Wien abseits der Pfade Band II
Eine etwas andere Reise durch die Stadt der Musik

von Georg Renöckl

€ 14,90
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Verlag: Braumüller Verlag
Format: Taschenbuch
Genre: Reisen/Reiseberichte, Reiseerzählungen/Europa
Umfang: 240 Seiten
Erscheinungsdatum: 01.04.2016


Rezension aus FALTER 14/2016

Der Mann mit dem Koks ist noch da

Kohlenöfen werden längst nicht mehr bewilligt, ein paar Kohlenhändler halten sich aber nach wie vor in der Stadt. Wie geht es ihnen am Ende eines viel zu milden Winters?

Bei der Schmelzbrücke, wo manche Häuser noch goldene Nummern tragen, zeigt sich die einst elegante Schweglerstraße von ihrer weltstädtischen Seite. Kroatische Cremetorten gibt es hier, afroasiatische Lebensmittel, Thaifood, eine bangladeschische Koranschule. Mittendrin: ein Wiener Kohlenhändler.

„Kohlenbaron. Seit 1899“ steht über dem Eingang. Auch in diesem kleinen Gassenlokal, zwischen Stapeln mit Kohlepaketen und Buchenscheitern, fühlt man sich wie in einer fernen Welt – allerdings nicht im geografischen Sinn: Ein älteres Ehepaar, das sein ganzjährig bewohntes Schrebergartenhäuschen mit Kohle heizt, kommt zum Einkaufen.
Er kümmert sich um die Ware, die rotgelockte Gattin schäkert mit dem „Herrn Baron“, einem freundlichen Hünen mit Glatze und gemeißeltem Oberkörper. Ein Eisenwarenhändler, der von der Stelle weg in jedem Hörbiger-und-Moser-Film mitspielen könnte, kommt vorbei, offiziell zum Bezahlen einer Rechnung, in Wirklichkeit auf ein Plauscherl.
Ein Herr mit blauer Schürze begutachtet einen gusseisernen Kohlenofen und reserviert ihn für später. Eine gnä’ Frau hat ihren Bedarf falsch geschätzt und muss am Ende des Winters widerwillig noch eine Lieferung bestellen. Die Gesichter, die Kleidung, der Tonfall, der Schmäh: Hier drin sind die 50er-Jahre noch nicht vorbei. Ganz so heimelig-gemütlich wie an diesem Vormittag ist die Stimmung bei Wiens Kohlenhändlern nicht immer.

Vier von ihnen gibt es noch, erzählt „Kohlenbaron“ Wolfgang Rothauer. So viele wie damals im selben Häuserblock, als sein Vater das Geschäft übernommen hat. 5400 waren es in ganz Wien, doch kaum jemand heizt heute noch mit Kohle.
Dennoch wirkt Wolfgang Rothauer auch am Ende eines viel zu warmen Winters nicht wie jemand, um den man sich Sorgen machen muss. Schwierige Umstände ist er gewöhnt: Als der vielversprechende Nachwuchs-Handballer mit 17 Jahren in den väterlichen Betrieb einstieg, befand sich die Branche gerade im vollen Niedergang. 180 Kohlenhändler waren Mitte der 1980er-Jahre noch übrig,
Tendenz stark sinkend. Rothauer hingegen expandierte, kaufte Kundenstöcke von Kollegen, die zusperrten, schaffte schließlich den 20-fachen Umsatz seines Vaters. 2004 übernahm er den Kohlen-Großhandel für ganz Wien.
Der Sport hat seine Persönlichkeit geprägt, meint der Kohlenbaron, der das Aufgeben nicht kennt. Nach Arbeitstagen, an denen er von früh bis spät Kohlensäcke treppauf, treppab in Wiener Altbauwohnungen geliefert hatte, trainierte er als junger Mann noch Handball, dreimal die Woche mindestens. Später quälte er sich beim Bodybuilding.
Heute wandert er lieber im Wienerwald. Geblieben sind ihm die stählernen Wadeln, die er sich in Wiens Stiegenhäusern antrainiert hat, und ein unerschütterlicher Optimismus. Seine Nische hält er trotz Klimawandel nicht für bedroht: Kein Baumarkt könne die Qualität liefern, die er seinen Kunden bietet, von der Beratung ganz zu schweigen. Kachelöfen und Kamine sind wieder in Mode, und es gibt klima­-
unabhängige Kunden, die Gastronomie vor allem. Er träumt davon, den gut laufenden Betrieb irgendwann an seine Kinder zu übergeben, in 20 Jahren vielleicht. „Wunsch ans Universum“ nennt er das.

20 Jahre gibt sich einer seiner letzten Kollegen längst nicht mehr. Man kennt ihn im siebten Bezirk als „Kohlen Weber“, das Geschäft in der Kandlgasse ist aus dem Grätzel beim Amtshaus nicht wegzudenken.
Seit der Bebauung des Schottenfelds im 18. Jahrhundert siedelten sich dort vor allem Handwerker und Manufakturen an, stattliche Firmensitze in der Schottenfeldgasse zeugen von der alten Tradition. Logisch, dass es einst für Kohlenhändler viel zu tun gab, auch wenn heute eher Grafikdesigner und In-Lokale das Straßenbild prägen.
Und eben die eine verbliebene Kohlenhandlung mit dem schönen Firmenschild und den dreirädrigen Kohletransportern aus den 1940er-Jahren vor der Tür, „Kulis“ genannt. Noch. Peter Hinterhoger, wie der „Kohlen Weber“ in Wirklichkeit heißt, glaubt nicht an die Zukunft der Branche. An die 300 Kunden beliefern er und sein einziger Mitarbeiter mit den Kulis, für die nur mehr er die nötigen Bewilligungen hat.
Früher waren sie zu sechst, und auch sonst war damals vieles besser. Vorschriften machen ihm heute das Leben schwer: Neue normierte Packungsgrößen, die mehr Arbeit machen, statt der alten staubigen Jutesäcke. Zu wenige Parkplätze für Lieferanten in „seinen“ Bezirken. Jetzt auch noch die Registrierkassa. Vor allem aber: Es gibt keine richtig kalten Winter mehr.

Was er jetzt macht? Schulterzucken. „Noch sperren wir ja nicht zu. In zehn Jahren wahrscheinlich schon.“ Einige Wochen hat er jetzt noch alle Hände voll zu tun, dann wird es ruhiger. Im Juli und August ist Pause, da richtet er wie jeden Sommer die Kulis her. Ein paar Jahre werden sie noch durch Neubau tuckern.

Georg Renöckl in FALTER 14/2016 vom 08.04.2016 (S. 54)


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