Oceans Apart

von Go-Betweens

Derzeit nicht lieferbar

Label: Lomax/Edel
Erscheinungsdatum: 01.01.2005

Rezension aus FALTER 20/2005

Oktoberregen im Frühling Die Go-Betweens stellen ihr Reifewerk "Oceans Apart" demnächst live in Wien vor. Ein Gespräch mit Grant McLennan und Robert Forster über vergessene Bohemiens, Zugfahrten mit Dostojewski und die Sehnsucht nach Tasmanien. Beständig großer Pop entspricht erfahrungsgemäß nie den Konventionen seiner Zeit. Die Annahme, dass er jener deshalb voraus wäre, ist aber purer Optimismus. Politisch gesehen mag sich die Welt etwa nie von jener Periode erholt haben, als die jungen Börsianer mit Föhnfrisuren und roten Hosenträgern selbstzufrieden zum Soundtrack vergänglicher Größen wie Spandau Ballet und Duran Duran wippten, während Thatcher, Reagan und Kohl freudig die Wohlfahrtsgesellschaft demontierten. Als Haartaft und Schulterpolster die Popwelt regierten, waren die Go-Betweens von all dem einfach zu unbeeindruckt, einerseits um dazuzugehören, andererseits um sich als Antithese zum - wie man damals sagte - "Zeitgeist" darzustellen. Die unprätentiös dahingeschrammelten Gitarrenpopsongs der beiden Go-Betweens-Songwriter Robert Forster und Grant McLennan waren keine utopischen Gegenvisionen. Genauso wenig wollten sie "interessante Freaks" sein, wie Forster die Welt in "Draining the Pool for you" wissen ließ. Stattdessen befuhren die aus Brisbane stammenden, in ihrer temporären musikalischen Wahlheimat London sozialisierten Australier konsequent und unbeirrt "The Wrong Road" (so der Titel eines der besten McLennan-Songs dieser Zeit). Oder wie es Robert Forster selbst in seinen Liner-Notes zum vor sechs Jahren erschienenen Best-of-Album "Bellavista Terrace" formulierte: "Wir waren zu gut für die Charts." Tröstlicherweise genießen wir im Zeitalter der Remasters die revisionistische Freiheit, im Nachhinein die Guten gewinnen zu lassen. In den letzten Jahren wurden unzählige hymnische Rezensionen zu Wiederveröffentlichungen sämtlicher Go-Betweens-Alben verfasst, während die Kernmitglieder Forster und McLennan ihre Band mit großem Erfolg wieder zum Leben erweckten. Ihr jüngster Wurf "Oceans Apart" ist nach "The Friends of Rachel Worth" und "Bright Yellow Bright Orange" bereits das dritte Album dieser fruchtbaren Renaissance-Periode. Der Falter traf Grant McLennan und Robert Forster in London, um mit ihnen die autobiografischen Bezüge dieses beeindruckenden Reifewerks zu ergründen. Falter: Der ewige Katzenjammer über Ihren unbelohnten Status als Kultband der Achtziger gehört längst zu den musikjournalistischen Pflichtübungen. Nervt dieses Geraunze nicht manchmal? Schließlich lief es in den letzten Jahren für die Go-Betweens doch eigentlich gut. Grant McLennan: Oh ja. Ich finde, Erfolg bedeutet, dass man die Arbeit machen kann, die man machen will. Seit Robert und ich die Band gründeten, waren wir nie auf einen normalen Job angewiesen, im Gegensatz zu vielen anderen Musikern, die ich kenne. Mittlerweile geht auch mir diese ständige Wiederholung auf die Nerven, was wir alles hätten sein können oder hätten sein sollen. Ich kann jeden Tag aufwachen, wann ich will. Wenn ich arbeiten will, kann ich das tun, wenn nicht, lese ich ein Buch. Das klingt sehr faul, aber für mich ist das mein Erfolg. Sie haben einmal Ihren ehemaligen Wohnungsgenossen Nick Cave interviewt, das war 1992 zur Zeit seines Albums "Henry's Dream". Damals war er zornig auf sich selbst und die gesamte Rockjournaille. Mittlerweile hat sich sein Zorn mehr dem Zustand der Welt außerhalb dieser Blase zugewendet. Erweitert sich mit dem Alter die Perspektive eines Songautors, der sich aus dem Wettbewerb ausgeklinkt hat? McLennan: In Nicks Fall hat es damit zu tun, dass er jetzt Kinder hat. Er muss nicht mehr so schwer arbeiten, weil er sehr erfolgreich ist, also ist da auch eine gewisse Zufriedenheit. Und wir empfinden dasselbe. Wir sind in unseren Vierzigern und schreiben seit über 25 Jahren Songs. Da lernt man so einiges, nicht nur über seine Kunst, sondern auch über das Menschsein. Wenn man jünger ist, ist alles schwarz oder weiß. Je älter man wird, desto mehr Überblick bekommt man. Die Texte Ihres neuen Albums sind voller autobiografischer Referenzen, die zum Nachfragen anregen. Ein besonders offensichtliches Beispiel sind all die Namen von Freunden und Bekannten, die im Song "Darlinghurst Nights" aufgezählt werden. Wo ist Darlinghurst überhaupt? Robert Forster: Darlinghurst ist eine Vorstadt von Sydney. Der Song spielt ungefähr im Jahr 1983. Wir hatten gerade ein Jahr in London verbracht, um das Album "Before Hollywood" aufzunehmen, und waren für eine Tournee nach Australien zurückgeflogen. Wir blieben zwei Monate dort und waren in einem Haus in Darlinghurst untergebracht. Da trafen wir viele Leute, es war eine echte Bohemien-Szene. Bevor alles von Starbucks erobert wurde, gab es nur bestimmte Stadtteile, wo man Cafés und billige italienische Restaurants entdecken konnte. Es war diese Art von Zeit, es war diese Art von Leuten. Manche von ihnen waren Journalisten, manche waren in Bands, manche waren Fotografen ... McLennan: Oder Callgirls. Forster: (lacht) Ja, auch Callgirls. Und manche von ihnen waren einfach Leute, die nur viel redeten und sonst nicht viel taten. Und andere spielten die ganze Nacht auf dem Cello, wie wir aus dem Text erfahren. Ein klein wenig Nostalgie schwingt da schon mit, oder? Forster: Ich weiß nicht, ob man Nostalgie dazu sagen kann. Es ist ein Blick zurück. Wir mischten unser letztes Album in einem Studio in dieser Gegend von Sydney ab. Grant und ich waren seit vielen Jahren nicht dort gewesen, und ich ging auf dem Weg ins Studio jeden Tag durch diese Straßen. Das rief mir diese Dinge ins Gedächtnis zurück. Die Assoziationen bestimmter Orte mit früheren Begegnungen ziehen sich wie ein roter Faden durch "Oceans Apart". McLennan: Wir legten es nicht bewusst so an, aber wenn Sie diesen Eindruck vom Album mitnehmen, dann passt das schon. Ich glaube, eine der Verbindungen, die einen Dialog zwischen den Songs herstellen, ist die Suche nach einem Punkt der Erfüllung. Und alle Orte, die vorkommen, haben dabei ihre Bedeutung, so wie zum Beispiel das fiktive Foxhill Green aus "No Reason to Cry" für England steht und im selben Song eine Referenz auf Portugal vorkommt. All das hat damit zu tun, warum das Album "Oceans Apart" heißt. Wir sind Menschen von der südlichen Hemisphäre, und wir sind einfach anders. Ein banales Detail zum Unterschied zwischen den Hemisphären: In "The Mountains Near Dellray" ist vom Oktoberregen die Rede. Das bedeutet in Australien natürlich etwas anderes als in Europa, nämlich Frühling. Forster: Genau. Sie finden all diese kleinen Dinge in meinen Texten. Warum machen englische Journalisten nicht solche Beobachtungen? McLennan: Die hören nicht zu. Forster: Das stimmt allerdings. "The Mountains Near Dellray" ist ein sehr folkiger Song, und ich konnte keinen folkigen Text dazu finden. Und dann traf ich Grant, der gerade in Tasmanien gewesen war. Er erzählte mir von Leuten, die in Scheunen Musik spielen und von der Blumenzucht leben. Für mich klang das wie ein Ideal. Im Song "Lavender" wird eine Frau mit den Worten "Sie hat Tasmanien im Hinterkopf" beschrieben. Forster: Ja, das hat mit meiner Frau zu tun, die übrigens Deutsche ist. Wir leben jetzt in Brisbane, sind aber beide von Tasmanien fasziniert. Wir sollten wenigstens auf Urlaub dorthin fahren. Ich sehne mich danach. Wenn es da um Ihre Frau geht, macht das auch die erste Zeile sehr interessant: "Alle sagten, sie sei gut im Bett" ... Forster: (kichert verlegen) Nun ja, der Song handelt nicht nur von meiner Frau. Es ist eine Mischung aus verschiedenen Dingen. Sie hatten immer schon eine Neigung zu literarischen Anspielungen. In "Here Comes the City" ist von Zugpassagieren die Rede, die Dostojewski lesen und wie Dostojewski aussehen. Ist dieser Song die Geschichte eines Pendlers? Forster: Er handelt von einer vierstündigen Reise, die ich schon öfter hinter mich gebracht habe. Von Regensburg in Bayern bis rauf zum Flughafen Frankfurt, von wo aus die Qantas-Flüge nach Australien abgehen. Da gibt es einen Flug spät in der Nacht. Die Zugfahrt ist sehr lang, das ist die Strecke, die von Budapest über Wien, Linz, Nürnberg bis hinauf nach Hamburg geht. Das heißt, die Wolkenkratzer im Text sind die Bankentürme von Frankfurt? Forster: Ja, diese Dinge, die da vorkommen, sind alle sehr konkret. In "Born to a Family" beschreiben Sie Ihre Herkunft aus einer "Familie ehrlicher Arbeiter" und wie Sie "das System verändert" hätten. Was ist darunter zu verstehen? Forster: Alle in meiner Familie hatten eine bestimmte Art von Leben und Beruf. Und dann kam ich daher und wurde Songwriter. So was hatte niemand in dieser Familie getan. Es überraschte mich selbst genauso wie meine Eltern. Als ich mit 15 in die Schule ging, dachten sie sicher nicht, dass ich ein Songwriter werden würde. Jede Familie hat ihr Geschäft. Es gibt Lehrerfamilien und Beamtenfamilien, und wenn du zu einer Familie gehörst, die immer mit ihren Händen gearbeitet hat, bleibt das meistens so. Ich aber stellte mich außerhalb dieses Familiengeschäfts. Das war die Art, in der ich das System veränderte. Mittlerweile hat das Establishment den Arbeitersohn in seine Arme geschlossen. Ein australischer Politiker hat im US-Senat Ihre Platten an die Abgeordneten verteilt. McLennan: Das war der Premier von Queensland, der nach Amerika fuhr und uns bei einem Gesellschaftstermin erwähnte und so tat, als würde er was über uns wissen. Er schickte uns einen netten Brief, und beim nächsten Mal nahm er ein paar von unseren Platten mit. Die Go-Betweens waren nie die Art von Band, auf die Politiker stolz sind. Forster: Ja, das hat uns auch gewundert. Aber die Kultur hat sich verändert. Während der Sechziger und Siebziger gab es in Queensland eine sehr konservative, fundamentalistische Regierung. Jetzt ist die Regierung dort ein bisschen mehr links, so wie die SPD in Deutschland nach Helmut Kohl. Aber es war etwas, das der Premier ganz von selbst tat. Er wollte den Amerikanern zeigen, wie die Kultur von Queensland klingt, und irgendwie machte mich das ziemlich stolz.

in FALTER 20/2005 vom 20.05.2005 (S. 62)


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