Black Sea

von Christian Fennesz

Derzeit nicht lieferbar

Label: Touch
Erscheinungsdatum: 22.11.2008

Rezension aus FALTER 49/2008

Der menschenfreundliche Elektroniker

Japaner war schon länger keiner mehr da, um Fotos zu machen. Das Geld wird überall knapp. Jetzt muss Christian Fennesz die Bilder von seiner Arbeitsstätte eben selber per E-Mail verschicken.
Das Studio des aus dem Burgenland stammenden Musikers in Wien-Neubau ist so etwas wie ein Wallfahrtsort für Elektronikfreaks, und ein Blick auf die Geräte, mit denen er seine weltweit hochgeschätzte Musik produziert, ist für Fachblätter das, was der Klatschzeitschrift ihre Homestory. Kaffee wird hier wie dort angeboten.
So viel gibt es auf den ersten Blick allerdings gar nicht zu sehen. Dazu wäre in dem kleinen Raum auch nicht genug Platz. Der 45-Jährige, der spätestens mit dem Album "Endless Summer" (2001) zum Superstar einer menschenfreundlich verstandenen elektronischen Musik avancierte, hat es gern überschaubar.
Seine Ausstattung bezeichnet er mit einem Augenzwinkern als "spartanisch, aber nur vom Feinsten". Sie umfasst neben dem Computer einige Gitarren und eine ordentliche Ladung Effektgeräte, einen Digital- und einen Analogmischer.
Außerdem ein Gerät namens Master Distortion, zu dem es eine nette Geschichte gibt: "Da ist ein Typ auf mich zugekommen und hat gemeint, er hat das speziell für mich gebaut." Von diesem Verzerrer würden weltweit nur drei Stück existieren, erzählt Fennesz später beiläufig. Die anderen Besitzer sind John McEntire, das Mastermind der Chicagoer Szene, und Kraftwerk.

Im internationalen Konzert zwischen Pop und Avantgarde ist Christian Fennesz ein großer Name. Er arbeitet regelmäßig mit Ryuichi Sakamoto, zuletzt auch bei Revival-Konzerten von dessen Yellow Magic Orchestra. Es entstehen immer wieder Projekte mit dem Rock-Grenzgänger Mike Patton und der Impro-Legende Keith Rowe. Mit den heimischen Kollegen Martin Brandlmayr und Werner Dafeldecker hat er gerade die Doppel-CD "Till the Old World's Blown Up and a New One Is Created" (Mosz) veröffentlicht. Und 2009 wird ein Album mit dem US-Songwriter Mark Linkous alias Sparklehorse erscheinen.
"Ich kann mit super Leuten arbeiten", freut sich Fennesz, der seine Zeit zwischen Wien, einer kleinen Wohnung samt Ministudio in Paris und Wochenenden im Burgenland aufteilt. Am liebsten jedoch zieht er sich allein in seine "Höhle" zurück, um eigene Großtaten in Angriff zu nehmen.

Prominente Partner, Auftragsarbeiten für Film und Tanztheater, Remixes (zuletzt für Soap&Skin) oder Compilationbeiträge (für die Single-Box "Recovery" hat er "Hunting High and Low" von seinen 80er-Pophelden a-ha radikal rekonstruiert) – alles gut und schön, doch die Königsklasse ist nach wie vor das Soloalbum.
Das brandneue Werk "Black Sea" ist Fennesz' erster Langspieler seit über vier Jahren – und nichts weniger als ein Meisterwerk. Während zuletzt "Venice" (2004) im Vergleich zum Klassiker "Endless Summer" ein klein wenig abfiel, stemmt Fennesz seinen Sound in den acht neuen Stücken auf ein neues Hochplateau.
Einerseits fand technisch noch eine Weiterentwicklung statt, er hat mit Raumklang experimentiert und beim Mischen extrem viel getüftelt. Vor allem aber präsentiert er sich musikalisch facettenreicher denn je. So besteht das zarte "Grey Scale" zum Großteil aus einer live gespielten klassischen Konzertgitarre, während das eröffnende Titelstück eine Hommage an Rowes Ensemble AMM darstellt. In "Glide" werden minutenlang Sounds übereinandergeschichtet, ehe am Ende ein warmer Bassklang die Sonne aufgehen lässt. "Man muss die Platte laut anhören", sagt Fennesz.
Christian Fennesz' Stärke war es immer schon, abstrakte Musik gefühlvoll aufzubereiten. Schon seit seiner Zeit in der Band Maische um 1990 treibe ihn im Prinzip derselbe Anspruch an, erklärt er: "Es geht um Pop mit anderen Mitteln. Ich war einer der Ersten, der wieder Persönlichkeit in dieses elektronische Ding eingebracht hat. Das liegt daran, dass ich in meiner Musik die gleiche emotionale Dichte erzielen will wie mit einem Popsong."
Heute erzählt man sich in der Szene, Fennesz sei derjenige, der es wirklich international geschafft hat. Was heißt das – geschafft? "Man wird nicht reich damit", relativiert er, "man kann halt irgendwie leben. Ich war ziemlich von Anfang an dabei und habe dadurch eine Fangemeinde, die seit Jahren mitgeht."
Diese Fans sitzen überall. Die meisten CDs setzt sein englisches Label Touch in den USA, Japan und Großbritannien ab, aber auch in Italien und Spanien. "Am wenigsten habe ich im deutschsprachigen Raum zu tun", meint er. "Es ist okay so. Wien ist super, besonders dann, wenn du auch wegkannst."
Bei musikalischen Kurzausflügen im Rahmen von Auftragsarbeiten bekommt Fennesz den Kopf frei für seine Albumproduktionen. Was auch notwendig sei, denn die Herausforderung sei kontinuierlich gewachsen: "Leichter wird es nicht. Oft glauben die Leute, sie können von mir etwas komplett Neues erwarten. Das geht einfach nicht, ich kann nur meinen Weg gehen, meine Handschrift weiterentwickeln. Damit bin ich jetzt im Reinen. Aber unbedarft Dinge rausschütteln, das geht nicht mehr."

Über "Black Sea" ist Fennesz zu Recht glücklich. Es strahlt eine ähnliche Schönheit aus wie seine früheren Arbeiten, allerdings mit einer dunkleren Grundstimmung und streckenweise wieder etwas harscheren Klängen. "Ich empfinde es aber nie als aggressiv", sagt er. "Auf mich wirkt es friedlich. Früher habe ich mir gedacht, es muss immer was passieren. Diesmal habe ich mir die Ruhe erlaubt, ein Stück auch mal über zehn Minuten aufzubauen. Vielleicht ist das ja schon eine Alterserscheinung."
Kokett ist Fennesz ganz gewiss dann, wenn er behauptet, nicht mehr die besten Ohren zu haben. Vor kurzem war die junge Poptragödin Anja Plaschg alias Soap&Skin bei ihm im Studio, um ihr erstes Album aufzunehmen. Ursprünglich hätte er es produzieren sollen. Indes: "Ich habe gemerkt, die weiß eh sehr genau, was sie will und was nicht. Also habe ich ihr den Raum überlassen. Die ist gut, und sie hört auch noch viel besser als ich."

Sebastian Fasthuber in FALTER 49/2008 vom 05.12.2008 (S. 35)


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