A Different Cup Of Fish

von Robert Rotifer

Derzeit nicht lieferbar

Label: Survival Of Defeatist/Trost
Erscheinungsdatum: 26.01.2006

Rezension aus FALTER 37/2002

Ich bin nicht groovy

Robert Rotifer ist nicht nur Pop-Kritiker des "Falter", sondern tritt auch als Musiker auf - demnächst live in Wien. Ein Gespräch unter Freunden über Rotifers aktuelles Album, seinen Großvater, seine Wahlstadt London und beschissene Wohnzimmermusik.

Robert Rotifer beliefert nicht nur den Falter mit Artikeln aus der Pop-Szene. Er schreibt auch noch regelmäßig für die Berliner Zeitung, profil und als Kolumnist der Volksstimme ("Der knallrote Doppeldecker"). Außerdem moderiert er jeden zweiten Montag die FM4-Sendung "Heartbeat" und fungiert als Webhost des Senders. Vor dem Musikjournalismus war allerdings die Musik. Rotifer, 32, gründete vor 18 Jahren seine erste Band, hatte zwei Jahre danach seinen ersten Gig. Bereits als Zwölfjähriger versorgte er sich im Rahmen des üblichen Sprachurlaubs auf Canvey Island mit Fred-Perry-T-Shirt und entsprechendem Idiom, um in Hinkunft als Mod und britophiler Musiker in einer Stadt zu leben, die er vor knapp sechs Jahren dann endgültig Richtung London verließ. Dort hat er seiner musikalischen Karriere eine neue Wendung gegeben und voriges Jahr das Album "A Different Cup of Fish" herausgebracht.

Falter: Kommst du eigentlich zu jedem Interview zu spät?

Robert Rotifer: Das Problem ist, dass die Österreicher auf Rolltreppen stehen - da geht alles viel langsamer. Wenn ich Interviews mache, dann fangen die immer pünktlich an, wenn ich zu spät komme - und umgekehrt.

Archivierst du die alle?

Ja. Ich habe einen riesigen Haufen von DAT-Kassetten, Mini-Discs und Bändern. Und die besten Interviews sind die, die nicht zu finden oder kaputt sind. Beim Interview mit Ray Davies (Kopf der Kinks, Anm. d. Red.) hat das DAT-Band nicht funktioniert. Davies hat mir dann aber noch ein Interview gegeben - weil er ein guter Mensch ist.

In welche Kategorie fällt denn deine neue CD? Wir würden "corduroy pop singer" (Schnürlsamt-Schlagersänger) vorschlagen.

Corduroy ist natürlich gut. Ich tendiere eher zum Feincord. Wenn ich gefragt werde, sage ich: songwriterstuff, aber nicht wehleidig. Die Schule der leidenden Jeff-Buckley-Nachfolger mag ich nicht so.

Die Aufnahmen auf "A Different Cup of Fish" gehen bis Mitte der Neunzigerjahre zurück.

Ja, damals habe ich versucht, gemeinsam mit den Sofa Surfers und ihrem Atari Pop-Musik mit Samples und Beats zu machen. Wobei mir die Dance-Sachen immer zu abstrakt waren. Die Sofa Surfers wiederum haben meine Harmoniewechsel nicht geschätzt - es waren ihnen viel zu viele Akkorde.

Du hast deine Band The Electric Eels seinerzeit aufgelöst und das damit begründet, dass ihr der Welt nicht genug gegeben hättet.

Als ich eines Tages die Portobello Road hinuntergegangen bin, ist mir Damon Albarn (Sänger von Blur, Anm. d. Red.) entgegengekommen. Ich hatte ihm seinerzeit die letzte Electric-Eels-Platte gegeben, die ihm allerdings nicht besonders getaugt hat. Also fragte er mich, ob ich noch Musik mache. Ich habe geantwortet: "Ja, aber ich weiß nicht, ob die Welt das braucht." Worauf er meinte: "Wenn man sich das fragt, kann man gleich aufhören." Das war ein wesentlicher Antrieb für mich, weiterzumachen.

Woher kommt eigentlich dein Künstlername? Rotifer klingt wie eine Figur aus "Wickie".

Ich habe bei der Mod-Band The Losers gespielt. Als die Band aufgelöst wurde, sollten wir bei einem Benefiz gegen die Ostautobahn in der Arena spielen, worauf ich gemeint habe: Wir haben uns aufgelöst, aber ich kann alleine spielen. Auf die Frage, unter welchem Namen, habe ich im Wörterbuch krampfhaft nach einem Wort gesucht, das ungefähr nach einem Namen klingt und sowohl auf Deutsch als auch auf Englisch aussprechbar ist.

Und was ist es?

Ein Rädertierchen.

Ein Rädertierchen?

Es hat ziemlich wenig Zellen und ist auch auf der CD abgebildet. Ich habe einmal ein Interview mit einem Limnologen gemacht, der meinte: "Sie heißen wie mein Lieblingstierchen."

Man kann bei "A Different Cup of Fish" von deinem bisher persönlichsten Album sprechen, oder?

Im Vergleich zum Electric-Eels-Album schon. Obwohl es da zum Beispiel um den Samariterbund gegangen ist - und Zivildienst ist was sehr Persönliches.

Du hast ja sogar das Cover selbst gemalt. Seit wann kannst du denn das?

Ich wollte ursprünglich eigentlich Maler werden.

Hast du eine Aufnahmsprüfung gemacht?

Ich hab mit dem Gedanken gespielt, aber das Akademische hat mich nie so gereizt.

Aber du wärst vermutlich Tafelbildpinsler und kein Konzeptkünstler geworden, oder? Schließlich bist du ja auch Tafelbildmusiker.

Genau! Das Abstrakte ist irgendwie nicht in mir.

Eines unserer Lieblingslieder ist "Blue to Brown". Wer war dieser Zalel Schwager, von dem du da singst?

Das war mein Großvater.

Du hast ja wirklich makellose Roots!

Der war tatsächlich Sohn eines Rabbis, in Haft beim Justizpalastbrand, hat als Kommunist bei den Republikanern im Spanischen Bürgerkrieg gekämpft, ist dann nach Frankreich in die Résistance gegangen, wo er meine Großmutter kennen gelernt hat - in Frankreich ist auch meine Mutter geboren worden. Dann ist er nach Jugoslawien zu den Partisanen gegangen und später zurück nach Wien gekommen. Und das ist der Teil, den ich nicht verstehe: warum die nach Wien zurückgegangen sind. Meine Großeltern hatten hier beide ihre Familien verloren.

Im Song heißt es: Er sei jetzt lange genug tot, um dieses Lied schreiben zu können.

Er ist 1984 gestorben, und ich finde es immer leicht bedenklich, daraus Kapital zu schlagen, dass jemand eine rührende Geschichte hat.

Hast du ihn gefragt, warum er nach Wien zurückgekommen ist?

Darüber wollte er nie reden. Ich habe jetzt auch in London mit Kämpfern des Spanischen Bürgerkriegs Interviews gemacht, und die erzählen vielleicht über Schlachten - aber es bleibt immer unpersönlich. Als wäre das Persönliche was Triviales.

Es werden uns schon auch ein bissl die Leviten gelesen, oder? Zum Beispiel wetterst du in einer deutschsprachigen Passage gegen die "fabelhafte weiße Wohnzimmermusik" ...

Ja, die nervt mich auch sehr, die groovige Wohnzimmermusik. Diese Masse von Leuten, die sich auf einfache Weise den Anschein verleihen können, plötzlich groovy zu sein. Ich weiß, dass ich nicht groovy bin! Sagen wir so: Ich fühle mich beleidigt von Platten, die Accessoires des Schöner-wohnen-Katalogs sind und eine bestimmte Art von Groove und Minimalismus zum einzigen Inhalt haben. Wenn Gebrauchsmusik einen hegemonialen Anspruch stellt und man den Song als reaktionäres Format abtut, dann wirds für mich gefährlich. In Österreich sagen viele: Na ja, was du machst, ist schon so eine nostalgische Geschichte. Das finde ich völlig absurd! Wenns keine Songs mehr zu schreiben gibt, dann gibts auch keine Geschichten mehr zu erzählen. Und das wäre ja eher traurig und langweilig, nicht?

Du lebst seit 1996 in London. Ist es wirklich die Musik-Stadt, für die man es hält?

Schon. Ich habe einmal etwas gewonnen, weil ich einen Drei-Sekunden-Schnipsel der Marc-Ribot-Version von "While My Guitar Gently Weeps" identifizieren konnte. Das ist in London eine Frage, die man auf einem Sender stellen kann, der das Äquivalent von Radio Wien ist! Oder es kommt der Elektriker ins Haus, und du kannst mit ihm über Robert Wyatt und Elvis Costello reden. Das finde ich angenehm.

Was ist, abgesehen von der Musik, das Beste an London?

Wahrscheinlich das Transport-Museum. Diese alten Doppeldeckerstraßenbahnen und Busse faszinieren mich sehr. Aber was mir an London wirklich am meisten gefällt, ist das Licht. Dadurch dass die Stadt nördlicher liegt, kommt das Licht schräger und ist rötlicher. Das ist irgendwie sehr ... wie soll man sagen ... invigorating. Wie sagt man auf Deutsch?

Belebend?

Genau.

Was hat dich an Wien gestört?

Ich habe mich ein bisschen wie ein Alien gefühlt, und es steht schon ein bisschen unter Dauernarkose.

Zu langsam?

Sehr langsam.

Da bist aber doch auch kein speediger Typ, oder?

Eigentlich nicht, aber man wird mitgezogen und ist dann auch nicht mehr erschöpft deswegen.

Du wohnst in London im Stadtteil Kentish Town. Wie weit ist das vom Trafalgar Square?

Eine halbe Stunde mit dem Bus. Eigentlich liegt das fast noch im Zentrum. Die Vorstadt ist ziemlich traurig. Da kann man nur Punk machen. Und das will ich eigentlich nicht.

Wolfgang Kralicek in FALTER 37/2002 vom 13.09.2002 (S. 56)


Rezension aus FALTER 4/2002

Einem hartnäckigen Gerücht nach gilt Musikjournalismus als Ersatzbefriedigung für die Unfähigkeit eigenen Musikschaffens. Kollege Rotifer, den man auch als ehemaligen Vorstand der anglophilen Popformation Electric Eels kennt, wollte diesem Klischee noch nie entsprechen. Die Gitarre ist seit seiner Übersiedlung nach London zwar gelegentlich unterm Bett, nie aber ganz aus dem Bewusstsein verschwunden. Über die letzten Jahre entstanden so diese zehn solo oder im schlanken Bandformat eingespielten Songs, die weniger eine strenge musikalische Homogenität als vielmehr ihr berührender Individualismus und eine durchgängige persönliche Aufrichtigkeit eint. In dieser ansprechenden und letztlich durchaus stimmigen Beweglichkeit zwischen intimem Songwriting, leidenschaftlichem Homerecording und unüberhörbar von Cornershop beeinflusstem LoFi-Dance-Pop sticht dabei vor allem "Continental Casino Classic" als potenzieller Hit heraus.

Wolfgang Kralicek in FALTER 4/2002 vom 25.01.2002 (S. 54)


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