Aber das Leben lebt

von Hospital Years

Derzeit nicht lieferbar

Label: Eigenverlag
Erscheinungsdatum: 03.03.2009

Rezension aus FALTER 10/2009

Gespielte Authentizität

Aber das Leben lebt. Und nicht nur das: Aber das Leben lebt erfreut sich bester Gesundheit. Fünf Jahre nach der letzten CD "Perfect Teen" legt das Wiener Trio mit dem eigenwilligen Namen sein bislang zugänglichstes Album vor.
Komprimiert auf 35 Minuten bieten die neun Songs von "Hospital Years" kunstsinnigen Pop für erwachsene Hörer, die etwa The National zu schätzen wissen und eventuell die ein oder andere Platte von John Cale oder Talk Talk zuhause haben.
Erwachsenenpop also? Die drei Musiker sehen einander kurz fragend an. "Solange wir nicht im selben Atemzug mit Sting genannt werden …", zeigt sich Bassist und Sänger Florian Emerstorfer mit dieser Einschätzung vorsichtig einverstanden. Und sein für Gesang, Gitarre und Elektronik zuständiger Kollege Wolfgang Wiesbauer gesteht, dass das Durchschnittsalter im Publikum schon bei den ersten Konzerten zehn Jahre über jenem der Band lag.
Diese ersten Konzerte fanden 1997 noch im niederösterreichischen Hinterland statt, wo drei Teenager unter den Bedingungen von Provinz, Pubertät und Lust an der Opposition nicht etwa Grunge oder Britpop spielten, sondern einen trübsalbläserischen Americana-Entwurf kreierten.
Wolfgangs jüngerer Bruder Martin Wiesbauer – er ist erst später als Keyboarder zur Band gestoßen – erklärt die noch als Hörer miterlebte Anfangsphase rückblickend als eigenartigen Hybrid aus dem Wunsch, die Welt zu zerreißen, und der Tatsache, noch im postpubertären Elend zu stecken. "Die Musik der frühen Jahre war keine Weltflucht in dem Sinn, sondern eher eine Art exhibitionistischer Existenzialismus – falls es so etwas gibt."
Das 1999 erschienene Debüt des inzwischen zum Studium nach Wien gekommenen Trios wurde von Kritikern mit dem gewichtigen Label "Todescountry" geadelt. Eine Schublade, der auch das vielgelobte zweite Album, "Sorrow Beat", entsprach; danach war aber erst einmal Schluss mit lustig respektive traurig.

Die Suche nach neuen Formen führte zu musikalischer Dekonstruktion. Die hatte zwei ambitioniert-verstiegene Alben zur Folge, bevor die stark konzeptorientierte Band schließlich beim Pop von "Perfect Teen" landete. Heute sind die Musiker knapp 30, die Studien – einmal Jus, einmal Lebens- und Biotechnologie, einmal Philosophie – sind abgeschlossen, der reguläre Broterwerb strukturiert die Tage.
Für das von der Band eine Zeitlang betriebene Independentlabel Niesom blieb irgendwann keine Zeit mehr, Aber das Leben lebt selbst wurde jedoch nie infrage gestellt. "Ich finde es schade, dass sich in Österreich viele Musiker nur während des Studiums eine Band leisten", sagt Wolfgang Wiesbauer, der unter dem Pseudonym Wolf van den End kürzlich auch das gediegene Soloalbum "Stills from Traveling Light" veröffentlicht hat. "Es bleibt natürlich nichts anderes übrig, als einen normalen Job auszuüben – aber gerade deswegen braucht man die Musik doch!"
Frustration schwingt in diesen Sätzen keine mit, ganz im Gegenteil: "Wenn man nicht von der Musik leben kann, hat man den Vorteil, dass man auch nicht davon leben muss. Wir sehen das mit der Krise auf dem Tonträgermarkt relativ gelassen. Uns geht es gerade hinsichtlich des Formats darum, die Musik genau so zu veröffentlichen, wie wir sie selbst in der Hand halten wollen, also auch auf Vinyl. Und ob sich das irgendwer illegal runterlädt – mein Gott!"

"The world is grey and so are we / We try to lose our memory", heißt es im ersten Song des Albums. Ob das als unmittelbarer Ausdruck oder doch eher als Zitat einer traurigen Textzeile zu verstehen ist, bleibt bewusst offen; der Titel "Quattro Stagioni" lässt jedenfalls eher an eine Pizza als an eine Selbstmörderballade denken. "Authentizität ist in der Popmusik sowieso nur eine Behauptung", sagt Wolfgang Wiesbauer. "Künstlichkeit ist uns schon wichtig."
Dabei gehe es in "Quattro Stagioni" nicht darum, Trauer zu ironisieren. "Wir wollten einfach das in Poptexten so wichtige System der Metapher so auf die Spitze treiben, dass sie sich verselbstständigt und nichts mehr symbolisiert, sondern durch die Trennung vom Ursprung fast schon dadaistisch wirkt." Das klingt kompliziert, hört sich als Song aber toll an.
"Anders als bei Film und Theater lassen sich das Echte und das Gespielte in der Popmusik nicht unterscheiden", meint Wiesbauer. "Genau das macht sie so spannend." Bisweilen gebe es dabei auch das Paradox der gespielten Authentizität, ergänzt Florian Emerstofer.
Im Song "The Bad Boys" exerziert er das gleich selbst vor, wenn er jenen bösen Buben mimt, der einem anderen die Frau ausgespannt hat. Das Lied ist eine gut versteckte Hommage an Roy Orbison – und damit ein schönes Beispiel für die hintergründige Arbeitsweise des Trios: Kurz vor seinem Tod 1988 hat der von allen drei Bandmitgliedern verehrte amerikanische Sänger mit den Traveling Wilburys einer Angebeteten hinterhergesungen, die ihn verlassen hatte – mit jenem Bad Boy, der jetzt aus der Textaneignung von Aber das Leben lebt spricht. Manchmal genügt es, ein "You" durch ein "I" zu ersetzen.

Gerhard Stöger in FALTER 10/2009 vom 06.03.2009 (S. 29)


Bitte warten...

Sie haben folgendes Produkt in den Warenkorb gelegt:

{{var product.name}}


weiter einkaufen
zum Warenkorb