfabigan immer mehr Ungewissheiten zutage. Nicht einmal der Betrug bleibt als solcher anzuklagen, denn möglicherweise wäre er die klügere Lösung. Und wer kann mit Sicherheit sagen, dass das Kind recht hatte, es sich nicht einen Scherz erlaubte? Wo beginnt das Märchen, wo endet die Wirklichkeit? Pfabigan stellt die Position des allmächtigen Erzählers infrage und die zu simplen Wege zur Erkenntnis. Gleichzeitig wird er als Autor über das Märchen Teil des Spiels. Ist er Kaiser, Weber, Kind oder Volk? Pfabigan zeigt damit, dass Fake News nicht bloß ein Phänomen unserer Zeit sind, und hält dazu an, niemals mit dem Fragen aufzuhören.

Stefanie Panzenböck in FALTER 12/2019 vom 22.03.2019 (S. 40)


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