Retrograde

von Atomic

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Label: Jazzland
Erscheinungsdatum: 17.11.2008

Rezension aus FALTER 51/2008

Atomic war in den 70ern das Gegenteil von Blizzard (David Zwilling vs. Hansi Hinterseer!), seit 1999 ist es der Name eines norwegischen Quintetts, das so einigermaßen das Gegenteil von dem verkörpert, was man im Jazz gemeinhin unter "Scandinavian Sound" versteht. Atomic, das sind die Herren Fredrik Ljunkvist, Magnus Broo, Håvard Wiik, Ingebirgt Håker Flaten und Paal Nilssen-Love (was für Namen!), und gemeinsam sind sie ausgezogen, die Nebel selbstgenügsamer Soundesoterik wegzublasen und dem Jazz mit dem Reibeisen zu Leibe zu rücken.
Aber halt! Wir wollen aus Freude an der Polarisierung auch nicht übers Ziel schießen. Gewiss, Atomic vermögen ein beachtliches Energiepotenzial zu entfesseln – wie vor allem die Live-CD belegt, wo zum Beispiel auf "Painbody" (dessen Dynamik an Joe Zawinuls "Directions" denken lässt) das große Postabgehen zelebriert wird. Insgesamt besticht das Quintett auf "Retrograde" (Jazzland/Universal) aber nicht zuletzt durch das breite Spektrum und die Differenziertheit des Ensemblespiels.
Frederik Ljungkvist, der einfachheitshalber als "Reeds"-Spieler ausgewiesen ist, bedient Bariton-, Alt- und Sopransaxofon sowie die Klarinette, die gerne mit Magnus Broos gestopfter Trompete kombiniert wird. Setzt diese und das Schlagzeug mal aus, werden – etwa auf dem Titelstück – unweigerlich Erinnerungen an das legendäre Jimmy Giuffre Trio der frühen 60er-Jahre wach – eine Epoche, die auch durch Reminiszenzen an die Musik von Ornette Coleman und Don Cherry herbeizitiert wird. Zwischen sanguinem Chamber Jazz, durch den hin und wieder auch ein Sonnenstrahl inbrünstiger Melodik dringt ("Folkton"), und straightem, von einer walking bass line vorwärtsgetriebenem Groove ist vieles möglich.
So süffig und eingängig Atomic immer wieder sind, so weigern sie sich doch, diese Momente selbstgefällig auszukosten. Die Musik ist voller überraschender Wendungen: eine
Art aleatorischer Jazz, der aus
einzelnen, oft stark kontrastierenden Feldern der Improvisation und verschiedener Spielsituationen besteht. Auf drei CDs kann man einem der
packendsten europäischen Jazzensembles auch beim Denken zuhören, und die sehr hübsch in minimalistischem Schwarzweiß gehaltene Box eignet sich nicht unprächtig als Geschenk.

Klaus Nüchtern in FALTER 51/2008 vom 19.12.2008 (S. 23)


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