Angst Is Not a Weltanschauung

von B. Fleischmann

Derzeit nicht lieferbar

Label: Morr/Hoanzl
Erscheinungsdatum: 14.11.2008

Rezension aus FALTER 48/2008

Hello microphone, hello voice, hello melody

Bernhard Fleischmann ist alles andere als ein geborener Selbstdarsteller. Der 33-jährige Wiener Musiker ist ungewöhnlich freundlich und sympathisch, das Sprücheklopfen und die extrovertierten Auftritte hat er immer schon anderen überlassen. Trotzdem schafft es der gelernte Schlagzeuger und Pianist als einer von ganz wenigen aus der österreichischen Popsubkultur, seinen Lebensunterhalt mit der eigenen Kunst zu bestreiten – ohne deshalb gleich bei Wasser und Brot in einem finsteren Substandardloch sitzen zu müssen.
"Es funktioniert seit zehn Jahren und wird nach wie vor von Jahr zu Jahr ein bisschen besser", sagt der studierte Germanist, der aus Liebhaberei einen Tag pro Woche in einer kleinen Buchhandlung arbeitet. "Der ganz große Hype war nie da, was aber nicht unangenehm ist, weil es eine gewisse Ruhe gibt. Momentan habe ich das Gefühl, recht sicher im Sattel zu sitzen."
Fleischmann macht Musik für Film und Theater, er legt auf und spielt in stilistisch so unterschiedlichen Bands wie dem Elektropopzweier Duo 505, der zugänglichen Avantgardepop-Supergroup The Year Of oder den Indierockern Your Gorgeous Self. Vor allem aber ist er als Solokünstler einer der wenigen Vertreter der Wiener 90er-Jahre-Elektronikszene, die sich bis heute international behaupten können.
Fleischmanns Musik klingt meist so, wie es bereits der Titel seines im Frühjahr 1999 erschienen Debüts "Pop Loops for Breakfast" versprochen hat: entspannt, als Hintergrund-Klangtapete ebenso geeignet wie als Soundtrack zum Gedankennachhängen, zum Tänzeln einladend, aber nie plump auf die Tanzfläche zerrend. Technoide Kälte war ihm stets fremd, die Maschinen klangen hier immer schon so, als hätten sie ein Herz und eine Seele.

Eine gewisse Grundmelancholie zeichnet die Stücke aus, aber auch ein feines Gespür für eingängige Melodien, die Fleischmann die längste Zeit rein instrumental umgesetzt hat. Mit dem neuen Album "Angst Is Not a Weltanschauung!" ist das plötzlich ganz anders. Bereits nach wenigen Sekunden hebt eine sonore Stimme an, die klingt, als würde sich John Cales Sohn an uns wenden. "Hello microphone, hello voice, hello melody, hello" sprechsingt diese, mit einem ordentlichen Volumen gesegnete Stimme unaufdringlich und höflich wie die zugehörige Musik. Noch fünf weitere Lieder sind mit Texten versehen, gerade einmal ein Drittel der neun neuen Songs folgt noch Fleischmanns altem Instrumentalmuster.
"Ich habe mich lange Zeit nicht in der Lage gesehen, gescheite Texte zu schreiben", gesteht der Musiker. "Dann ist im Dezember letzten Jahres überraschend ein sehr guter Freund gestorben, und da dachte ich mir: Wenn ich jetzt nicht festhalte, was ich gerade empfinde, ist es für immer weg." Zwei berührende Texte sind so entstanden, "Still See You Smile" und "Even Your Glasses Miss Your Eyes". "Irgendwie ist das relativ leicht gegangen, und dann habe ich damit begonnen, auch andere seit längerem präsente Ideen in Texte zu fassen."
Fleischmann selbst hat nur für die beiden Lieder an den verstorbenen Freund zum Mikrofon gegriffen. Die restlichen Vokalbeiträge teilen sich Sweet William Van Ghost, ein Exmitglied der gelegentlich mit Fleischmann kooperierenden Wiener Band Aber das Leben lebt, und die junge niederösterreichische Singer/Songwriterin Marilies Jagsch.

Auf "Phones, Machines and King Kong" ist sogar der mit ebenso naiven wie wunderschönen LoFi-Aufnahmen zur Kultfigur gewordene amerikanische Musiker Daniel Johnston zu hören. Das Lied ist eigentlich ein klassisches Stück Bastardpop, seine Entstehung verdankt sich der Unachtsamkeit eines mit Fleischmann befreundeten DJs, Costa Caspary. Der startete beim Auflegen ein Fleischmann-Instrumentalstück, ohne die noch laufende Daniel-Johnston-CD rechtzeitig abzuschalten.
Das verblüffende Ergebnis: "Phones And Machines" und "King Kong" passen in ihrer schwermütigen Emotionalität perfekt zusammen. "Als mir Costa davon erzählte, dachte ich zuerst, dass sich das niemals ausgehen kann. Beim Hören habe ich dann eine Gänsehaut bekommen, denn bei beiden Stücken ist nichts verändert – weder die Geschwindigkeit, noch die Tonhöhe."
In einem Hotelzimmer in Bratislava hat Fleischmann vor einem Konzert per Mail das Okay vom Verlag des Sängers erreicht. ",Ja, Herr Johnston hat Ihrer Bearbeitung zugestimmt', stand da. Das war ein unbeschreiblicher Moment, denn ich hätte mir nie gedacht, dass sein Name einmal gemeinsam mit meinem auf einem Platten­cover stehen wird."
Auch die Produktionsweise hat sich mit der neuen Platte geändert. Der für seinen Sound lange Zeit so charakteristischen Groovebox hat Bernhard Fleischmann eine Ruhepause gegönnt und sie durch eine Mischung aus analogen Instrumenten und den Errungenschaften des Laptops ersetzt. "Mir ist dabei eine deutliche Veränderung aufgefallen: Auf der Groovebox entstandene Stücke gleichen einem Kreis, der sich spätestens alle 32 Takte wieder schließt. Am Computer ist das Arbeiten dagegen eher eine Waagrechte, was mich beim Musikmachen deutlich beeinflusst und die Struktur der Stücke verändert hat. Sieht man den Song als Linie und nicht als Kreis vor sich, verändert das den Mut, Brüche in diese Linie zu setzen."

Als politisches Statement will Fleischmann den auffälligen Plattentitel verstanden wissen: "Gegenwärtig wird massiv mit dem Schüren von Ängsten operiert, was ungemein einschüchternd und destruktiv ist. Angst ist vor allem das Unbehagen gegenüber Unbekanntem. Das Neue wird dadurch fremd und unbehaglich und plötzlich werden die sogenannten alten Werte wieder großgeschrieben."
Fleischmann hingegen plädiert für Mut und Offenheit: "Man sollte sich das Neue, was immer das im jeweiligen Fall auch ist, anhören und sich darauf einlassen – auch auf die Gefahr hin, einmal enttäuscht zu werden. Und man soll keine Angst haben zu fallen oder Fehler zu machen."
Bei der Livepräsentation von "Angst Is Not a Weltanschauung!" wird Bernhard Fleischmann von Aber das Leben lebt als Begleitband sowie Marilies Jagsch und Sweet William Van Ghost als Gastvokalisten unterstützt. Den Soloelektroniker hat er deshalb aber nicht aufgegeben; das Jahr 2009 beginnt er am 1. Jänner mit einem Solokonzert im Fluc. "Darauf freue ich mich genauso wie auf die Plattenpräsentation, weil ich das Auszucken und Herumspielen bei Soloauftritten schon auch sehr genieße."
Wie oft Fleischmann bei Konzerten künftig zum Mikrofon greifen wird, bleibt dabei noch offen. "Die Sicherheit, die ich mir an den Instrumenten über die Jahre antrainiert habe, ist völlig verpufft, sobald ich als Sänger den Mund aufmache," erzählt er von bisherigen Liveerfahrungen. "Ich flattere da noch so daher. Mir wurde schon von einigen Seiten gesagt, dass das auch etwas hat. Aber es hat nicht das, was ich eigentlich haben will."

Gerhard Stöger in FALTER 48/2008 vom 28.11.2008 (S. 35)


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