Obituary For A Lost Mind

von Marilies Jagsch

Derzeit nicht lieferbar

Label: Asinella/Hoanzl
Erscheinungsdatum: 01.08.2008


Rezension aus FALTER 7/2009

Licht am Ende des Tunnels

Im vergangenen Jahr lief es ausnehmend gut für die alternative österreichische Musikszene. Die Band Ja, Panik hat mit ihrem zugleich leidenschaftlichen und abgeklärten Indierockentwurf Deutschland erobert, Gustav wurde erneut heftig beklatscht, und die junge steirische Schmerzensfrau Soap&Skin sorgte bereits vor Veröffentlichung ihres Debüts international für Begeisterung.
Dazu kam eine Vielzahl großartiger Tonträger. Das stilistisch auffällig vielschichtige Angebot reichte von Florian Horwaths Weltumarmungspop bis zu Ernst Moldens Wien-Blues, von Ligers eindringlichem Artpop bis zu Francis International Airports melancholischem Indierock, von Christian Fennesz' elektronischen Klangstudien bis zu Bulbuls virtuos-bockigem Krach und von Paper Birds zauberhaftem Heimwerkerinnenpop bis zu A Thousand Fuegos' Jubilieren auf Indiegitarrenbasis.
Marilies Jagsch hat sich gleich doppelt in die lange Liste des real existierenden Austro-Gegenwartspop eingetragen. Mit der CD "Obituary for a Lost Mind" stellte sich die 24-Jährige Anfang 2008 als berührende Singer/Songwriterin vor; kurz vor Weihnachten prägte ihre markante Stimme auch noch Bernhard Fleischmanns neues Album "Angst Is Not a Weltanschauung!".

Gegenwärtig arbeitet Jagsch mit ihrer neuformierten Band bereits an Material fürs zweite Album. Es soll rockiger und ästhetisch geschlossener ausfallen als das Debüt, das zwischen Akustikklampfe und Stromgitarre sowie intimen Soloaufnahmen und fein arrangierten Bandstücken pendelt. "Im Kopf war da schon vor den Aufnahmen sehr viel fertig", sagt die Sängerin. "Wenn ich einmal fixe Vorstellungen habe, kann ich sehr stur sein. Diesmal möchte ich es offener halten – und ich habe gerade auch sehr viel Freude an meiner neuen E-Gitarre. Vermutlich wird sie am Großteil des nächsten Albums zu hören sein."
Neben neuen Songs will auch noch ein Theaterwissenschaftsstudium fertiggestellt werden; eine Diplomarbeit über die Darstellung von Träumen, Halluzinationen und Erinnerungen im Film entsteht gerade. "Die beiden Welten sind momentan schwer vereinbar", sagt die Musikerin. "Das Problem ist gar nicht die fehlende Zeit, sondern das Umschalten zwischen Uni und Musik. Das eine ist streng wissenschaftliche Kopfarbeit, das andere hat sehr viel mit Gefühlen zu tun – und das liegt mir weit mehr, glaube ich."
Marilies Jagsch kommt 1984 in Linz zur Welt und wächst in Ried im Innkreis auf. Als Kind spielt sie Gitarre und singt im Chor, lässt die Musik nach der Volksschule aber vorübergehend bleiben und nimmt erst mit 15 einen zweiten Anlauf. Ihr Bruder wünscht sich zu Weihnachten einen E-Bass – Konstantin Jagsch spielt noch heute in ihrer Band –, und Marilies bekommt eine Stromgitarre. Die fachgerechte Bedienung bringt sie sich selbst bei; nebenbei singt respektive schreit sie in einer Grungeband und entdeckt so die außergewöhnliche Qualität ihrer Stimme.

Nach und nach entstehen aus Skizzen erste eigene Songs, die Jagsch noch vorwiegend mit der akustischen Gitarre interpretiert; ihre Lieder prägt weniger klassisches Geschichtenerzählen als vielmehr die poetische Verdichtung emotionsgeladener Bilder. "Im intimen Rahmen vor Bekannten in Oberösterreich ist es ganz gut gegangen, aber meine ersten Konzerte in Wien waren durch meine damalige Nervosität furchtbar. Wenn ich aufgeregt bin, kann ich zwar immer noch singen, aber meine Finger beginnen zu zittern und verkrampfen sich, wodurch das Gitarrenspielen fast unmöglich wird." Irgendwie ist es sich dann doch ausgegangen; sehr früh schon stellen sich die Wiener Indierock-Existenzialisten A Life, A Song, A Cigarette als Förderer ein.
"Anfang November 2006 hat Marilies bei unserer Veranstaltungsreihe in der Vorstadt eines ihrer ersten Konzerte gespielt", erinnert sich Klaus Totzler von der Vienna Songwriting Association. "Sie war ein wenig schüchtern und unsicher, aber die Magie war damals schon da. Marilies hat eine dieser seltenen Stimmen, die schon vom Klang alleine her viel ausdrücken – diese Stimme ist an sich schon ein Naturereignis."
Clara Luzia hört Jagsch bei diesem Konzert in der Vorstadt und bietet der jungen Kollegin auf der Stelle eine CD-Veröffentlichung auf ihrem damals neu gegründeten Label Asinella an. "Ihre Musik und ihre Stimme haben mich sehr angesprochen", erinnert sich die Indiefolkpop-Sängerin, die Anfang April selbst ein neues Album herausbringt. "Außerdem habe ich auf ihrer MySpace-Seite gesehen, dass sie auch ein grafisches Konzept zu ihrer Musik hat, was ich immer gut finde. Es zeigt, dass man sich Gedanken macht, in einem Kontext positioniert und nicht alles irgendwie und irgendwo und holladrio ist."

Lebensfreude scheint dabei nicht unbedingt der Kern von Jagschs Konzept zu sein. "Natürlich hat die Musik mit Schwäche zu tun, sonst würde sie nicht nahegehen", lautet ihre Selbstanalyse. "Es ist aber auch viel Stärke drin. Es geht mir nie darum, in Traurigkeit zu versinken oder Leiden zur Schau zu stellen, sondern es ist sehr viel Kampf gegen die Traurigkeit da. Und letztlich steckt auch ein gutes Maß an Selbstironie in den Texten."
Als Beispiel für dieses bisher vielfach unbemerkt gebliebene Augenzwinkern nennt die Sängerin "Shadow and Light". Der nicht eben undramatische Song handelt von einem Mann, der, vom Leben abgestumpft, seine Empfindungsfähigkeit verloren hat. "Die Strophe ist sehr traurig, darum singe ich im Refrain bewusst: ‚I'm a daring blockhead on a journey to a better world.' Auf Deutsch heißt das: ‚Ich bin ein verwegener Hornochse auf dem Weg in eine bessere Welt.' Ich glaube nicht, dass man da sagen kann: Oh, ist das traurig!"
Auch der Albumtitel ist nicht ganz so tragisch gemeint, wie es das gewichtige Wort "Obituary" (Nachruf) nahelegt. "Ich wollte immer schon mal einen Nachruf schreiben und hab das in Form des Albums dann auch getan", sagt Jagsch. "Allerdings wird hier kein verstorbener Mensch betrauert, sondern der Verstand, der einem soeben abhandengekommen ist – diese Idee fand ich eigentlich recht amüsant. Während ich Lieder schreibe oder sie wiedergebe, schaltet sich mein Verstand bis zu einem gewissen Grad aus, und alles funktioniert auf einer emotionalen Ebene wie von allein. Dieses Gefühl erstreckt sich über alle zwölf Lieder der CD. Danach kehrt der Verstand wieder zurück – hoffe ich jedenfalls."

Gerhard Stöger in FALTER 7/2009 vom 13.02.2009 (S. 30)


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