Alles verloren

von Binder und Krieglstein

Derzeit nicht lieferbar

Label: Universal
Erscheinungsdatum: 01.01.2007

Rezension aus FALTER 6/2007

Die Musik des Grazer 1-Mann-Duos Rainer Binder-Krieglstein hat auf Album Nummer drei ihr LoFi-Kleid zugunsten eines flashigeren Soundgewands abgelegt. Geschneidert wurde dieses vom Frankfurter "Bucovina Club"-Macher Shantel. Mit "Alles verloren" will Binder-Krieglstein neue Hörer gewinnen und vor allem in Deutschland punkten (deshalb finden sich neben neuen Stücken auch einige ältere auf der Platte). An der Bandbreite seiner immer schon von freigeistigen Grooves bis hin zum Pop reichenden Musik ändert sich dadurch allerdings wenig. Und mit "Piraten", dem Cover eines Songs von Polman Reisen, und vokaler Unterstützung von Gustav geht sich auch ein neuer Hit aus.

Sebastian Fasthuber in FALTER 6/2007 vom 09.02.2007 (S. 60)


Rezension aus FALTER 4/2007

Noch ist nichts verloren

"Alles verloren" heißt das neue Album von Rainer Binder-Krieglstein. Damit er dennoch auf der Gewinnerseite landet, hat der Grazer Musiker für den Feinschliff seiner stilvollen Popkompositionen den Bucovina-Club-Erfinder Shantel an Bord geholt.

Rainer Binder-Krieglstein ist ein umtriebiger Stadtbewohner. In Graz begegnet man dem Musiker, wenn er nicht gerade am Schlagzeug arbeitet oder durch angesagte Lokale streift, meist radfahrend, sehr häufig im Bezirk Lend, den er seit einigen Jahren auch bewohnt. Eben dorthin hat sich vor einigen Jahren auch Stefan Hantel verirrt, um sich im Gastgarten des legendären Hausmannskostspezialisten "Mohrenwirt" eine solide Grundlage für seine abendliche Balkan-Extravaganz, den renommierten Bucovina Club, anzuessen. Und weil Lend ein überschaubarer Bezirk ist, war ein Treffen der beiden Musiker eigentlich nur ein kleiner Zufall. Bekannt war man miteinander bereits von früher, schon 2003 hat sich der Frankfurter Hantel, besser bekannt als Shantel, mit einem Remix von "Wir wissen nicht" in die Popwelt von Binder-Krieglstein eingearbeitet. Damals im "Mohrenwirt" beschlossen die beiden jedenfalls, künftig noch mehr gemeinsame Sachen zu machen. Gerade eben, ein gutes Jahr nach dieser Begegnung, hat "Alles verloren", das dritte Album von Binder&Krieglstein, auf Hochglanz poliert, Shantels Frankfurter Studio verlassen.

"Wir wissen nicht, wohin wir gehen", heißt es in besagtem Song, der es damals schon in die FM4-Charts schaffte und der sich auch auf der neuen Platte wiederfindet. Dennoch scheint die Marschrichtung heute konkreter zu sein. Unter der Obhut von Shantel als Produzenten wurde "Alles verloren" (siehe Kasten) druckvoll produziert und weist im Vergleich zu den bisherigen Binder&Krieglstein-Alben "International" (2002) und "Trip" (2004) einen deutlichen Zuwachs an Homogenität auf. Das Ziel - Rainer Binder-Krieglstein macht daraus auch kein Hehl - ist klar: der deutsche Markt.

Seine Arbeitsweise, sagt er, habe er sich dennoch beibehalten: spontan, intuitiv und unverblümt. "Ich habe sicher einen naiven und emotionalen Zugang zur Musik. Bei mir müssen auch die Harmonien nicht stimmen." Gerade sein unverschämt eklektizistischer Zugang - nicht unähnlich dem von Shantel -, das Aufsaugen aller möglichen Versatzstücke von Blasmusik über Schlager, balkanische Volksmusik bis hin zu bösem Mainstream-Pop, serviert in einem fachgerecht swingenden Amalgam und angereichert um eine Vielzahl an Gaststimmen, sorgte für den Charme seiner bisherigen Alben. Diskutiert wurde das durchaus kontroversiell, machte aber Binder&Krieglstein zugleich zu einem der erfolgreichsten Alternativ-Popunternehmen der jüngeren Grazer Geschichte. Erfolgreich spielte er allerdings auch schon früher in verschiedenen anderen Formationen, die meist einer härteren Gangart zugetan waren: Der gelernte Hotelkaufmann stieß - neben zahlreichen anderen Kooperationen wie etwa mit der Grazer Gitarrenpopformation Portnoy - als Schlagzeuger 1993 zu den Industrial-Rabauken Fetish 96, die mit "Antibody" gerade am Zenit ihrer Karriere standen. Oder tourte mit der Alternative-Rock-Combo Sans Secour ab 1997 gar durch deutsche Stadien.

Das aktuelle Album ist weniger ungestüm als gewohnt, zurechtgestutzt in seiner Verschrobenheit und benutzerfreundlicher. Beim bereits traditionellen Binder&Krieglstein-Weihnachtskonzert in Graz zeigten sich einige langjährige Wegbegleiter erstaunt, manche auch enttäuscht. Gerade die Schroffheit an den Grenzen der Zumutbarkeit würde fehlen. Diese Kritik nimmt Binder-Krieglstein ernst, möchte sich aber auch nicht allzu sehr davon beeinflussen lassen. Er selbst bezeichnet sich ohnehin als "streitbar", Bekannte und Musikerkollegen würden ihn wohl eher als dickschädelig bezeichnen. Diese Sturheit wird ihm in Deutschland zumindest nicht schaden. "Ich habe kein Problem mit dem kommerziellen Popaspekt. Das Risiko, ob etwas ,kinky wird oder nicht, fasziniert mich", meint Binder-Krieglstein dazu.

Bei der Produktion genoss Shantel, der seine DJ-Tätigkeit im Bucovina Club inzwischen um ein eigenes "Orkestar" - auch mit Grazer Beteiligung - und ein eigenes Label erweitert hat, sein volles Vertrauen. Shantel entdeckte zur Jahrtausendwende die Balkan-Rhythmen eines Goran BregovicŽ und machte sie durch die Synthese mit elektronischer Musik clubtauglich. Dieser Einfluss ist auf "Alles verloren" deutlich zu hören. Auf das Risiko, Shantel bei der Fertigstellung volle künstlerische Autonomie zu gewähren, hat sich Rainer Binder-Krieglstein - auch wenn Zweifel vorhanden waren - einfach eingelassen. "Viele Spuren, die ich abgeliefert habe, sind überarbeitet oder nochmals neu eingespielt worden. Ich habe Shantel vertraut und wollte ihm nicht reinreden. Ich hätte gewisse Sachen vielleicht anders gemacht, die Entscheidung bereue ich aber nicht."

Selbst lässt sich Binder-Krieglstein ebenfalls ungern dreinreden. Zwar waren die langjährig an seiner Seite stehende Sängerin Makki oder der Bassist und Sänger Uwe Bubik so was wie eine fixe Besetzung, als Gallionsfigur fungierte von jeher der Produzent Binder-Krieglstein. Gerade Sängerin Makki an seiner Seite ließ Binder&Krieglstein oft wie ein wirkliches Duo erscheinen, das Hoheitsrecht hat der Mann, der live ausschließlich am Schlagzeug sitzt, dennoch nie abgetreten. Projektcharakter vermittelte immer schon die einst scherzhaft an Kruder&Dorfmeister angelehnte Namensgebung, das "&" zwischen dem Doppelnamen, der übrigens tatsächlich auf adeliges Geblüt hinweist. Wirklich gelebt hat seine Familie, die hochwohlgeborene Herkunft in den letzten Generationen, allerdings nicht mehr, für Binder-Krieglstein ist das Musikmachen ein harter Überlebenskampf. Dennoch ist er wohl einer der wenigen Indie-Musiker dieser Stadt, die ihren Lebensunterhalt von der Musik bestreiten können. Musik für die Bühne - etwa zum Thomas Glavinic-Werk "Kameramörder" -, die Mitarbeit am Soundtrack zum überraschend erfolgreichen Horrorfilm "In drei Tagen bist du tot" von Andreas Prochaska garantieren neben dem Live-Konzertieren das finanzielle Überleben. Als einen "Lebenskünstler, der sich drüberrettet", sieht sich Rainer Binder-Krieglstein selbst, als "Mann von Welt, mit Klo am Gang". Vielleicht geht sich ja die eine oder andere Investition aus, wenn der deutsche Markt erst gewonnen ist.

Tiz Schaffer in FALTER 4/2007 vom 26.01.2007 (S. 4)


Rezension aus FALTER 4/2007

Grenzwertig gut

Gott schafft, Binder&Krieglstein nehmen. Alles, was nicht festgenagelt ist, wird in ihrem swingenden und rhythmusfixierten Universum neu zusammengeschustert. Wenn auf den bisherigen Alben in einer mitunter unkontrollierten Tour de Sample die Leisten teilweise zu brechen drohten, so legt sich auf "Alles verloren" die Soundarbeit des Produzenten Shantel als homogenisierender Film über das postmoderne Stil-Flickwerk. Und geflickt wird, dass die Finger bluten: So liebäugelt Ragga hier schon mal mit Frank Zander, Vocoder-Stimmen - mehr Euro-Trash als Kraftwerk - beschwören den Geist der bösen Schlagerwelt und richtig unseriös folkloristische Gitarrenarrangements sowie weltmusikalische Versatzstücke sorgen für Irritation. Dennoch ist der Popappeal unverschämt und schmerzt wohltuend entlang der Grenze guten Geschmacks. Und kann wie im Falle von "Piraten" (Gesang von Gustav) punktgenau treffen. Manchmal wird das Prinzip Pop vielleicht ein wenig zu ordinär ausgewalzt, wirklicher Plattheit schlagen Binder&Krieglstein dennoch immer gekonnt ein Schnippchen.

Tiz Schaffer in FALTER 4/2007 vom 26.01.2007 (S. 4)


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