»Ihre Dienste werden nicht mehr benötigt«
Aus der Volksoper vertrieben – Künstlerschicksale 1938

von Marie-Theres Arnbom

€ 25,00
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Verlag: Amalthea Signum
Format: Hardcover
Genre: Geschichte/Kulturgeschichte
Umfang: 208 Seiten
Erscheinungsdatum: 01.10.2018

Rezension aus FALTER 47/2018

Der Chor der Verstummten

Die Wiener Volksoper stellt sich ihrer NS-Vergangenheit. Sänger, Musiker und Librettisten wurden zu Opfern des staatlichen Antisemitismus

Als die Nationalsozialisten am 12. März 1938 in Wien die Macht übernehmen, wird in der Volksoper heile Welt gespielt. Auf dem Programm steht Jara Beneš’ „Gruß und Kuß aus der Wachau“, nach einem Libretto von Hugo Wiener und Kurt Breuer und mit Gesangstexten von Fritz Löhner-Beda. „Sympathische, unprätentiöse, schmissige, fesche Musik zwischen Walzer und Jazz“, schreibt ein Kritiker nach der Uraufführung im Februar 1938. Wenige Jahre später werden die Schöpfer der Operette vertrieben oder – wie Löhner-Beda in Auschwitz – ermordet.

„Ihre Dienste werden nicht mehr benötigt.“ Mit diesem knappen Satz enden die Karrieren jüdischer Direktoren, Dirigenten und Korrepetitoren, Sängerinnen und Sänger, Regisseure und Choreografen an der Wiener Volksoper. Die Historikerin Marie-Theres Arnbom machte die Formulierung zum Titel ihres Buches. Sie spürt den Schicksalen von 30 jüdischen Künstlerinnen und Künstlern nach, die 1938 gezwungen wurden, das Haus zu verlassen. Die Recherche ist als erster Schritt einer umfassenden Aufarbeitung gedacht.

Fünf Jahre hat die Autorin geforscht, 4000 Seiten Briefe gesichtet, hinzu kommen Bücher, Autobiografien, Interviews mit Nachkommen sowie Unbekanntes aus den Archiven der Metropolitan Opera in New York oder der Wienbibliothek. In der Volksoper selbst wurde Arnbom nicht fündig. Bis zur Gleichschaltung in der NS-Zeit wurden Haus und Orchester von getrennten privaten Vereinen geführt. 1938 wurde die Volksoper „arisiert“. Im Zuge dessen sind auch sämtliche Unterlagen verloren gegangen. Einziger Anhaltspunkt in Wien waren die Bühnenjahrbücher, wo die Namen von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Wiener Theater veröffentlicht wurden. Viele verschwanden 1939 aus den Listen.

Die meisten erwähnten Künstler sind heute vergessen. Zum Beispiel Marco Frank, ein erfolgreicher Komponist und 30 Jahre lang Bratschist an der Volksoper. Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten bricht die Welt des 57-Jährigen zusammen. Er, der getaufte Jude, ist von einem Tag auf den anderen rechtlos. Wer seine Musik heute hören möchte, wird enttäuscht, Aufnahmen sind nicht zu finden. Die Rezensionen beschreiben Franks Kompositionen als atmosphärische Musikmalerei, wie sie auch in den Filmen der Zeit zum Einsatz kamen.

Einigen Musikern gelang die Flucht. Die Jüngeren hatten bessere Chancen, sich in der Emigration neue Existenzen aufzubauen. Peter Paul Fuchs etwa, der an der Volksoper als Korrepetitor arbeitete und 1938 mit 22 Jahren nach New York emigrierte. Nicht nur für ihn wird die amerikanische Metropole zur ersten Anlaufstation in der neuen Welt.

An der Metropolitan Opera finden viele der Vertriebenen schnell einen Job, zumindest für den Anfang. Hier lernt Fuchs auch seine Frau Elissa kennen. Die ehemalige Balletttänzerin ist eine der wenigen noch lebenden Zeitzeuginnen. Ein Foto zeigt die elegante 99-Jährige mit den feinen Gesichtszügen an der Ballettstange. Sie steht aufrecht, und der schmale Gehstock wirkt dabei wie ein gewolltes Accessoire. Für Arnbom öffnet Elissa Minet Levy Fuchs ihr Appartement und erzählt von ihrem bewegten Leben. In Baton Rouge, der Hauptstadt Louisianas, prägte ihr Mann 25 Jahre lang als Dirigent das Musikleben und spielte erstmals Bruckner und Werke der Zweiten Wiener Schule. Seit den 1950er-Jahren kehrte das Ehepaar Fuchs immer wieder nach Wien zurück, heute lebt Elissa in Greensboro, einer Stadt im US-Bundesstaat North Carolina.

„Was für ein enormes Potenzial ist Österreich verloren gegangen“, konstatiert Arnbom. Das Ausmaß des Verlustes wird im Zuge der Lektüre deutlich und zeigt sich nicht zuletzt an den Karrieren, die viele dieser Künstler später gemacht haben. Kurt Herbert Adler etwa, Neffe Otto Bauers und ehemaliger Volksoperndirigent, leitete fast 30 Jahre lang die San Francisco Opera und machte sie zu einem der bedeutendsten Opernhäuser der Welt. Walter Herbert, Volksoperndirigent und österreichischer Bridge-Weltmeister, gründete die Häuser in San Diego und Houston sowie die All Black Opera Company in Jackson, Mississippi, um jungen schwarzen Sängern eine Bühne zu bieten. Oder der Kapellmeister Walter Taussig, der die Stars an der New Yorker Met coachte und dabei zur Legende wurde.

Doch nicht allen war so ein Erfolg beschieden. Viele Künstler, darunter die gefeierten Librettisten Hugo Wiener und Kurt Breuer, standen vor den Trümmern ihrer Existenz und flohen nach Kolumbien bzw. New York, wo sie sich in Exilkabaretts über Wasser hielten. Der Choreograf Harry Neufeld und der Regisseur Kurt Hesky – beide zeichneten für die Erfolgsproduktion „Gruß und Kuss aus der Wachau“ verantwortlich – verschwanden spurlos in Südamerika. Andere, wie Ada Hecht oder ihr Kollege Viktor Flemming, wurden im KZ ermordet. Ausführlich zitiert Arnbom aus den Briefen der Sopranistin an ihren Sohn Manfred, der nach seiner eigenen Flucht vergeblich versuchte, seine Eltern aus Wien herauszuholen. 600 Seiten Verzweiflung, Panik, Todesangst und unendliche Liebe für den Sohn.

Bis nach Australien reiste Marie-Theres Arnbom, wo sie den Sohn des Dirigenten Heinrich Krips traf. Der in Sydney geborene Henry Krips erzählt von der Wohnung seiner Eltern, die voller Bilder, Bücher und Musik aus der alten Heimat war: „Mein Vater gab mir die Musik der Sprache, er liebte den Klang des Wienerischen.“ Heinrich und Louise Krips blieben aus kultureller Sicht immer Österreicher, auch wenn sie in ihrer neuen Heimat nur noch Englisch sprachen. „Vienna was frozen“, sagt Henry Krips, ein Satz, in dem die Tragik des Emigrantenlebens mitschwingt.

Miriam Damev in FALTER 47/2018 vom 23.11.2018 (S. 36)


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