Geistergeschichte
Roman

von Laura Freudenthaler

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Verlag: Droschl, M
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Erzählende Literatur
Umfang: 168 Seiten
Erscheinungsdatum: 08.02.2019


Rezension aus FALTER 12/2019

Und sie erkannten einander am Rascheln der Kleider

In Form einer „Geistergeschichte“ erzählt Laura Freudenthaler von der Entfremdung eines Ehepaares

Anne ist vor vielen Jahren von Paris nach Wien gezogen und der Liebe zu Thomas wegen geblieben. Sie lehrt an einer Musikschule, doch jedes Semester werden ihre Schüler weniger. So nimmt sie sich ein Freijahr, um ein Motivations-Lehrbuch für den Klavierunterricht zu verfassen, muss allerdings bald zur Kenntnis nehmen, dass sie durch die professionelle Deformation, den dauernden Umgang mit unwilligen oder unmusikalischen Kindern, selbst wieder ganz von vorne anfangen müsste – der Beginn einer ausgewachsenen Spielkrise.

Von ferne unterstützt sie ihr Mann Thomas, ein zwischen Burnout und Manie oszillierender Festival-Kurator. Beide sind um die 50, teilen seit 20 Jahren eine Wohnung. Ihre Leben laufen noch parallel, Thomas biegt aber allem Anschein nach gerade vom gemeinsamen Lebensweg ab, er kommuniziert nur noch durch Feststellungen und Gesundheitstipps mit Anne, es gibt keinerlei Berührung mehr. „Einmal haben sie sich zum letzten Mal geküsst, und sie hat es nicht gewusst.“

Über Trennung will Anne schon aus pragmatischen Gründen nicht sprechen, der Klavierunterricht reicht kaum für die Mindestpension. Und Thomas ist kein Monster: Als sie seiner Meinung nach den Haushalt vernachlässigt, bietet er ihr an, eine Putzfrau zu bezahlen.

Anne reagiert auf den Substanzverlust ihrer Ehe schwer resignativ. Zu einer latenten Essstörung gesellt sich bald die idée fixe, dass Thomas eine andere habe, das namenlose „Mädchen“, dass er irgendwie in die Wohnung mitschleppe. „Er hat gefragt, ob er ein Marmeladebrot für sie machen solle, und Anne hat genickt, obwohl sie nie ein Marmeladebrot isst, aber sie hat in diesem Moment verstanden, dass es eine Frau gibt, die er vor ihr verbirgt.“ Abends leert sie Thomas’ Taschen und sammelt die verdächtigen Kassabons als Buchhaltung des Verrats.

Der mutmaßlich Betrogenen wird das Zuhause unbehaglich, sie steht darin herum „wie eine Madonnenstatue in ihrer Nische“ und beginnt, stundenlang durch die Stadt zu wandern. Die Außenwelt dringt nur noch in Gestalt des Wetters, seltener Besuche bei Freundinnen und Radiomeldungen über „drohende Anschläge“ zu ihr durch, sie selbst fühlt sich bald unsichtbar.

Weil wir in Wien sind, liegt Freud nahe: Unheimlich ist das, was fremd und vertraut zugleich ist. Freudenthaler beschreibt in klarer, präziser Prosa den paradoxen Fall, dass Paare oft immer weniger voneinander wissen, je vertrauter sie einander werden. Anne erkennt Thomas am spezifischen Rascheln seiner Kleidung, wenn er grußlos die Wohnung betritt und in seinem Zimmer verschwindet. Das erinnert ein wenig an Shyamalans „Sixth Sense“, nur dass Thomas nicht tot ist, sondern fremdgeht. Das Gespenstische dehnt sich auf den Haushalt aus, Dinge fallen spontan zu Boden, wegen „unmerklicher Erschütterungen, die man nicht wahrnimmt, bis sich etwas weit genug verschoben hat, um zu fallen“.

Oder bildet sich Anne alles nur ein? Wer ist hier das Gespenst – der abwesende Thomas, das Mädchen, dessen Huschen und Wispern Anne in der Wohnung zu hören meint und das im Text zunehmend selbst zu Wort kommt? Die Katze gar, die auf einmal da ist?

„Für die Katze würde Anne die volle Verantwortung übernehmen. Sie habe sich, müsste Anne zugeben, immer eine Katze gewünscht.“ Würde einer den anderen nur einmal anfassen, denkt man, es löste sich alles auf wie ein Albtraum.

Mit ihrem zweiten Roman etabliert sich Laura Freudenthaler als feste Größe in der deutschsprachigen Literatur. Mit zeitgeistiger Jugendkultur hat sie aber nichts am Hut. Ähnlich wie in ihrem vielbeachteten Romandebüt „Die Königin schweigt“ versetzt sich die heute 35-Jährige in die Lebenswelten älterer Protagonistinnen. Hier wie da erschafft Freudenthaler Oberflächen, unter denen das Unheimliche arbeitet.

Dominika Meindl in FALTER 12/2019 vom 22.03.2019 (S. 10)


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