The Arsenic Eaters

von Rob van Hoesel, Simon Brugner

€ 43,20
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Verlag: ERISKAY CONNECTION
Genre: Fotografie
Umfang: 144
Erscheinungsdatum: 24.07.2018


Rezension aus FALTER 17/2019

Der steirische Brauch

Wie Bauern, Knechte und Mägde sich einst mit Arsen aufputschten

Christian Bachhiesl sperrt sein Giftschränkchen auf. In der Vitrine liegen mehrere Brocken Arsen, weißes und gelbes. „Aber nichts mitnehmen“, scherzt der Leiter des Hans-Gross-Kriminalmuseums an der Universität Graz. Hunderte Menschen könnte man mit den paar Stücken ins Jenseits befördern: Bereits 0,1 Gramm sind tödlich. Normalerweise.

Vor 100 Jahren allerdings lebten in der Steiermark Menschen, denen diese Dosis nichts anhaben konnte. Sie aßen regelmäßig Arsen, bröselten es sich über das Butterbrot und in den Sterz: als Potenzmittel, um rosiger auszusehen und sich stärker zu fühlen. Bergsteiger lutschten es wie Kandiszucker, um beim Aufstieg „lüftiger“ zu werden, also besser Luft zu bekommen.

Bei Arsen denken wir an Giftmord und Filme wie „Arsen und Spitzenhäubchen“. Dass Menschen sich das Gift als Aufputschmittel einverleibten, klingt wie gut erfunden – doch in Kriminalarchiven schlummern Zeugen dieser Episode versunkener Geschichte. Bis vor kurzem wussten selbst in der Steiermark nur noch wenige Menschen Bescheid über diesen steirischen Brauch. Der Fotograf Simon Brugner ändert das gerade: Mit seinem düster-schönen Bildband „The Arsenic Eaters“ holt er dieses Kapitel ins kollektive Gedächtnis zurück. Das auf Englisch verfasste Buch ist beim niederländischen Kunstverlag The Eriskay Connection erschienen und hat es auf mehrere Best-of-Listen geschafft, darunter im Photo Book Journal. Beim diesjährigen Foto Wien Book Award erzielte es den zweiten Platz.

Als „Hausgift des Steirers“ bezeichnete der Arzt Julius Kratter das Arsen, wie man im Kriminalmuseum in einem Zeitschriftenband aus dem Jahr 1901 nachlesen kann: „Es gibt Gegenden in Steiermark, z.B. im Koralpengebiet, wo es kaum in einem Bauernhause fehlen dürfte.“ Man kenne das Gift als „weißen und gelben Arsenik“, auch „Hüttenrauch“ genannt. „Für den Steiermärker ist der Arsenik eine Art von Universalmittel. Der Pferdeknecht oder der Bauer selbst mischt ihn ab und zu zum Futter, damit die Pferde besser aussehen, feuriger und leistungsfähiger werden; er nascht selbst etwas mit und wird so zum Arsenesser.“ Wer einmal damit begonnen habe, dem gelte Arsenik „als bestes Mittel zur Erhaltung der Gesundheit, zur Verhütung von Krankheiten und zur Erreichung eines langen Lebens“.

Simon Brugner, 36, der in Pöllau aufgewachsen ist und jetzt in Wien lebt, ist durch seine 83-jährige Großmutter auf die alten Geheimnisse aufmerksam geworden. In ihrer Jugend war das Thema noch sehr präsent. „Aber die Leute waren sehr heimlich damit“, sagt sie, keiner habe darüber geredet. Brugner begann herumzufragen, begab sich mit seiner Kamera „auf Spurensuche in kleinen Tälern und großen Wäldern“. Er fand Bergwerke und Zeugen vergangenen Reichtums. Unter der Oberfläche fänden sich noch Spuren, sagt er: Sein Buch sei „eine eher poetische Herangehensweise“.

Über Jahrhunderte war Arsen ein wichtiger Wirtschaftsfaktor, die Ost- und Obersteiermark waren Hauptabbaugebiete. Brugner: „Die Steirer haben es an die Venezianer geliefert, die es zur Herstellung von Kristallglas verwendeten.“ Einige Menschen seien mit Arsenbergwerken sehr reich geworden. So auch die Familie, die das Kornmesserhaus in Bruck an der Mur errichtete, dessen gotische Arkadenfassade von den venezianischen Palästen dieser Zeit inspiriert ist.

Auch als Beiprodukt kam Arsen häufig vor, etwa in der Eisenproduktion: „Daher der Name ,Hüttrauch‘, vom Rauch in der Verhüttung.“ In den Rauchküchen der Bauern fand sich der Stoff ebenso, die Leute kratzten ihn von Wänden und Kaminen.

Als Heilmittel wurden arsenhaltige Mineralien schon seit der Antike verwendet: zum Senken von Fieber, gegen Asthma und Schmerzen. Die 1910 eingeführte Arsenverbindung gegen Syphilis gilt als erstes Chemotherapeutikum. Unter dem Namen Trisenox ist heute etwa ein arsenikhältiges Präparat gegen Leukämie auf dem Markt.

Die eigenmächtige Giftlerei in der Steiermark nahm ihre Anfänge bei den Pferden. „Wo Pferde sind, ist auch Arsenik“, hieß es. Die Tiere konnten damit schwerere Lasten ziehen. Auch für das „Rosstäuschen“ griff man ins Arsenkästchen, wie ein 79-jähriger Obersteirer erzählt: Dessen Großvater habe einst von fahrenden Händlern ein Pferd gekauft, stark und mit glänzendem Fell. Doch gleich darauf war es nicht mehr einsatzfähig: Es war wohl nur kurzfristig mit Arsenik aufgeputscht worden.

Doch warum war es für arme Leute damals sinnvoll, sich selbst Arsen einzuverleiben? Es war wohl mehr als die Mär, das Gift nütze dem Pferd nur dann, „wenn auch der Herr davon genieße“. Diese Frage hat Brugner besonders interessiert, und in seinem Buch spannt er den Bogen weit. Auf alten Schwarz-Weiß-Fotografien stehen Minenarbeiter, Holzknechte und Mägde, schwer arbeitende Menschen, in unwirtlicher Umgebung. Binnen Minuten konnte eine Lawine oder eine Mure den Tod bringen, dazu wüteten Infektionskrankheiten.

Bei all der Unbill gab es dieses Pulver, billig und leicht zu haben, das so vieles erträglicher zu machen schien. Brugner zitiert einen Arsenikesser: „Seht, wie stark und frisch ich bin und wie sehr euch gegenüber im Vorteil! In welcher Angst ihr euch befindet, wenn Fieberepidemien oder Cholera wüten, während ich mich sicher fühle, mich niemals anzustecken.“

Das ging bis zu Fantasien, man könne den Tod besiegen. Lange Zeit hielt sich das Gerücht, die Leichen von Arsenessern seien selbst nach 20 Jahren noch „fast unverändert“. Es sei kein Zufall, meint Brugner, „dass die ersten Vampirgeschichten in der Steiermark angesiedelt waren. Offenbar war es eine sehr abergläubische Region.“

Dazu passt der Fund, den Kriminalisten im 19. Jahrhundert neben einem Vergiftungstoten machten: In einem Glasgefäß befand sich ein Gemenge aus „Schnaps, Rauchtabak, grobgepulvertem, weißen Arsenik und einer grünen Eidechse“. Es habe sich wohl um „Zaubertrank“ gehandelt, ein Volksmittel gegen Fieber. Grundrezept: „etwas Arsen, etwas sehr Scharfes und etwas recht Ekelhaftes, zum Beispiel 7 lebende Läuse oder zerquetschte Spinnen auf Butterbrot“.

Ab Mitte des 19. Jahrhunderts interessierten sich zunehmend Wissenschaftler für das seltsame Phänomen, wie die Juristin Sybille Kogler in ihrem Aufsatz über Arsenmorde berichtet. Bei der Versammlung deutscher Naturforscher und Ärzte im Jahr 1875 gelang einem Mediziner „etwas schier Unvorstellbares“: Er stellte dem Publikum zwei Arsenikesser vor, einen 55-jährigen Schneider und einen 25-jährigen Knecht. Vor aller Augen nahmen beide eine normalerweise tödliche Menge Arsenik zu sich, „doch bei keinem konnten gesundheitliche Schäden oder akute Vergiftungserscheinungen festgestellt werden“. Ab da häuften sich die Berichte, bis nach Edinburgh, Boston und zur New York Times sprach sich die Nachricht von den Giftessern im Gebirge herum.

Freilich kam es immer wieder vor, dass ein Arsenikesser zu viel erwischte und an akuter Vergiftung hinschied. Es hieß aber auch: Wer einmal anfängt, darf nie mehr aufhören, sonst muss er sterben. „Man trank es, wurde jung und nach einiger Zeit vom Teufel geholt“, fasste der Volksschriftsteller Peter Rosegger es zusammen. Ein missgestalteter Bösewicht, heißt es, habe einst ein junges Mädchen mit Arsenik süchtig gemacht und so an sich gefesselt.

Männer verwendeten Arsen gern als „Viagra-Ersatz“, weiß Christian Bachhiesl vom Kriminalmuseum: „Besonders Bergknappen, die wegen des Vitamin-D-Mangels oft unter Potenzproblemen litten.“ Frauen führten es sich vor dem Geschlechtsakt zu Verhütungszwecken in die Scheide ein und nutzten es zum Abtreiben. Im Kriminalmuseum ist neben einem Glas mit einem orangen Klumpen zu lesen, dass darin befindliche Arsenik sei im Jahr 1915 bei der Kalsdorfer Magd Agnes M. gefunden worden. Doch „dass sie damit ihre Leibesfrucht abzutreiben versucht hätte“, konnte nicht bewiesen werden. Das Strafverfahren wegen Schwangerschaftsabbruchs wurde eingestellt.

Es liegt nahe, dass die Leute das vertraute Mittel auch dann rasch zur Hand hatten, wenn sie Böses planten. „Arsen ist das häufigst verwendete Gift für Morde“, heißt es in einer Enzyklopädie der Kriminalistik, weil „es weder durch Farbe noch durch Geschmack oder Geruch auffällt“. Arsenvergiftungen „erregen einzig dann Verdacht, wenn das Gift nicht fein gepulvert war und zwischen den Zähnen als ,sandig‘ entdeckt wurde“.

„Man hat es etwa zum ,Boseln‘ genommen“, weiß Bachhiesl: um verhassten Nachbarn oder anderen Widersachern Böses anzutun. In der Giftvitrine steht ein Glas mit vergifteten Bienen. Daneben liegen präparierte Maiskörner, mittels solcher war einst Federvieh um die Ecke gebracht worden.

Eine „gewaltige Angriffswaffe“ war es laut dem Gerichtsmediziner Julius Kratter auch, „wenn es galt, den alternden Mann hinterlistig in das bessere Jenseits zu befördern, um den jungen Knecht freien zu können“. Die raffinierteste Art des Vergiftens bestehe darin, das Arsen längere Zeit in Wasser, Suppe oder Kaffee zu kochen: „Jeder von uns würde eine so zubereitete Speise essen, ohne etwas zu merken.“

Doch wegen der vielen Arsenesser standen Gendarmeriebeamte bei einem Mordverdacht vor Problemen. Selbst wenn die Vergiftung nachgewiesen wurde, konnten Verdächtige sich hinausreden: Der Tote sei wohl ein notorischer Arsenesser gewesen!

Noch im Jahre 1951 stand genau diese Frage – Mordopfer oder Arsensüchtige? – in einem Strafprozess in Graz im Mittelpunkt. Anna Egger hatte versucht, ihren Ziehvater, einen Bauern, mit Rattengift umzubringen. Es misslang, und der Verdacht kam auf, dass auch die zwei Jahre zuvor verblichene Ziehmutter den Gifttod gestorben war. Die Leiche der Maria Spechtler wurde exhumiert, tatsächlich fand man in Haaren und Eingeweiden beträchtliche Mengen Arsen. Die Beschuldigte bestritt diesen Mord. Viele Menschen mussten aussagen, ob die verstorbene Maria Spechtler vielleicht eine Arsenesserin gewesen sei. Niemand bestätigte das. Mangels Beweisen wurde Anna Egger dennoch vom Arsenmord freigesprochen und musste „nur“ wegen versuchten Meuchelmords am Ziehvater in den Kerker.

Von da an wurde es allerdings, parallel zur Pferdewirtschaft, ruhig um das Arsenik. „Statt den Pferden kamen die Traktoren“, so Bachhiesl, „und die brauchen das nicht.“

Der letzte Fall von Arsenkonsum, von dem Simon Brugner erzählt bekam, datiert aus den 1970ern. Ein Rossknecht soll in schlechtem Zustand ins LKH Graz eingeliefert worden sein. Ein Arzt kam hinter die Arsenvergiftung, weil „der Mann so komisch nach Knoblauch roch“: ein typisches Zeichen. Der Mann verstarb – und mit ihm vielleicht der letzte steirische Arsenesser.

Gerlinde Pölsler in FALTER 17/2019 vom 26.04.2019 (S. 44)


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