The Crying Light

von Antony and The Johnsons

Derzeit nicht lieferbar

Label: Rough Trade/Edel
Erscheinungsdatum: 01.01.2009

Rezension aus FALTER 1-3/2009

Erde, Feuer, Wasser, Luft

Die Erde ist in Gefahr. "I need an­other world / This one's nearly gone", wehklagte Antony schon im vergangenen Herbst auf der EP "Another World". Deren Titelstück findet sich nun auch auf dem Album "The Crying Light", mit dem Antony And The Johnsons ihrem allerorts gefeierten Durchbruch "I Am a Bird Now" (2005) ein neues Werk nachfolgen lassen.
Alles darauf dreht sich um Abschiedsschmerz und die vage Sehnsucht nach einem Neuanfang: "I need another place / Will there be peace?" –"Der Song handelt davon, Abschied zu nehmen von dieser Welt, ohne zu wissen, was danach kommt", verrät Antony im Telefoninterview.
Leise und bar jeder Affektiertheit, die ihr beim Singen mitunter anhaftet, dringt seine Stimme aus dem Hörer. "Am Anfang stand bei mir ein Gefühl der Bekümmerung über all die Veränderungen, die die Erde erfährt. Dieses Gefühl wollte ich musikalisch untersuchen. Und vielleicht dadurch einen Prozess der Heilung in Gang bringen."

Das Stichwort ist gefallen: Heilung. Eigentlich handelt es sich bei Antony – ob man seine Musik nun dem melodramatischen Popsong oder dem Kunstlied zuschlägt – um einen Gospelsänger. Die Stimme drückt Schmerz aus und bettelt gleichzeitig um Erlösung. Nur dass der Gospel hier nicht wie üblich im Gewand einer ­afroamerikanischen Gesangsgruppe daherkommt, sondern als schwuler Engel von einem anderen Stern samt Begleitband.
Im Unterschied zum letzten Album und Kompositionen wie "Today I Am a Boy" ("One day I'll grow up, I'll be a beautiful girl / But for today I am a child, for today I am a boy") geht es diesmal nur am Rande um Genderfragen. ",The Crying Light' ist ein ganz anderes Werk", erklärt das der Sänger. "Die Songs für ,I Am a Bird Now' habe ich als Mittzwanziger in den späten 90ern geschrieben. Es ist aber nicht so, dass die Genderfrage sich inzwischen für mich erschöpft hätte. Diese Thematiken sind all meinen Songs eingeschrieben, auch wenn man es nicht mehr so stark merkt."
Neben seinem wunderbaren Gesang war es denn auch gerade die Fokussierung der öffentlichen Aufmerksamkeit auf Antonys Sexualität, die ihn berühmt gemacht hat. Was die Umarmung durch einen kulturellen Mainstream anbelangt, der sich mit seiner Andersartigkeit schmückt, fällt sein Kommentar zurückhaltend aus. "Ich sehe es einfach so, dass einige Leute an mir, und zwar primär an meiner Musik, interessiert sind. Ich bin nie herumgehüpft und habe gerufen: Oh, die Massenkultur mag mich."

Fakt ist allerdings, dass sich zahlreiche andere Sänger gern mit ihm schmücken und er zuletzt eine Vielzahl an Gastauftritten absolviert hat. Die Liste reicht von seinem Mentor Lou Reed über Rufus Wainwright und die Weird-Folk-Gören CocoRosie bis zu Björk und zuletzt auch Herbert Grönemeyer. "Ich kannte ihn nicht, als er anfragte", gesteht Antony. Indes: "Herbert ist reizend, und es war ein schöner Tag im Studio mit ihm."
Solche Kooperationen wie auch seine Mitarbeit an dem Neodisco-Album der Formation Hercules And Love Affair, auf dem er temporär zur Discodiva mutierte, betrachtet der 38-Jährige als Erfahrungswerte: "Sie helfen mir, mehr über die Arbeit im Studio zu lernen. Anfangs war ich in diesen Räumen sehr eingeschüchtert. Aber Björk zuzusehen, wie frei sie im Studio agiert, hat mich ermutigt, Risiken einzugehen und selbst eine Art von Freiheit zu finden."
Ihren Stil haben Antony And The Johnsons in pianolastigen Balladen mit Unterstützung durch Streicher und Rhythmusgruppe längst gefunden. Die Veröffentlichung des ursprünglich schon für das Frühjahr 2008 angekündigten neuen Albums wurde auch nicht wegen mangelnder Inspiration mehrfach verschoben. Schuld ist der Perfektionismus des Machers, der diesmal auch als Produzent wirkte. "Erstmals hatte ich im Studio so viel Zeit, wie ich gebraucht habe, und musste nicht hetzen", schwärmt er. "The Crying Light" geht ins Detail und klingt dabei nur noch intimer als "I Am a Bird Now". Wo er sich damals mit den Stimmen von Reed, Wain­wright oder Boy George umgab, steht diesmal allein Antonys Gesang im Mittelpunkt.

Kein eitler Manierismus verbirgt sich dahinter, es ist nur die perfekte musikalische Umsetzung für das, was ihm inhaltlich vorschwebte: "Letztlich ist diese Platte eine Untersuchung meines Verhältnisses zu meiner Umgebung, zur Natur, zu den Elementen. Die Zivilisation hat sich von der Natur unabhängig gemacht. Jetzt, wo ich älter werde, bekomme ich immer mehr Sehnsucht nach einer Einheit mit der Welt, die mich geboren hat."
Am Ende des Albums steht mit "Everglade" ein idyllisch anmutendes Finale samt Flöte. Bis dahin wird Antony freilich reichlich geschunden. Das eröffnende "Her Eyes Are Underneath the Ground" beweint den Tod der Mutter. "One Dove" ist ein einziges Flehen nach Gnade. Und "Aeon" hält die Ewigkeit an, doch bitte auf den toten Vater aufzupassen: "Hold my father / For it is myself / Without him I wouldn't exist."
Auf dem Cover von "The Crying Light" ist mit dem japanischen Butoh-Tänzer Kazuo Ohno, den Antony als seinen Kunsthelden begreift, eine andere Vaterfigur abgebildet. "Vieles von meinem Vokabular habe ich gelernt, wenn ich ihm zugesehen oder über ihn gelesen habe", erzählt er. "Sein Tanz widmete sich dem Kindlichen und dem Weiblich-Göttlichen, und in meiner Musik ist es ganz ähnlich. Ohno ist heute 102 Jahre alt, und er hat seinen künstlerischen Höhepunkt erst zwischen 75 und 95 erreicht."
Wenn es Antony ähnlich halten will, kann man sich ja noch auf einiges gefasst machen. Fürs Erste freue er sich auf die anstehende Tournee, mit der er im Mai auch beim Donaufestival Station machen wird. "Ich weiß nicht, wer meine Hörer sind", sagt er. "Ich treffe sie nur bei Konzerten. Da versuche ich natürlich, mein Bestes für sie zu tun. Man muss sehen, was man mit den Besuchern gemeinsam hat. Letztlich ist es aber bei aller Intimität nur eine flüchtige Beziehung. Familie und Freunde, das bleibt."

Sebastian Fasthuber in FALTER 1-3/2009 vom 16.01.2009 (S. 31)


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