Die Männerlüge
Wie viel Testosteron braucht der Mann?

von Robin Haring

€ 19,90
Lieferung in 2-7 Werktagen

Verlag: Braumüller Verlag
Format: Hardcover
Genre: Biologie/Sonstiges
Umfang: 192 Seiten
Erscheinungsdatum: 09.03.2015


Rezension aus FALTER 11/2015

Das Männlichkeitshormon ist keine Einbahnstraße

Medizin: Robin Haring räumt mit Vorurteilen über das viel gescholtene Hormon Testosteron auf

Angefangen hat alles 1935 in Zürich. Damals gelang zwei Chemikern zum ersten Mal die künstliche Herstellung des männlichen Sexualhormons Testosteron aus Cholesterin. Keine sechs Jahre und einen Nobelpreis später wurde das synthetische Hormon schon erstmals zur Behandlung sexueller Unterentwicklung eingesetzt. Der Effekt: tiefere Stimme, verstärkter Haarwuchs, häufigere Erektionen.

"Das Rätsel um die Manneskraft" schien ein für alle Mal gelöst, schreibt der deutsche Demograf, Epidemiologe und Professor für Gesundheitswissenschaften Robin Haring, 33, in "Die Männerlüge". Im Untertitel fragt er: "Wie viel Testosteron braucht der Mann?" Um es vorwegzunehmen: Nach aktuellem Wissensstand muss man diese Frage vorläufig offen lassen, weil – um einmal mehr Ex-Bundeskanzler Fred Sinowatz zu zitieren – alles sehr kompliziert ist.
Robin Haring geht es mit seinem Buch weniger um letztgültige Antworten als um einen "längst überfälligen Rettungsversuch", bei dem "das viel gescholtene Testosteron und sein männlicher Wirt aus dem hormonellen Autopiloten" befreit werden sollen.
Denn glaubt man dem Zeitgeist und der ihn orchestrierenden medialen Darstellung treiben testosteronverseuchte Heerscharen von Alpha-Männchen die Menschheit blindlings in Bankenkrise und Umweltzerstörung, Kriege und Wachstumswahn.
Umgekehrt gilt das männliche Sexualhormon als Heilsbringer gegen das Altern, gegen ein flaues Liebesleben oder fehlenden Elan. Allein im vergangenen Jahrzehnt ist der Verkauf von Testosteronpräparaten weltweit um das Zwölffache gestiegen.
Robin Haring, der in den letzten Jahren die gesundheitlichen Auswirkungen niedriger Testosteronspiegel beim Mann erforscht hat, fand es angesichts dieser widersprüchlichen Lage an der Zeit, etwas "Licht in das testosteronvernebelte Dunkel zu bringen". Die Form eines fundierten populärwissenschaftlichen Sachbuchs ist dafür gut gewählt, zumal Haring bei aller Berufung auf zahllose Studien, Fachartikel und -bücher einen anregenden, schwungvollen Schreibstil pflegt und ein sicheres Gefühl dafür hat, wann er die Ebene der Details zugunsten des Big Picture und der Wahrung der Aufmerksamkeitsspanne seiner Leser wieder verlassen muss.
Erhellend ist dieses Buch in vielerlei Hinsicht. Und es stellt klar: Kein Mann ist von einem hohen Testosteronspiegel lebenslang auf Porsche, High-Risk-Investments und Machtstreben um jeden Preis festgelegt, mit einem Wort: "die unterstellte biologische Einbahnstraße, vom Testosteronspiegel direkt auf das Verhalten zu schließen, bekommt wenig wissenschaftliche Rückendeckung". Im Gegenteil.
"Wir beginnen gerade erst zu verstehen, wie sensibel der Hormonhaushalt selbst auf feinste Umwelteinflüsse reagiert. Offensichtlich beeinflussen unsere Handlungen, Erlebnisse und Verhaltensweisen den Testosteronspiegel ebenso stark, wie dieser auf das soziale Umfeld zurückwirken kann."
Daher Harings Fazit: "Augen auf im Kreisverkehr". Studien haben außerdem gezeigt – und Haring unterscheidet sehr genau zwischen aussagekräftigen und nicht aussagekräftigen Untersuchungen –, dass Vorurteile über verhaltensbezogene Wirkungen von Testosteron stärkere Effekte bei Probanden hatten als das Hormon selbst.

Auch was die Gesundheit anlangt, ist Testosteron in einen sehr komplexen Kreislauf eingewoben, bei dem Ursache und Wirkung oft noch nicht genau unterschieden werden können. Sicher ist aber: Gesunde Lebensführung mit Normalgewicht, Rauchverzicht, ausgewogener Ernährung und genug Bewegung können den Testosteronspiegel bis ins Alter stabil hoch halten. Testosterontherapien umgekehrt sind im Vergleich dazu in nur wenigen Fällen angezeigt.
Langweilig und mühsam im Vergleich zu Testosteron-Heilsversprechen? Vielleicht, aber doch auch tröstlich, weil angenehm unesoterisch. Im Lichte dieses unaufgeregten und fundierten Buchs betrachtet ist Testosteron nicht mehr Wundermittel und "Sündenbock eines vagen Unbehagens an der Gesellschaft", sondern ein Biomarker für Männergesundheit, über den es noch viel herauszufinden gibt.

Julia Kospach in FALTER 11/2015 vom 13.03.2015 (S. 42)


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