Frauenspaziergänge
Entdeckungsreisen durch Wien

von Petra Unger

€ 19,90
Lieferung in 2-7 Werktagen

Verlag: Metroverlag
Genre: Reisen/Reiseführer
Umfang: ca. 192 Seiten
Erscheinungsdatum: 16.03.2012


Rezension aus FALTER 50/2014

Petra Ungers etwas anderer Blick auf Wien

Kaiserin Sisi, Rosa Jochmann, Lina Loos und Emilie Schwarzwald – ein feministischer Spaziergang durch die Stadt

Es ist ein kalter Freitagvormittag Anfang November. Wir haben den Treffpunkt vor dem Parlament vereinbart, im Herzen der Politik sozusagen. Ihr gefiel die ironische Art des Falter, mit dem Thema Gender-Debatte umzugehen, überhaupt nicht. Meine Argumente, das Binnen-I betreffend, teilte sie in keiner Weise. Aber wir stritten im Kaffeehaus zivilisiert miteinander. Als wir uns trennten, erwähnte sie beiläufig, ihre Arbeit sei im Falter noch nie gewürdigt worden. Petra Unger unternimmt Spaziergänge durch das feministische Wien. Klar, dass die Würdigung spätestens für die Feminismus-Beilage nachgeholt werden muss.
Petra Unger ist pünktlich. Kurz und bündig legt sie los: Die Teilnehmerinnen an ihren Führungen würden zuerst einmal aufgefordert, jederzeit zu unterbrechen und Fragen zu stellen. Also gleich: Wie ist sie auf die Idee zu ihren Stadtspaziergängen gekommen?
Sie fing ganz konventionell im Fremdenverkehr an, mit Stadtführungen. Lernte diesen Beruf, "und ich gehöre zu denen, die ihn offiziell auch ausüben dürfen". Arbeitete über zehn Jahre im Tourismus, kümmerte sich in Wien um den spanischsprachigen Markt. Ihre politische Art begeisterte die Reiseleiter, bald betreute sie große Busserien. Ebenso bald hatte sie es satt, die Geschichte der weißen, männlichen Oberschicht zu erklären.

Im Gegenteil, ihre Unruhe verstärkte sich, dass all das anders erzählt werden müsse. Nicht nur, weil sie in einem Frauenkörper steckt. Es fehlte so viel an Geschichte in diesen touristischen Stadtpräsentationen: die Friedensbewegung, soziale Bewegungen, Zivildienstbewegung, Lesben-Schwulen-Bewegung.
Übrigens gebe es nicht einmal eine Geschichte der österreichischen Frauenbewegung, jedenfalls keinen zusammenhängenden Überblick. Warum sie nicht so eine Geschichte schreibt? Eine Geldfrage. Dabei wäre eine solche Geschichte dringend notwendig. Auch im Blick auf die heutige Männerforschung, die teilweise emanzipatorisch gut unterwegs sei. Ja, so eine Geschichte wäre ein schönes Projekt, wenn es ihr jemand finanzieren würde.
Nach der 1985 bestandenen Matura inskribierte sie Geschichte und Politik, aber bald kam ein Kind und sie musste als Alleinerzieherin arbeiten. Später dann bestand die einzige Möglichkeit, zu einem akademischen Grad zu kommen, im Abendstudium am Rosa-Mayreder-Institut an der Volkshochschule. Dort studierte Petra Unger Gender Studies bis zur Magistra. Das mittlerweile nicht mehr existente Rosa-
Mayreder-Institut passte ihr gut, mit autoritären Systemen tat sie sich immer schwer. "Das war eine der geglücktesten Bildungserfahrungen, die ich gemacht habe. Ich habe auch meine Abschlussarbeit über feministische Kulturvermittlung geschrieben, das war das Nachdenken über mein alltägliches Tun."
Die Bezeichnung Führerin lehnt Petra Unger – wenig überraschend – ab. Sie hat aus ihrer kritischen Haltung dem Fremdenführerberuf gegenüber ihren eigenen Beruf geschaffen und agiert eben nicht als Führerin, sondern als feministische Kulturvermittlerin. Auf ihren Stadtspaziergängen betrachtet sie die Stadt mit einem Blick für die Frauenspuren und Frauenfiguren darin. "Zum Beispiel vor dem Parlament, hier am Brunnen, sehen wir einige Frauenfiguren, aber allesamt allegorisch. Im Gegensatz zu einigen konkreten Männern. Die ganze Fassade stellt ein großes politisches Programm des Architekten Theophil Hansen dar. Frauen, in der griechischen Demokratie nicht zugelassen, finden wir hier nur als Sinnbilder, von mytholgischen Figuren, von Flüssen. Im Gegensatz zu Männern, die fast immer konkrete Personen darstellen."

So beginnt sie ihren Spaziergang. Detailliert schlüsselt sie die Bedeutungen der Allegorien auf, auch von Mythen wie jenem der aus dem Kopf von Zeus geborenen Pallas Athene: "So stellen sich Männer das Gebären vor: die Tochter springt fertig in voller Rüstung hervor! Dann erwähne ich Kaiser Franz Joseph. Er war ein Gegner der Demokratie, er wurde, sagte er, nicht in diesem Geiste erzogen, und er betrat die Kaiserloge im Reichsrat nie, war aber eitel genug, sich auf dem höchsten Punkt des Giebels mit der Verfassung in der Hand abbilden zu lassen, er übergibt die Verfassung Frauen, aber wieder in Sinnbildern, nämlich denen der Länder."
"Es gab immer wieder Überlegungen für eine feministische Aktion, den Herren-Statuen Frauenkleider anzuziehen", erklärt Frau Unger, aber es sei nie dazu gekommen. Beim oberen Eingang ins Parlament ist der erste Artikel der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte angebracht. Sie liest an dieser Stelle immer den Text vor. "Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geist der Brüderlichkeit begegnen."
Jetzt ist aber die Zeit gekommen, die Mappe mit der Aufschrift "Frauenspuren" zu konsultieren, die sie deutlich sichtbar bei sich trägt. Sie ist voller Zitate, Bilder und Informationen. Bei der Geschichte der Menschenrechte unterstützt sie Ungers Erzählung mit einem Bild der französischen Adeligen Olympe de Gouges. "Die wenigsten kennen sie, die sich in der französischen Revolution für Frauenrechte einsetzte und ihre Thesen in Paris selbst plakatierte." Ihre Version des ersten Menschenrechtsartikels lautet: "Die Frau wird frei geboren und bleibt dem Manne ebenbürtig in allen Rechten. Unterschiede im Reich der Gesellschaft können nur im Gemeinwohl begründet werden."
Olympe de Gouges sagte auch "Die Frau hat das Recht, das Schafott zu besteigen, gleichzeitig muss ihr das Recht zugestanden werden, eine Rednertribüne zu besteigen …" Was ihr ja dann tatsächlich zugestanden wurde. Damals gingen Ideen des Philosophen Charles Fourier um, der Feminismus als Anstrengung zur Gleichberechtigung und Emanzipation definierte und schrieb, der Grad der weiblichen Emanzipation sei der Grad der allgemeinen Emanzipation.
Wir haben die Parlamentsrampe verlassen und bewegen uns auf dem Zebrastreifen über den Ring. "Bald nach seinem Aufkommen wird der Begriff Feminismus diffamiert bis zu Kastrationsängsten", sagt Unger. "Die meisten Frauen bezeichnen sich als emanzipiert. Aber feministisch?" An dieser Stelle – sie entspricht ungefähr dem Ring-Radweg – oute sie sich als Feministin. In ihren Augen sei Feminismus zugleich ein Analyse-
instrument von Herrschaftsverhältnissen und eine politische Haltung, die gleiche Rechte und gleiche Chancen für alle Geschlechter fordere. Man könne Geschlechter verändern, mit Geschlechtern spielen. Nicht erst die feministische Theoretikerin Judith Butler, "schon Rosa Mayreder, unsere Pionierin im 19. Jahrhundert, sagte, Geschlecht ist eine Abstraktion."
1911 fand auf dem Ring übrigens eine Demonstration von Frauen für das Frauenwahlrecht statt, 20.000 Frauen zogen schweigend über den Ring. Das zu wiederholen sei der modernen Frauenbewegung nicht gelungen, sagt Unger bedauernd, "wir brachten nur 10.000 zusammen". Immerhin nahm eine Ministerin teil, immerhin wurden sie von einer Nationalratspräsidentin empfangen, von Barbara Prammer. Anfangs waren es nur sieben Frauen im Parlament, die untereinander heftige Kontroversen um das Dienstbotengesetz austrugen. Daraus wurde 1921 aber doch das erste Arbeitsschutzgesetz.
Das Problem der Repräsentanz besteht nach wie vor, es sind nicht nur die 50 Prozent Frauen, die nicht im Parlament vertreten sind, sagt Unger, und weist auch auf den neuerlichen klägliche Rückgang von 30 auf 27 Prozent hin. Es fehlt auch die Vertretung der jungen Leute, der migrantischen Minderheiten. Ihre Spaziergänge sind politisch, immer bringe sie Demokratiedefizite zur Sprache. Wir gehen durch den Volksgarten, vorbei an den verblühenden Rosen – man könnte behaupten, im November seien sie am schönsten, weil am unverhofftesten und weil die Parkbänke so leer bleiben – hinüber zum Sisi-Denkmal.

Petra Unger spricht fest, auf einem Ton, ohne Pausen, fast singend, sehr nachdrücklich. Sie hat mehr zu sagen, als in ihre zweieinhalb Stunden passt, steigt aber reaktionsschnell auf jeden Einwurf ein. Sie spiele mit dem Format des Spaziergangs, sagt sie. Es ist ihr bewusst, das bildungsbürgerliche Frauen mit dem Format mehr anfangen könne als Feministinnen, die halten es für altmodisch. Klar haben Männer mit den Inhalten Schwierigkeiten. In der Regel bilden sie nur zehn Prozent des Publikums, dennoch sind sie ihr willkommen. Am Anfang versuchen sie oft zu dominieren, manche probieren es sogar mit sexistischen Witzen, im Verlauf des Spaziergangs nehmen sie sich aber in die zweite oder dritte Reihe zurück.
Das verschafft Petra Unger keine Triumphgefühle. Männer müssen sich ihrer Privilegien bewusst werden, sie weiß, es ist schmerzhaft, sich mit etwas Identitärem wie Geschlecht zu beschäftigen. Aber gerade diese Beschäftigung ist ihr Thema.
Das Sisi-Denkmal scheint ihr, obwohl zu statisch – "es zeigt nicht die Frau in Bewegung" – durchaus gelungen. Immerhin liegen ihr ihre beiden Hunde zu Füßen. Von Sisi ("die Leute wissen mehr über sie als ich, deswegen kann ich erläutern, wofür diese Frau als Projektionsfläche diente: als Prinzessin im goldenen Käfig, als Tätowierte, als Morphinistin, als Sportliche …") sind es nur ein paar Schritte zum Heldenplatz, wo wir Denkmäler anderer Art sehen: Männer in Bewegung, Reiterstandbilder, den Balkon, auf dem Hitler stand, von dem aber Jahrzehnte danach Rosa Jochmann ihr "Niemals wieder" rief. Zeit, über den Begriff des Helden zu reflektieren.

Kritischer Umgang mit Geschichtsbildern ist angesagt, bei Sisi, aber auch bei Maria Theresia, deren Antisemitismus man gewöhnlich unterschlage. Auch die Rolle der Frauen im Nationalsozialismus bleibt nicht unerwähnt. "Die sexualisierte Gewalt war die Verantwortung der Männer, aber man darf nicht übersehen, dass Frauen nicht nur Hitler zujubelten, sondern auch indirekt das System durch Erfüllung ihrer Rolle am Leben hielten".
Der Blick auf den Ballhausplatz legt den Übergang zur modernen Frauenpolitik nahe, zu Bruno Kreisky und Johanna Dohnal, die ohne autonome Frauenbewegung nicht so viel zustande gebracht hätte, sagt Unger. Das Gewaltschutzgesetz mit seinem Wegweiserecht, 1997 beschlossen, bleibe Dohnals größtes Verdienst. Endlich musste nicht das Opfer gehen, sondern der Täter. Wie schwierig es ist, sich aus Gewaltverhältnissen durch eine Trennung zu lösen, war Nichtbetroffenen kaum bewusst. Was sich da alles geändert hat, vor allem auch in der Ausbildung der Polizei!
Man kann nicht alles nacherzählen, kaum streifen. Etwa, dass die zweite Frauenbewegung nicht erst in den 1960er-Jahren, sondern schon nach 1945 begann, mit Kundgebungen, bei denen Frauen wie die noch lebende Irma Schwager und die Architektin Grete Schütte-Lihotzky Plakate für Frauenrechte an ihre Handtaschen klebten.
In der Hofburg werden die Habsburgerinnen erwähnt und das "Tu felix Austria nube" als Zwangsheirat klassifiziert, aber auch die Frauensammlung Ariadne in der Nationalbibliothek. Auf dem Michaelerplatz riskiert Unger "ein absolutes No-Go: die Erwähnung einer Frau anhand des Monumentes ihres Mannes". Weil die Schauspielerin Lina Loos aber eine derart instruktive und amüsante Geschichte hat, wird diese vor dem Haus ihres kurzzeitigen Mannes Adolf Loos erzählt – Verlesung von Liebesbriefen inklusive –, der sich ihr gegenüber als Angeber und Hochstapler erwies.
Diese kleinen Auflockerungen und Ruhepausen sind wichtig, auch als Erholungsphasen zu den inhaltlich anspruchsvolleren Etappen, wenn es um Politik geht, um die Rolle der Frauen im Krieg zwischen Opfer, Systemerhalterin und manchmal Mittäterin. "Das Gehen selbst ist wichtig, die Leute können sich dabei ein wenig entspannen und Gehörtes verarbeiten und miteinander bereden." Auch mit amüsanten
Anekdoten reichert Unger zwischendurch die Dramaturgie ihrer Spaziergänge an.
An der Ecke Wallnerstraße/Kohlmarkt, im jetzigen Steigenberger Hotel, befand sich die vorbildlich progressive Schule der Eugenie Schwarzwald. Schwarzwald war Netzwerkerin, Schönberg unterrichtete bei ihr, Loos richtet die Räume ein, sie betrieb ein eigenes Taxiunternehmen und eine eigene Gemüsefarm für die Verpflegung der Kinder. Am Ende wurde sie von den Nazis vertrieben.

Vor dem Uhrenmuseum erinnert Unger an die Schriftstellerin Marie von Ebner-Eschenbach. "Sie hat immer beklagt, dass ihr höhere Bildung verweigert wurde. Paradox: Obwohl sie nicht studieren durfte, bekam sie ein Ehrendoktorat und eine Ehrentafel in der Uni." Die vorletzte Station ist der Judenplatz, der Wind hat nicht nachgelassen, warm ist uns deswegen nicht geworden.
Ja, manchmal habe Petra Unger schon überlegt, dass Vorträge in geheizten Sälen angenehmer wären. Aber der Anblick von Objekten ist eben durch nichts zu ersetzen. Etwa der von Rachel Whitereads Denkmal, oder der von unscheinbaren (jener der katholischen Kirche) oder fehlenden Gedenktafeln (auf dem Jordanhaus).
Als Petra Unger, selbst nicht jüdisch, als Mädchen zum erstenmal von der ­Shoah hörte, war sie tief entsetzt und hat sich bis heute nicht davon erholt. Rassismus und Faschismus bereiten ihr fast körperliche Schmerzen, sagt sie. "Ich arbeite gern mit Kindern und Jugendlichen zu diesem Thema, versuche Erinnerung an Widerstandskämpferinnen und Vertriebene in meine Spaziergänge einzubauen und damit die Erinnerung wachzuhalten und die Teilnehmerinnen aufzufordern, selbst politisch tätig zu werden."
Ziemlich logisch, dass der Endpunkt dieses Spaziergangs in die Frauenbuchhandlung ChickLit führt, die etwas versteckt in der Kleeblattgasse 7 liegt. Die Buchhandlung, lange an anderen Orten, war immer ein Ort der zweiten Frauenbewegung, Aktionen wurden hier geplant, Zeitschriften herausgebracht.
Zwei junge Frauen betreiben ChickLit und führen die Tradition fort. Zweieinhalb Stunden sind wir den materiellen Spuren der Frauenbewegung gefolgt, jetzt wärmen wir uns ein bisschen auf. Von den großen, windigen Allegorien zurück ins kleine, konkrete politische Leben. Nichthandeln, sagt Petra Unger, ist für sie in keinem Fall eine politisch zulässige Alternative.

Armin Thurnher in FALTER 50/2014 vom 12.12.2014 (S. 34)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Mut zur Freiheit - Faszinierende Frauen, bewegte Leben

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