Label: Harmonia Mundi/Helikon
Erscheinungsdatum: 01.01.2000

Rezension aus FALTER 32/2000

"Fünf Paßionen, worunter eine zweychörige befindlich ist" soll Bach laut Sohn Carl Philipp Emanuel geschrieben haben. Beweise dafür gibt es genauso wenig wie Grund zur Annahme, der Thomaskantor könnte alle Passionsberichte der vier Evangelisten vertont haben; überliefert sind jedenfalls nur die Passionen nach Johannes und Matthäus (die erwähnte "zweychörige") sowie das Wissen um eine verschollene nach Markus von 1731. Schon im vorletzten Jahrhundert gab es erste Versuche, die "Markus-Passion" zu rekonstruieren - unter Verwendung bekannter Kantaten, Arien und Oratorien: Keine ganz unseriöse Praxis, denn schließlich war auch J.S.B höchstpersönlich ein Meister der Wiederverwertung. Fürs Bach-Jahr 2000 hat nun der brillante Organist, Cembalist und Dirigent Ton Koopmann drei Jahre lang an einer eigenen Rekonstruktion gearbeitet, allerdings unter etwas anderen Vorgaben als seine Vorgänger: Koopman schlüpfte in die Rolle eines fiktiven Bach-Schülers, dem sein Meister folgenden Auftrag gab: "Hier ist ein Textbuch; vertone es und verwende dabei so viel wie möglich aus den Werken, die ich bis heute (1731) geschrieben habe. Was du nicht finden kannst, das komponiere selbst." Koopman hat eine Menge wiederverwertbares Material gefunden (wo, verschweigt das Booklet) und feinfühlig neu zusammengesetzt; selber komponieren musste er vor allem zahlreiche Rezitative. Das Ergebnis (auf dieser CD mit Bernhard Landauer, Christoph Pregardien, Klaus Mertens u.a.) klingt - bei aller Eigenständigkeit und natürlich ohne Anspruch auf Authentizität zu erheben - ziemlich überzeugend. In Bachs Musik findet sich vieles, wofür andere Komponisten später berühmt wurden - auch das Arbeitsprinzip des Work-in-Progress. Seine "Johannes-Passion" etwa hat Bach zwischen 1724 und 1749 in mindestens vier verschiedenen Versionen zur Aufführung gebracht; zu einer endgültigen Fassung konnte er sich nie durchringen. Heute ist meist die Version von 1739 zu hören, der Kölner Dirigent Peter Neumann jedoch entschied sich auf seiner tadellos eingespielten neuen CD (mit Ruth Holton, Markus Brutscher, Tom Sol u.a.) für die zweite Version von 1725. Riesig sind die meisten Unterschiede freilich nicht: Einige Arien wurden ausgetauscht, manche Textstellen variieren etwas, und hie und da wurde ein Satz verändert - Geschmackssache also. Der andere Schluss - ein groß angelegter Choralchor statt des gewohnten schlichten Solos - fällt schon eher auf und hat einiges für sich. Der Anfang allerdings kann für Enttäuschung sorgen: Da nämlich verzichtete Bach auf ein echtes Highlight des Werks, den großartigen Choral "Herr, unser Herrscher". Die "Matthäus-Passion" ist sicher das Meisterstück unter Bachs Passionen, und Gleiches gilt für deren Einspielung durch Philippe Herreweghe: Die jungen Sänger (Ian Bostridge, Sibylla Rubens, Andreas Scholl u.a.) platzen beinahe vor Spielfreude, das schlank besetzte Chor- und Orchesterensemble spielt so lebendig und transparent, wie man das selten hört, Dirigent Herreweghe zeigt mustergültig vor, was Klangrede alles sein kann, und den Tontechnikern gelang eine unglaublich plastische Wiedergabe der Doppelchörigkeit. Dazu gibts eine hervorragend gestaltete CD-ROM (nur für Windows), die Laien verständlich in Bachs Leben und Werk einführt und auch Auskennern noch einige Informationen bietet. Kurz: ein Muss.

in FALTER 32/2000 vom 11.08.2000 (S. 52)


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