Provinz Kaiser

von Lofi Bohème

Derzeit nicht lieferbar

Label: King Fi/Hoanzl
Erscheinungsdatum: 30.08.2006

Rezension aus FALTER 35/2006

Austria Obscura

Baby, lass uns spießig sein" singt die Beautiful Kantine Band auf ihrer bereits dritten CD "Deluxe Vol.1" (Wohnzimmer/Broken Silence), deren Rückseite stilvoll das "Help"-Backcover der Beatles zitiert. Ehrensache, dass es der burgenländischen Entertainercombo mit dem speziellen Sixtiesfaible damit nicht um ein Hohelied aufs Neobiedermeier, sondern um eine etwas anders formulierte Liebeserklärung geht. Auch mit dem Rest der in weniger als dreißig Minuten abgehandelten dreizehn Songs zwischen Beatmusik, Surfinstrumentals, einer Idee von Schlager und einem Hauch von frühem Rock'n'Roll bestätigt sich das Quartett als eine der charmantesten Kapellen des Landes - und kommt im Fansong "Du hast es dir verdient Elfriede" sogar damit durch, Elfriede Jelinek als "sexy Teufelswesen" zu bezeichnen.

Um Stil bemüht sich auch das oberösterreichische Trio Cafe Amigo. Mit "Fuck You, We Are Famous" (Las Vegas Records/Hoanzl) hat man einen passablen Plattentitel, und das Cover, das Anzugträger mit Discokugeln als Kopfersatz zeigt, ist auch ganz nett. Der Trashmixtur aus Drumcomputertanzmusik, Schrammelpunk und NDW-Schlager geht allerdings auf halber Strecke die Luft aus; die Idee ist hier vorerst noch größer als das Ergebnis.

Auf ansprechende Weise eigenwillig ist "Provinz Kaiser" (King Fi/Hoanzl) ausgefallen, das Debüt der Grazer Band Lofi Bohème. Wir hören einen Singer/Songwriter, der sich weder an die Akustikklampfe noch an die unmittelbare Vertonung des kargen Alltagslebens klammert. Irgendwo zwischen Liedermachertum und Jazz, Chanson, Erwachsenenpop und Schlager angesiedelt, treffen die poetischen, bisweilen vielleicht etwas zu forciert vorgetragenen Texte des Sängers und Gitarristen Gregor Schenker - seines Zeichens Theaterkritiker des Steiermark-Falter - vielmehr auf die kundige Unterstützung lokaler Musikprofis, unter anderem von der Gruppe Beefolk.

Anders als glücklich müssen Menschen sein, die ihre Zeit freiwillig mit "Auf Deinen Schwingen" (Sony BMG) verbringen, dem neuen Werk des kommerziell vor allem in Deutschland erfolgreichen Wiener Gruftpop-und Düsterrockduos L'Âme Immortelle. Musikalisch ein Genrebausatzkasten, in dem Subtilität streng verpönt ist, konfrontiert diese Platte ihre Hörer mit Texten, die überdosierten Pathosquatsch mit klischeehafter Lethalkoketterie kombinieren.

Gerhard Stöger in FALTER 35/2006 vom 01.09.2006 (S. 52)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Auf Deinen Schwingen (L'Âme Immortelle)
Deluxe Vol. 1 (Beautiful Kantine Band)
Fuck You, We Are Famous (Cafe Amigo)

Rezension aus FALTER 32/2006

Wenn Kaiser schmusen

Lofi Bohème, die Grazer Band rund um Multitalent Gregor Schenker, könnten mit ihrem Debütwerk "Provinz Kaiser" die heimischen Sofalandschaften erobern.

Begeisterung ist etwas Zweischneidiges: ein Leben aus Kodakmomenten, herrlich, unschlagbar - aber auch ziemlich anstrengend. Wie Radiosender, die einem ständig Höhepunkte vorspielen. Irgendwann wird das uninteressant. Es ist also klug, einen unaufdringlicheren Weg zu nehmen, und nicht nur was Musik betrifft, ist Gregor Schenker ein kluger Mann. Lofi Bohème nennt der Grazer seine neue Band. Lofi Bohème - so nennt man auch jenen Teil der Bevölkerung, der - streng an der Grenze zur Prekarität - in einem Cocktail aus Jobs (einer zur künstlerischen Verwirklichung, einer fürs Sozialprestige, einer fürs Überleben) schwimmt. Als Fernziel gilt, alle Identitäten zu verschmelzen. Und doch schwingt im Namen Lofi Bohème etwas unangestrengtes Lustvolles mit.

Es ist zunächst also kein Zufall, dass das Cover von Lofi Bohèmes Debüt "Provinz Kaiser" an eine Tapete erinnert. Nun handelt es sich bei Wohn-und Schlafzimmern ja um Tapetenräume, in denen man ganz gerne privat ist. Man mag sich die Songs des als Falter-Theaterrezensent, Musiker, Schauspieler und Hochzeits-DJ selbst mit mehreren Identitäten jonglierenden Lofi Bohèmiens also gerne als Soundwerdung dessen vorstellen, was so passiert, wenn etwa Seal und Heidi Klum allein zu zweit sind. Wobei Seal in diesem Bild für eine leicht abgedunkelte, allseits beliebte Wohligkeit stehe und Heide Klum für das hübsche deutsche Unternehmertum. Unternehmergeist kann man Schenker bei diesem im Alleingang an der Phonoindustrie vorbei kreierten Album nicht absprechen. Er gründete ein eigenes Label (King Fi), begeisterte vier "geile Jazzmusiker" für seinen vielschichtigen Chanson-Pop, nahm im eigenen Wohnzimmer auf, produzierte selbst. Nur den Vertrieb überlässt er Hoanzl. "Provinz Kaiser" sollte also bald in den Plattenläden stehen.

"Wenn ich einen Helden habe, dann Adriano Celentano", unterstreicht Schenker im Gespräch seinen Anspruch auf niveauvolle Unterhaltung. "Es gibt viel Musik, die mich begeistert, aber wenig, die sich angenehm zu Hause durchhören lässt." Und so klingen die elf Tracks derart körperwarm und zur Sache, als hätte Schenker sie alle kurz vor Ladenschluss in einem Lingeriegeschäft kennen gelernt. Befindlichkeitsprosa hingegen lehnt der seit Projekten wie "Die geilen Schweine" und "Supernova" in Graz popspezifisch Verdächtige ab und sorgt mit originären Beobachtungen für ein wenig Tiefgang auf den Polstermöbeln: "Es gibt so viele Provinzkaiser, also besserwisserische Nervensägen, und von denen handeln auch meine Lieder."

Element of Crime, Calexico - mit diesen Namen lässt sich die Musik von Lofi Bohème im Ansatz vergleichen. Schenker selbst wäre ähnlichem Erfolg, der Verschmelzung aller Identitäten, zwar zugeneigt, spricht aber von realistischen Erwartungen, von sich als "authentischem Chamäleon" und nennt andere Motive: "Der einzige Grund, warum ich Musik mache, ist, dass mir immer wieder neue Lieder einfallen."

Christof Huemer in FALTER 32/2006 vom 11.08.2006 (S. 7)


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