Tigermilk

von Belle and Sebastian

Derzeit nicht lieferbar

Label: Virgin / EMI
Erscheinungsdatum: 01.01.1999

Rezension aus FALTER 15/2011

Mach was Schönes, solange du kannst

Es ist nie zu spät für die Liebe: Die schottische Band Belle and Sebastian kommt erstmals nach Wien

Belle and Sebastian betraten die Popwelt auf Zehenspitzen. "The State That I Am In", der erste Song auf dem ersten Album der schottischen Band, beginnt so leise und so nackt, dass einem das Zuhören beinahe peinlich ist. Aus dem Nichts erklingt, zunächst nur zaghaft von einer akustischen Gitarre begleitet, die drängende Stimme eines jungen Mannes.
Er singt: "Überraschenderweise war ich 1975 einen Tag lang glücklich / Verwirrenderweise musste ich 1995 den ganzen Tag lang an einen Traum denken / Mein Bruder hatte sich als schwul geoutet / Das nahm eine Zeitlang den Druck von mir."
In diesen ersten vier Versen ist schon vieles enthalten, was diese Band so besonders macht. Der Mischung aus verträumtem Poesiealbum und explizit sexuellen Fantasien etwa wird man in den Texten von Belle and Sebastian immer wieder begegnen; und oft sind jene Songs die brutalsten, die am lieblichsten klingen.
Das Debütalbum wurde vor ziemlich genau 15 Jahren veröffentlicht. Mitgekriegt hat das damals kaum jemand. "Tigermilk" wurde im Rahmen eines Studentenprojekts am Stow College in Glasgow produziert, die Auflage betrug 1000 Stück. Erst danach haben Belle and Sebastian einen Plattenvertrag unterschrieben, und nur fünf Monate nach dem Debüt war auch schon das nächste Meisterwerk, "If You're Feeling Sinister", im Handel.
Alle frühen Alben beginnen nach dem Muster von "Tigermilk": Zuerst ist nur die Stimme des Sängers zu hören, erst nach und nach setzen die anderen Musiker ein. Auf subtile Weise wird so die Bandhierarchie deutlich: Belle and Sebastian waren und sind stark von dem Mann geprägt, der anfangs für alle Songs verantwortlich zeichnete: Stuart Murdoch.
Belle and Sebastian war ursprünglich quasi ein Soloprojekt; aber als es darum ging, eine Platte aufzunehmen, engagierte Murdoch nicht einfach ein paar Musiker, sondern er stellte eine Band zusammen. Eine Band, in der schließlich einige der charmantesten Eigenbrötler von Glasgow versammelt waren. Den Bassisten Stuart David etwa kannte Murdoch aus einem gemeinsam besuchten Kurs­programm für arbeitslose Musiker. "Er war definitiv uncool", erinnert sich David an den ersten Eindruck , den er von Murdoch hatte. "Aber ich fühlte mich genauso uncool."

"Belle et Sébastien" ist der Titel eines französischen Kinderbuchs. Dazu erfand Murdoch für das Plattencover die Geschichte des melancholischen Sebastian, der ein Mädchen namens Belle kennenlernt und mit ihr Songs schreibt. Erst nachdem er sich das ausgedacht hatte, lernte ­Stuart Murdoch auf einer Silvesterparty Isobel Campbell kennen. "Ich heiße Isobel", sagte sie. "Aber alle sagen Bel zu mir."
Natürlich spielte die junge Frau bald darauf in Murdochs Band (und zwar Cello!). Und natürlich wurden die beiden auch ein Liebespaar. Später werden die übrigen Bandmitglieder unter den Beziehungskrisen der beiden sehr leiden müssen.
Und noch später, nachdem alles vorbei ist, wird Murdoch das Scheitern seiner großen Liebe in dem grandios selbstmitleidigen Song "I'm Waking Up To Us" (2001) beklagen.
Belle and Sebastian, das ist nicht einfach nur eine Band. Es ist Stuart Murdochs romantische Idee einer Band. Trotzdem hat man nie den Eindruck, dass die anderen Musiker austauschbar wären; die Band wirkt wie ein Kollektiv aus Individualisten. Der Charme der ersten Platten verdankt sich auch dem Umstand, dass sie so handgemacht klingen. Der Sound ist nicht perfekt, und die Musiker sind keine Ausnahmekönner. Andere könnten diese wunderschönen Songs vielleicht besser spielen. Aber niemand könnte sie so spielen wie Belle and Sebastian.
Stuart Murdoch ist nicht nur bekennender Christ – er lebte jahrelang als Hausmeister im Pfarrhaus einer Kirche – und Romantiker, sondern auch ein Kämpfer. In dem frühen Song "We Rule the School" formuliert er sein Credo: "Do something pretty while you can."
Das Attribut "independent" haben Belle and Sebastian sehr ernst genommen. Von der Aufnahme bis zum Coverfoto haben sie immer alles selbst gemacht oder zumindest selbst bestimmt. Und mit ihrer langjährigen Verweigerungshaltung gegenüber den Zumutungen des Musikbetriebs – Interviews, Touren und dergleichen – haben sie den ganz großen Erfolg selbst erfolgreich torpediert.
"Ich habe noch nie mit einer Band gearbeitet, deren Sound so wenig Punk ist", fasst Tourmanager Stevie Dreads zusammen. "Aber auch mit keiner, deren Haltung so sehr Punk ist."
Das unschuldige Popmärchen Belle and Sebastian drohte dennoch bald an der schnöden Wirklichkeit zu zerbrechen. Nachdem die ersten beiden Alben jeweils in zwei Wochen eingespielt waren, zogen sich die Aufnahmen für "The Boy With The Arab Strap" (1998) ewig hin, und obwohl es bis heute ihr meistverkauftes Album ist – und ein ziemlich großartiges noch dazu –, war die Band unzufrieden. Als es beim nächsten Album noch mühsamer wurde, war das Ende nah. Zuerst verließ Stuart David die Band, dann Isobel Campbell.

Aber die Krise bedeutete nicht Ende, sondern die Wende. Belle and Sebastian beschlossen, jetzt doch noch eine richtige Band zu werden. Sie gingen auf Welttournee, besuchten Talkshows und engagierten für "Dear Catastrophe Waitress" (2003) den berühmten, aber auch berüchtigten Produzenten Trevor Horn. Der befürchtete Kulturschock blieb aus: Belle and Sebastian klangen immer noch wie Belle and Sebastian, nur der Sound war besser.
Für die letzten Alben gilt das allerdings nicht mehr. Der Sixties-Retro-Sound, der früher eine Kampfansage war, klingt heute nur noch retro. Der Zauber der frühen Jahre ist unwiederbringlich dahin. Aber das lässt sich wohl nicht vermeiden, wenn aus der Idee einer Band eine Band wird.
Die Alternative wäre noch trostloser: eine Welt ohne Belle and Sebastian. Und immerhin ist aus den einstigen Studiohockern inzwischen eine tolle Liveband geworden. Diese Woche kommen sie endlich nach Wien. Der Spielort für ihr spätes Debüt ist nicht ideal, aber wenn es einer Band zuzutrauen ist, Schönheit in den Gasometer zu bringen, dann dieser. Do something pretty while you can.

Wolfgang Kralicek in FALTER 15/2011 vom 15.04.2011 (S. 28)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Write About Love (Belle And Sebastian)

Rezension aus FALTER 37/1999

Ursprünglich wurde dieser Erstling von Everybody's Pop-Darling Belle and Sebastian in sehr limitierter Auflage als Abschlussarbeit eines Uni-Projekts veröffentlicht und erzielt bei Sammlern mittlerweile Liebhaberpreise jenseits von gut und böse. Weil die Popwelt aber hin und wieder gerecht ist, wurde dieses Album jetzt wieder veröffentlicht. Darauf ist bereits all das vorhanden, was die Schotten später emotional verdichten sollten: melancholische Akustikgitarren, eine Spur zu zappelig für richtige Traurigkeit, und seltsam zurückhaltender Gesang. Joni Mitchells musikalisches Erbe, das man nie geleugnet hatte, ist omnipräsent. Und die zurückhaltenden Streicher und Bläser verleihen Belle and Sebastians Entwürfen letztlich jene erhabene Zeitlosigkeit, die ihre Folge-Alben auszeichnet.

in FALTER 37/1999 vom 17.09.1999 (S. 58)


Bitte warten...

Sie haben folgendes Produkt in den Warenkorb gelegt:

{{var product.name}}


weiter einkaufen
zum Warenkorb