Die neue ArbeiterInnenklasse
Menschen in prekären Verhältnissen

von Veronika Bohrn Mena

€ 19,90
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Verlag: ÖGB Verlag
Format: Taschenbuch
Genre: Recht/Arbeitsrecht, Sozialrecht
Umfang: 208 Seiten
Erscheinungsdatum: 02.10.2018

Rezension aus FALTER 43/2018

Das neue Prekariat

Die Generation Praktikum lässt neben und nach dem Studium ein Praktikum aufs andere folgen:
unter- und immer öfter sogar unbezahlt – und oft genug mit wenig Aussicht auf einen echten Job danach

Das Geschirr klirrt. Hinter den Tellern kramt sie nach der Tupperbox. Daneben brennt der Reis schon fast im Topf an. Schnell jetzt. Reis raus, rein in die Box, Seitenränder zuklappen. Und los. Zwei Jahre ist es nun her, dass Alexandra* jeden Morgen vor Dienstbeginn noch hastig ihr Mittagessen kocht. Sie nimmt einen Schluck von ihrem Soda Zitron. Es ist ein angenehm milder Herbsttag. Sie wirkt entspannt. Entspannt klingt sie jedoch nicht, als sie anfängt, von ihrer Praktikumszeit zu erzählen. „Lieb, dass du dein Essen selber mitbringst“, durfte sie sich von Kolleginnen anhören, als diese gemeinsam zum Mittagessen aufbrachen. Es wäre nicht anders gegangen, das Geld fehlte. Und auf diese Kommentare hätte sie verzichten können.

Vollbeschäftigung und grenzenloses Wirtschaftswachstum – damit ist die Babyboomer-Generation aufgewachsen. Mit Bruno Kreisky im Fernsehen und der fixen Anstellung in der Tasche wurden sie später Eltern. Eltern einer Generation, die dieses Gefühl der Sicherheit nicht mehr kennt. Spärlich entlohnte oder gar unbezahlte Praktika gehören heute zum Alltag vieler junger Menschen in Österreich. Und sie, die Praktika, sind fest verankert: in Studienplänen, in Anforderungen der Arbeitgeber, im glänzenden Lebenslauf. Sogar in der Mentalität der Jungen selbst. Sind sie das neue Prekariat?

Alexandras Lebenslauf umfasst insgesamt drei unbezahlte Praktika. Keines davon freiwillig. Sie studierte Soziale Arbeit mit Bachelorabschluss an der FH Campus Wien.

Der Lehrplan dafür sieht drei Praktika vor: zu Beginn zwei Orientierungspraktika für zwei und vier Wochen. Im Laufe des Studiums dann ein 14-wöchiges Praktikum. Alle Vollzeit. Das Dritte wäre mit einem Job nicht vereinbar gewesen. Alexandra hatte vor ihrem Studium fünf Jahre gearbeitet. Das war ihr Glück, denn so erhielt sie ein Selbsterhalterstipendium: 680 Euro fanden sich deshalb jeden Monat auf ihrem Konto, ihre Eltern konnten sie nicht unterstützen.

Wirft man einen Blick auf die Zahlen der Statistik Austria, so stechen die Studierenden in zweierlei Hinsicht hervor: Sie sind jene Bildungsschicht, in der man während der Ausbildung mit Abstand am häufigsten bezahlt arbeitet. Andererseits sind sie aber auch diejenigen, die am häufigsten unbezahlt arbeiten. Letzteres trifft auch auf Schüler höherer Schulen oder von Berufsschulen zu. Zu sagen, unbezahlte Arbeit sei ein rein akademisches Phänomen, würde also zu kurz greifen.

Stellt man jedoch drei Jungakademiker in eine Reihe, so hat statistisch einer von ihnen schon unbezahlt gearbeitet – Frauen trifft es öfter. Studierende arbeiten doppelt so oft ohne Lohn wie der Gesamtdurchschnitt der 15- bis 34-Jährigen. Und das meist in Form von Praktika.

„Es war jeden Monat sehr knapp. Ich musste schauen, wie ich sonst irgendwie zu Geld komme“, sagt die 27-jährige Alexandra, die mittlerweile ihren Master absolviert. Das bedeutete: Ersparnisse plündern, kleinen Arbeiten neben dem Studium nachgehen. Absurd fand sie den Moment, als sie das 14-wöchige Praktikum antreten und gleichzeitig auch noch Studiengebühren zahlen musste. Österreichweit heben die meisten Fachhochschulen eine Studiengebühr von 363 Euro pro Semester ein. Sie bekam es durch ihr Stipendium quasi erstattet. Im Vergleich zu vielen Freunden fühlte sie sich privilegiert. „Ich habe Kolleginnen, die es noch viel schwieriger hatten“, sagt Alexandra, „ihre tägliche Arbeitszeit endete nicht um fünf. Denn nach dem Praktikumstag mussten sie ja auch noch Geld verdienen, beim Kellnern oder beim Ticketverkauf im Theater.“

Eigentlich ist ein Praktikum ein Ausbildungsverhältnis. Jungen Menschen will man damit ermöglichen, erste Eindrücke und berufliche Erfahrungen zu sammeln. Deswegen sind Praktika auch nicht im Arbeitsrecht, sondern im Schul- und Hochschulgesetz verankert. Das Bild des kaffeekochenden Praktikanten gehört dort nicht hin. Denn grundsätzlich darf es keine „niederen“ Hilfstätigkeiten für Praktikanten geben. Genauso wenig dürfen sie Ersatz für reguläre Arbeitskräfte sein. Doch die Realität ist oft anders und zwingt immer wieder zum schmerzhaften Spagat zwischen Kaffeetassentragen und Überforderung durch Arbeitgeber.

Es gibt sie: junge Menschen, denen eine Anstellung vorgegaukelt wird. Die man dann beim Arzt wegschickt, weil der Arbeitgeber sie doch nicht angemeldet hat. Arbeitgeber, die Praktikanten gegeneinander ausspielen, sie gegeneinander antreten lassen mit dem Versprechen, dass eine Stelle zu vergeben sei. Eine Stelle, die es dann gar nicht gibt. 16-Jährige, die in einem Lager unbezahlt arbeiten, in der Hoffnung, danach eine Lehrstelle zu ergattern, etc.: Das sind die Geschichten, die Veronika Bohrn Mena immer wieder hört – und erzählen möchte. Bohrn Mena ist heute Gewerkschafterin. Davor war sie Vorsitzende der Plattform Generation Praktikum.

Studieren, Gastro- oder Call-Center-Job und daneben auch noch unbezahlt arbeiten? Das sah eine Gruppe Studierender nicht ein und gründete 2006 eine Beratungsplattform: „Generation Praktikum“ eben. Was zunächst nur Studierende aus meist sozial- und geisteswissenschaftlichen Studien betraf, ist heute ein breites Phänomen.

„Mittlerweile gibt es Lehrlinge, sogar ältere Frauen und Männer, die AMS-Praktika absolvieren“, sagt Veronika Bohrn Mena. Man gebe ihnen die Hoffnung auf Lehrstellen, Jobs nach der Arbeitslosigkeit, lagere tatsächlich aber vollwertige Arbeitsplätze dauerhaft an Praktikanten aus. Rechnet man alle un- und unterbezahlten Praktika in Österreich zusammen, entgingen alleine den Jungen so circa 174 Millionen Euro Einkommen pro Jahr. Und Versicherungszeiten, die ihnen später fehlen werden.

Wie viel sie verdient hätte, rechnet sich Julia* lieber nicht aus. Insgesamt sieben Praktika mit unterschiedlicher Bezahlung – manchmal mehr, manchmal weniger – hat die Politikwissenschaftlerin hinter sich. Beim fünften habe sie sich gedacht, dass es definitiv das letzte sein würde. Dann fand Julia einen Job, der sie interessierte. Der Arbeitgeber war allerdings dafür bekannt, nur ehemalige Praktikanten einzustellen. Ein neues Praktikum also. Prinzipiell könnte Julia Praktika etwas abgewinnen: wenn sie denn anständig bezahlt wären. Sie konnte zwar vieles mitnehmen, aber „in meinem Fall waren es einfach zu viele“.

Wäre das Praktikum eine Krankheit, eine bildungsökonomische Epidemie, wäre der Erreger der Bologna-Prozess im Jahr 1999 gewesen: Zunächst implementierten Europas Bildungsministerien da nämlich Pflichtpraktika in die Studienpläne der nationalen Fachhochschulen. Dann zogen die Unis nach. Zu ihnen gesellten sich bald die Handelsakademien und berufsbildenden Schulen. „Dann ist das auf den Arbeitsmarkt übergeschwappt“, sagt Veronika Bohrn Mena. Heute stelle sich jeder Arbeitgeber die Frage: Warum soll ich jemanden einstellen, der keine Berufserfahrung hat?

Genau diese Art der Berufserfahrung ist Julia zum Verhängnis geworden. Eigentlich läge ja nahe, dass sie mit ihrem bunten Praktika-Potpourri gute Chancen am Arbeitsmarkt hätte. „Breit aufgestellt“ also. Aber dem ist nicht so: „Das Tragische ist, dass ein Praktikum nicht als Berufserfahrung zählt, als halbe höchstens.“ Es gibt paradoxerweise keinen Weg, der den sicheren Berufseinstieg garantiert. Die einen Bewerber lehnt man ab, weil sie es sich nicht leisten können, unbezahlt zu arbeiten. Andere finden dann trotz oder gerade wegen solcher Praktika keine Anstellung: Julias Praktika füllen eine dreiviertel Seite in ihrem Lebenslauf, reale Arbeitserfahrung spricht man ihr dennoch ab – es sind eben „nur Praktika“. „Potenziellen Arbeitgebern vermittelt das den Eindruck, dass die Leute einen nicht behalten wollten“, glaubt Julia. Das Argument, dass einfach keine Jobs frei waren, würde daran nichts ändern.

Teilzeitstellen, befristete Arbeitsverhältnisse, Praktika: Atypisch beschäftigt zu sein, ist heute typischer denn je. Für Veronika Bohrn Mena sind die davon Betroffenen Angehörige einer neuen Arbeiterklasse, eines neuen Prekariats.

Im Gegensatz zu früher hätte sich lediglich die Optik verändert. Einem klassischen Hackler aus Meidling in einer Neubauwohnung, der aus Not nur bei Diskontern Lebensmittel oder Textilien kauft, sähe man seine Armut an. Einem jungen Architekturstudenten im siebten Wiener Gemeindebezirk, der im Winter die Altbauwohnung nicht heizen kann und beim Second-Hand-Shop ums Eck einkauft, nicht. Der schaue nämlich hip aus: „Aber beide sind arm“, sagt Bohrn Mena.

Der Jugendforscher Philipp Ikrath mag Vergleiche dieser Art nicht. Studierende sind, so sagt er, nicht von jener „klassischen“ Ausbeutung betroffen wie die alleinerziehende Mutter mit Hauptschulabschluss. Sie besäßen trotz prekärer Lebenslage kulturelles Kapital. Generell würden viele Junge zur Selbstausbeutung neigen. Das spiegle sich in der Kultur der aufkommenden Start-ups, Coworking Spaces wider. „Auch wenn sie prekär leben und nicht viel auf dem Konto haben, so trösten sie sich mit dem Gedanken, etwas Sinnvolles zu machen“, sagt Philipp Ikrath.

Früher wollte man schnellstmöglich aus unsicheren Beschäftigungsverhältnissen raus. Heute verstünden viele Jungen darunter hingegen, frei, unabhängig und autonom zu sein. Der deregulierte und flexibilisierte Arbeitsmarkt, so sagt Ikrath, verursache diese positive Umdeutung: „Weil sie sich nicht mehr sicher sein können, einen fixen Job zu finden, wird den Jungen heute vermittelt, dass sie sich doch wenigstens ihr prekäres Dasein schön machen sollen“, sagt Ikrath.

Etwas Sinnvolles machen, das wollten sowohl Alexandra als auch Julia. Beide stehen mittlerweile im Berufsleben, nach unzähligen Praktika. Sie gehören nicht zu jenen 82.000 jungen Erwachsenen, die nach ihrer höchsten Ausbildung noch ein oder mehrere Praktika absolvierten oder absolvieren mussten. Unterm Strich sind die beiden Frauen aber froh über ihre Erfahrungen. Eine anständige Entlohnung und sozialversichert zu sein, wäre für sie das Mindeste.

Doch der Trend geht weiterhin in die entgegengesetzte Richtung: Unbezahlte Praktikumsstellen sind, so die Zahlen der Statistik Austria, seit 2009 von 23 auf 37 Prozent aller Praktika in Österreich angestiegen. Das Prekariat hat also ein Gesicht dazubekommen: ein junges, gebildetes, kulturaffines. In hippen Klamotten – aber ohne Geld.

Elisa Tomaselli in FALTER 43/2018 vom 26.10.2018 (S. 44)


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