Scheinhellig
Variationen über ein verlorenes Thema. Aphorismen

von Elazar Benyoëtz

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Verlag: Braumüller Verlag
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Aphorismen
Umfang: 264 Seiten
Erscheinungsdatum: 30.09.2009

Rezension aus FALTER 46/2009

Robert Menasse hat ihn "meinen Rabbi der deutschen Sprache" genannt. Das trifft einerseits die skeptische Wortgläubigkeit des Elazar Benyoëtz. "Der Sprachlose und der Sprachbesessene / sind an der Schwelle Gottes", heißt es einmal. Andererseits hat der 1937 als Paul Koppel in Wiener Neustadt Geborene in Israel tatsächlich eine Rabbinerausbildung absolviert, ohne je ein Amt zu bekleiden. Seine Neigung zum freundlichen Dozieren, zum Klären und Aufklären scheint dazu zu passen und schließlich auch die edle Kunst des Aphorismus, die er zu der seinen gemacht hat.
Mit seinem neuen Buch legt Benyoëtz, der mit dem Hebräischen aufwuchs und sich das Deutsche erst spät eroberte, eine Zwischensumme seiner Dichterexistenz vor. "Ich kann mir eine Zeit denken, welcher unsere religiösen Begriffe so sonderbar vorkommen werden als der unsrigen der Rittergeist", schrieb vor gut 200 Jahren sein Vorfahre Georg Christoph Lichtenberg. Diese Zeit lässt offensichtlich noch auf sich warten. Angesichts einer heute konfessionslos wabernden Religiosität stellt der bibelkundige Aphoristiker die Frage nach Gott so präzis wie möglich und bleibt die Antwort wohlweislich schuldig. Der Titel "Scheinhellig", die Überblendung von "scheinheilig", "einhellig", und "hellem Schein" zu einem Worträtselbild, ist typisch für Benyoëtz' vertrackte, seine Leser traktierende Spracharbeit: "Die Sprache ist tiefer als ihr Sinn." Weil er tiefer schürft, vermag er immer wieder zu verblüffen.
Benyoëtz' Nachdenken ist eine Einladung zur Verunsicherung, zum Abschied von jeder Dogmatik, denn "Quellenwert hat nur das Fließende". Und so beherrscht dieser ratlose Rabbi die Kunst, etwas durch Erörterung zu erhellen und zugleich zu verdunkeln. "Scheinhellig" ist eine Hommage an die Begeisterung, an den göttlichen Funken, ohne den das Leben schal schmeckt. Seinen Wahlspruch legt der Autor seinem Jugend-Ich Paul Koppel in den Mund: "Mit Gott auf Biegen oder Brechen, / mit dem Judentum auf Gedeih und Verderb, / mit meiner Dichtung durch dick und dünn."

Daniela Strigl in FALTER 46/2009 vom 13.11.2009 (S. 21)


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