Herr Maschine oder vom wunderlichen Leben und Sterben des Julien Offray de La Mettrie

von Bernd Schuchter

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Verlag: Braumüller Verlag
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Romanhafte Biografien
Umfang: 180 Seiten
Erscheinungsdatum: 01.02.2018


Rezension aus FALTER 11/2018

Ist der Mensch Maschine und die Seele Mechanik?

Philosophie: Bernd Schuchter versucht sich an einer intel­lektuellen Biografie von Julien Offray de La Mettrie (1709–51)

Als Arzt, Sozialreformer und Philosoph führte der Franzose Julien Offray de La Mettrie zu Beginn des 18. Jahrhunderts ein bewegtes Leben. Seiner Zeit galt der Arzt und Philosoph hauptsächlich als umstrittener Publizist, der sich mit den Autoritäten seiner Wissensgebiete heftige öffentliche Debatten lieferte. De la Mettrie, geboren 1709 im bretonischen Staint-Malo, vertrat ein konsequent materialistisches Menschenbild. Er prangerte regelmäßig seine medizinischen Fachkollegen an und warf ihnen Profitgier und Unwissen vor. Dadurch zog er sich zahlreiche Feindschaften zu.
Nach der Publikation seines Hauptwerks „L’homme machine“ (1748) musste er schließlich als verbotener Autor aus Frankreich fliehen. Er fand Unterschlupf am Hof des preußischen Philosophenkönigs Friedrich II. und wurde auf Schloss Sanssouci dessen Leibarzt und königlicher Vorleser. In diesem höfischen Exil starb de La Mettrie schließlich mit nur 41 Jahren einen legendären Tod, als er angeblich versuchte, eine ganze Pastete alleine zu verspeisen.

Der Autor, Germanist und Verleger des Limbus Verlags Bernd Schuchter widmet Julien Offray de La Mettrie eine intellektuelle Biografie. Hierbei trägt er von Anfang an dick auf und stilisiert das Enfant terrible der Aufklärung, wie de La Mettrie gern genannt wird, als bis heute „schwärende Wunde der deutschen Ideengeschichte“.
Zweifelsohne ist de La Mettries Denken philosophiegeschichtlich wichtig, und Schuchter hebt seinen von Epikur inspirierten radikalen Materialismus zu Recht hervor. Allein wird das Spezifische am „Herrn Maschine“ nicht greifbar. Vielmehr übernimmt sich der Autor beim Versuch eines Genremixes zwischen Biografie, Werkeinführung und breiter Einbettung in den geistesgeschichtlichen Kontext.
Schuchter erzählt dabei die Eckdaten von Leben und Werk Offray de La Mettries nach. Die Herkunft als Sohn eines reichen Kaufmanns aus der prosperierenden bretonischen Hafenstadt Saint-Malo, der Wunsch des Vaters nach einem Theologiestudium, der Schwenk auf ein Medizinstudium in Paris. Danach das weitere Studium im niederländischen Leiden, seit dem 17. Jahrhundert eine der wesentlichen Universitätsstädte und eines der intellektuellen Zentren Europas. Dabei flicht Schuchter alle paar Seiten Abschweifungen ein, die sich mitunter sehr platt lesen.
So wird beispielsweise die gesellschaftliche Spannung zwischen Hof und Untertanen während des Absolutismus von Ludwig XIV. wie folgt beschrieben: „Ohnehin ist alles so prächtig und schön. Während die Pariser Bevölkerung arbeitet und Hunger leiden muss, wie alle Menschen in den autokratisch geführten adeligen Gesellschaften jener Jahre, feiert man am Hof von Versailles ein Fest nach dem anderen.“ Mit solchen niederschwelligen Konturierungen werden viel zu viele der 176 Seiten gefüllt.

Die starken Teile des Buches sind jene, in denen Schuchter die Antagonismen und Verwerfungen rekonstruiert, in die sich der Provokateur de la Mettrie hineinschreibt. Sei es der Streit mit dem Gelehrten Albrecht von Haller, der Streit mit der Mmedizinischen Autorität Jean Astruc über die Herkunft der Syphilis oder die Querelen mit Voltaire, Diderot und D’Alembert – einzig in diesen Auseinandersetzungen wird Schuchters de La Mettrie zur plastischen Figur.
Und Julien Offray de La Mettries zentrale These vom Menschen als Maschine? Deren Genese verlegt Schuchter in einen Fiebertraum während der Belagerung Freiburgs im Zuge des habsburgischen Erbfolgekrieges: „La Mettrie hört tief in seinen eigenen Körper hinein und erkennt, dass es darüber hinaus keine Kraft gibt, die ihn antreibt. Keinen Gott, keine Metaphysik.“ Das führt in der „Histoire naturelle de l’âme“ (1745) zum zugespitzten materialistischen Postulat, wonach der Mensch eine komplexe Maschine sei und die Seele nichts als eine bloße eine Folge dieser Mechanik.

Wie radikal diese direkt in den Atheismus weisende These war, beschwört Schuchter mit Nachdruck. Deren Publikation – obwohl ohne Nennung des Autors – führt auch zur dramatischen Wende in de La Mettries Leben. Er muss seine Familie in Frankreich zurücklassen und nach Leiden fliehen, von wo aus er nach der Publikation von „L’homme machine“ (1748) ebenfalls flüchten muss und bei Friedrich II. Aufnahme findet. Schuchters Darstellung des Lebens dieses großen Provokateurs enthält leider kaum Neues und scheitert am Versuch, das Bekannte erzählerisch konzise aufzubereiten.

Florian Baranyi in FALTER 11/2018 vom 16.03.2018 (S. 44)


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