An der Grenze
Wie Polizistinnen und Polizisten die Flüchtlingsbewegung erleben

von Christine Dobretsberger

€ 24,90
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Verlag: ÖGB Verlag
Format: Taschenbuch
Genre: Sachbücher/Geschichte
Umfang: 164 Seiten
Erscheinungsdatum: 29.08.2018


Rezension aus FALTER 10/2019

Eine Grenzerfahrung: Polizisten über Migration

In einem neuen Sammelband beschreiben Polizisten, wie sie das Flüchtlingsjahr 2015 an der Grenze und Migration erlebten

Dass über das Flüchtlingsjahr 2015 zu wenig berichtet wurde, wäre eine Untertreibung. Da gibt es Bücher von jenen, die damals zu uns geflüchtet sind; Bücher von Helfern und Bücher von Flüchtlingsgegnern.

Eine Perspektive wurde bisher vernachlässigt: die der Polizistinnen und Polizisten, die 2015 in der ersten Reihe standen und großen Anteil daran hatten, dass die zahlreichen Geflüchteten ohne gröbere Zwischenfälle das Land passierten. Etwa eine Million Menschen reisten im Jahr 2015 auf dem Weg nach Deutschland, Schweden und in andere Länder durch Österreich, knapp unter 90.000 von ihnen sind hier geblieben.

Die Journalistin und Buchautorin Christine Dobretsberger hat diesen Polizeibeamten in ihrem Buch „An der Grenze: Wie Polizistinnen und Polizisten die Flüchtlingsbewegung erleben“ eine Stimme gegeben. Sie ist zu den damaligen Brennpunkten gefahren und hat Gespräche geführt. Insgesamt 18 Polizeibeamte, darunter vier Frauen, berichten in dem Buch von ihren Erfahrungen. Das Buch beschäftigt sich aber nicht nur mit dem Jahr 2015, sondern auch damit, welche Erfahrungen die Polizisten mit Flucht und Migration insgesamt haben. Diese direkten Erzählungen aus Polizeisicht zeigen, dass die Einstellung innerhalb der Polizei zu Flucht und Migration durchaus divers ist.

Demoverbot für Ausländer

Während einige Polizisten auch positive Erfahrungen und Erlebnisse aus ihrem Einsatz an der Grenze schildern, fordert ein Fremdenpolizist gleich ein Demonstrationsverbot für Migranten in Österreich, weil derartige Demos eine „Belästigung“ für die Österreicher darstellten. „Mir persönlich ist im Zuge meiner Arbeit dann relativ bald aufgefallen, dass sich das eher positive Bild, das in der veröffentlichten Meinung von Ausländern gezeichnet wird (Stichworte: „kulturelle Bereicherung, Zuzug hochqualifizierter Fachkräfte, Österreich wird bunter“ etc.), in meiner täglichen Arbeit nicht widerspiegelt“, schreibt der Fremdenpolizist.

Ganz anders liest sich die Erzählung einer Gruppeninspektorin aus Niederösterreich, die seit August 2015 in Traiskirchen angekommene Asylwerber zu den Dienststellen begleitete, in denen die Ersteinvernahmen durchgeführt wurden. Sie erzählt vom Schicksal eines syrischen Arztes. Als im Juni 2015 eine Mörsergranate in seinem Haus einschlug und seine kleine Tochter beinahe tötete, beschloss die Familie zu fliehen. Der Arzt und die Polizistin haben bis heute Kontakt. Die großen Fragen aus dem Jahr 2015 würden ihr aber nicht mehr aus dem Kopf gehen, schreibt die Polizistin: „Wer verursacht die weltpolitischen Probleme, wer hat das Ruder in der Hand? Die Politik? Die Wirtschaft? Was treibt diese Menschen an? Wie kommen wir alle aus diesem Dilemma raus?“

Hier zeigt sich auch die große Qualität dieses Buches: Die Beamten haben ganz frei ihre durchaus divergierenden Ansichten aufgezeichnet.

71 Tote auf einem Parkplatz

Einen besonderen Schwerpunkt legt das Buch auf das Drama, das sich im August 2015 in einer Nothaltebucht nahe Parndorf im Burgenland ereignete. Damals fanden Beamte die Leichen von 71 Flüchtlingen, die in einem Lkw erstickt waren. Zwei Polizisten schildern in ihren Beiträgen, wie sie die bereits verwesten Leichen identifizieren und deren Angehörige in Syrien, dem Irak und Afghanistan ausfindig machen mussten.

In zahlreichen Beiträgen klingt durch, dass die Polizisten ein eher negatives Bild von den Flüchtlingen haben. Das liegt wohl auch daran, dass die Beamten es ständig mit Menschen in absoluten Ausnahmesituationen zu tun hatten. Wie ein junger Beamter, der 26 Stunden durchgehend im Dienst an der Grenze damit beschäftigt war, die Flüchtlinge geordnet in die Busse zu kriegen, ohne dass Schwächere überrannt wurden.

Noch etwas fällt auf: Kaum einer der Polizisten hat das Gefühl, ihr Einsatz und die vielen Überstunden seien von der Gesellschaft anerkannt worden. So schreibt eine Polizistin: „Wir waren tagelang im Einsatz, weg von unseren eigenen Familien, um Menschen zu helfen, die sich hier Schutz erhofften. Wir haben alles daran gesetzt, dass die ganze Hilfsaktion sicher vonstatten ging, und mussten uns letztlich dann doch anpöbeln, beschimpfen und anspucken lassen von Leuten, die offensichtlich absolut keine Ahnung hatten, was sie da überhaupt von sich gaben.“

Nina Horaczek in FALTER 10/2019 vom 08.03.2019 (S. 19)


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