Hold Time

von M. Ward

Derzeit nicht lieferbar

Label: 4AD/edel
Erscheinungsdatum: 13.02.2009

Rezension aus FALTER 11/2009

Lieder vom Wunsch, die Zeit anzuhalten

In der Londoner Bush Hall sitzt Matt Ward am Klavier und lässt seine Hände sachte in die Geborgenheit eines melancholischen Akkords sinken. "Wenn ich jetzt nur die Zeit anhalten könnte", singt sein knarrendes Organ, während die Finger langsam weiterwandern.
M. Ward, wie er sich gern nennt, ist Showman genug, um zu wissen, dass er mit dieser Zugabe – der Titelnummer seines neuen Albums "Hold Time" – dem von einem denkwürdigen Konzert gezeichneten Publikum die Worte aus dem Mund nimmt.
Aber in der auf einem Ozean süßlicher Phil-Spector-Streicher dahintreibenden Studioversion desselben Songs liegt unterschwellig noch mehr als dieses Abschiedspathos, nämlich M. Wards bisher konkreteste Ausformulierung seiner großen Idee der Tonkonserve als fiktive Zeitkapsel, an der er nun schon seit einem Jahrzehnt und sieben Alben bastelt.
"Ich wusste immer schon, dass ich in meiner Musik mit den Begriffen von Zeit und Raum spielen wollte", sagt er vor seinem Auftritt beim Gespräch mit dem Falter. "In Filmen und Büchern reizt es mich auch besonders, wenn der Sinn für das Wo und Wann der Handlung verwirrt wird. Und ich glaube, Musik kann das auch."
Schon überhaupt kann es die Musik eines M. Ward, der etwa in "One Hundred Million Years" mit seinem beeindruckend gelenken Fingerpicking die Atmosphäre einer verschollenen Feldaufnahme herbeizaubert, oder in seiner Breitwandversion von Buddy Hollys "Rave On" den Todesflug des Rock 'n' Rollers gleichsam als alternatives Happy End auf einem
goldenen kalifornischen Strand landen lässt.
Ward selbst bezeichnet solch fantastische musikalische Anmaßungen, die in weniger begabten Händen wohl zu einer klingenden Version von "Forrest Gump" missraten würden, als "Experimente mit unmöglichen Kollaborationen".

Um derlei Unmöglichkeiten überhaupt zu finden, muss der ursprünglich als Eleve von Howe Gelb (von Giant Sand) zu öffentlicher Aufmerksamkeit gelangte 35-Jährige tatsächlich im Reich der Toten auf die Suche gehen, wirft der Rest der geistesverwandten Musikwelt sich ihm doch längst von selbst an die Brust.
Von Cat Power über Conor Oberst, Jenny Lewis und My Morning Jacket bis zu Norah Jones bedienen sich alle gern seines rauchigen Timbres oder geschmeidigen Gitarrespiels. Unter dem Pseudonym She & Him veröffentlichte Ward letztes Jahr gar ein ganzes Duettalbum mit der singenden Schauspielerin Zooey Deschanel.
"All diese Projekte sind für mich genauso wichtig wie meine eigenen Platten", gibt er sich dankbar. "Mit dem Lernen anderer Leute Songs hab ich mir schließlich das Gitarrespielen beigebracht, und ich lerne immer noch hunderte dazu. Die meisten davon sind zwar älter, aber auch die Songs meiner Freunde sind für mich immer eine Weiterbildung."
Erwähnte Deschanel trägt übrigens auch zu "Hold Time" stimmlich und stimmig bei, wenngleich der Einfluss prominenter Gäste anderswo eher die Reinheit der Pinselführung verwäscht.
So geht eine selbst im Vergleich zu Neil Youngs Zeitlupenversion noch verlangsamte Interpretation des Country-Klassikers "Oh Lonesome Me" im gutgemeinten Duett mit Veteranin Lucinda Williams leider daneben und zerstört dabei um ein Haar die so feinfühlig aufgebaute, grobkörnige Aura des Albums.

Aber alles wird wieder gut, wenn M. Ward schließlich mit dem Song "Shan­gri-La" in seinem persönlichen Schlaraffenland ankommt. "Das ist dort, wo meine alten, meine neuen und hoffentlich auch meine künftigen Songs herkommen."
Also jener Ort, an dem sich die flirrenden Klänge all der verstaubten Lieder, die er ständig klimpert, irgendwo oben in der Atmosphäre auf magische Weise vermischen und ihm danach als fiktive Zeitkapseln wieder in den Schoß fallen. Wie heißt es so selbstentlarvend schön in "Epistemology": "If you're gonna learn an old song / And be afraid to get the words wrong / Well, you're just following along too closely in the book."

Robert Rotifer in FALTER 11/2009 vom 13.03.2009 (S. 28)


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