Memoiren Eines Riesen

von Skero

Derzeit nicht lieferbar

Label: Tonträger/Geco/Hoanzl
Erscheinungsdatum: 19.06.2009

Rezension aus FALTER 40/2012

Wiener Lieder

Das Wienerlied treibt neue Blüten, die auch einmal nach Liedermachertum, Hip-Hop oder Jazz riechen dürfen. Das Festival "Wien im Rosenstolz" präsentiert die Szene in all ihrer Vielfalt

Früher hätt's des ois ned gebn: ein Rapper, der bei einem Wienerliedfestival auftritt; ein Popfest, bei dem tausende Zuhörer mit Wienerliedern bei Laune gehalten werden; Jazzer, die sich in Heurigenhymnen austoben, und eine klassisch ausgebildete Sängerin, die den traditionellen Wiener Gesangsstil des Dudelns pflegt, wenn sie nicht gerade Schubertlieder interpretiert. Heute gibt es all das – und allerlei mehr.
Beim Wienerlied-Festival "Wien im Rosenstolz" werden den ganzen Oktober hindurch Dutzende Acts im Theater am Spittelberg auftreten, darunter so unterschiedliche Musiker wie die Heurigenlegende Karl Girk und der Liedermacherschelm Der Nino aus Wien, die Chansonsängerin Erika Pluhar und der Rapper Skero.

Skero? Der mit "Kabinenparty"? Genau der. "Hip-Hop und Wienerlied haben natürlich nicht unmittelbar miteinander zu tun", erklärt Skero. "Aber das Schöne am Hip-Hop ist ja, dass er über das Sampeln auf alle möglichen Genres zurückgreift, wodurch immer wieder neue Hybride entstehen. Außerdem ist sowohl der Hip-Hop als auch das Wienerlied eher in unteren gesellschaftlichen Schichten entstanden, und in beiden Genres werden Drogen verherrlicht."
Ein Lied seines Soloalbums "Memoiren eines Riesen" hat Skero 2009 mit dem Wienerliedensemble Wienerglühn aufgenommen. Ein gemeinsames Bandprojekt folgte, das im nächsten Jahr auch ein Album mit dem Titel "Müßig Gang" herausbringen wird. Ihr Livedebüt bestritt diese ungewöhnliche Gang bereits beim letztjährigen Rosenstolz-Festival mit Wienerliedklassikern, gemeinsam komponierten neuen Nummern und akustisch arrangierten Skero-Solostücken.
"Das Wienerlied war der Pop seiner Zeit", weiß Skero. "Ich hatte immer schon ein Faible für diese Musik, möchte mir aber nicht anmaßen, ein Wienerliedsänger zu sein. Mir ist es wichtig, aktuelle Themen zu behandeln. Mit Nummern wie ‚Benzin kann ma ned saufn' versuchen wir, das politische Wienerlied einzuführen. Alles muss möglich sein. Seien Sie dabei, wenn wir ohne Sauerstoffgerät den Kahlenberg besteigen!"

Für Schmäh und charmante Großmäuligkeit sind auch 5/8erl in Ehr'n jederzeit zu haben. Das Quintett besteht aus zwei studierten Jazzsängern, einem Kontrabassisten, einer Gitarristin, die im früheren Leben für Kurt Ostbahn tätig war, und einem Akkordeonisten, der ansonsten die Geschicke der Wiener Jazzwerkstatt mitgestaltet.
In der Musik der "Achterl" fließt alles Mögliche zusammen: Kabarett und Soul, Chanson und Austropop, Donaudeltagroove und, ja, natürlich auch Wienerlied. "Wiener Soul" ist ihnen die liebste Genrezuschreibung, in erster Linie verstehen sich 5/8erl in Ehr'n aber als Popband.
In seiner heutigen Besetzung gibt es den Fünfer seit 2008. "Meine Ursprungsidee war, ein singender Kellner zu werden", erklärt Max Gaier. "So wie Peter Alexander im ,Weißen Rössl'. Es hat mich als Kind schon fasziniert, wie man unsympathische Menschen nur durch den Gesang in Zaum halten und so viel positive Energie vermitteln kann. Am Beginn unserer Band stand dann die Hippieidee, selbst mit Musik von Gastgarten zu Gastgarten zu ziehen."
Seit ihrem zweiten Album "Bitteschön" (2010) kooperieren 5/8erl in Ehr'n mit David Müller von den Strottern (siehe Interview auf Seite 26), der ihren Sound als Produzent entscheidend mitgeprägt hat. "Anfangs hatten wir eine Managerin, die uns über den Wiener Schmäh verkaufte", erinnert sich Gaier. "Die Folge war, dass wir vor lauter geriatrischen Kabarettfans gespielt haben. Heute gibt es keine klare Zuordnung mehr. Wir bewegen uns zwischen den Szenen und werden zu einem Jazzfestival ebenso eingeladen wie zu Wien im Rosenstolz oder zum Popfest am Karlsplatz­. All diese Grenzen gehören sowieso aufgebrochen."

Pioniere im Aufbrechen dieser Grenzen sind Kollegium Kalksburg. Heinz Ditsch, Vincenz Wizlsperger und Paul Skrepek waren alle Mitglieder der neo-dadaistischen Austro-Art-Popband Franz Franz and the Melody Boys. Als sich die Gruppe Anfang der 1990er-Jahre auflöste, schlug man neue musikalische Wege ein. "Eigentlich hätten wir uns damals eine Arbeit suchen sollen", hadert Skrepek heute mit dem Schicksal.
"Aus Mitleid", wie Wizlsperger anmerkt, nötigte man einander, wieder eine Band zu gründen – und stolperte übers Wienerlied. "Den Roland Neuwirth habe ich mit 16 gehört", erinnert sich Wizlsperger. "Der hat mich auch beeindruckt, aber ich wäre nicht auf die Idee gekommen, dass das etwas mit mir zu tun hat." Der Genrewechsel erwies sich in mehrerer Hinsicht als Glücksgriff. "Die Musik hat irrsinnig viel Spielraum beim Tempo", weiß Wizls­perger (Gesang, Eufonium, Kamm), der sich prompt inspiriert sah, erstmals eigene Texte zu verfassen.
Obwohl man dem Kollegium Kalksburg kompetentes Karrierekalkül nicht vorwerfen kann, waren sie zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort. Ende der 90er-, Anfang der Nullerjahre setzte eine Konjunktur von Wienerliedfestivals ein: Herzton Wien, Wean hean, Wien im Rosenstolz oder das Schrammelklang-Festival in Litschau boten der blühenden Szene die passenden Bühnen. "Es ist nach wie vor eine funktionierende Nische", weiß Akkordeonist Heinz Ditsch, der eigentlich vom Jazz kommt: "Auf dem Land ist ,Jazz' ein Schimpfwort. Im Bezirk Gänserndorf kommen da vielleicht zwei Leute."
Über mangelnden Publikumszuspruch brauchten sich die Kalksburger von Anfang an nicht zu beklagen. Freunde und Bekannte sorgten für eine stabile Fan-Base, und der neue musikalische und poetische Kontext erwies sich bald als idealer Rahmen für die performative Präsenz (Stichwort: Rampensau) des fallweise auch erweiterten Trios. "Wir spielen oft nicht so gut", räumt Kontragitarrist Skrepek ein. "Aber der Vortrag stimmt zu 90 Prozent. Wir waren die Ersten, die sich nix geschissen haben."
Das Wienerlied definiert Skrepek pragmatisch und trocken als das, "was die Leute, die in Wien wohnen, machen, wenn sie glauben, dass sie singen müssen". Die zeitgenössische Version davon pflegt er nicht nur mit Kollegium Kalksburg, sondern auch mit dem seit 2004 aktiven Duo Bohatsch & Skrepek. Helmut Bohatsch begann als Schauspieler im Serapionstheater, war Gründungsmitglied der freien Theatergruppe Drama Wien und ist einem größeren Publikum als Spurensicherer Franz Wohlfahrt in der TV-Serie "Soko Donau" bekannt.
Bohatsch ist Steirer und spricht Schauspielerdeutsch. Mit der Mutter hat er beim Abwasch gejodelt, er ist mit Heinz Conrads und Karl Farkas aufgewachsen und war immer schon ein Fan der Sängerin und Kabarettistin Cissy Kraner: "Die singt nicht im Dialekt, sondern ein eingewienertes Deutsch. Das Wienerlied denke ich auch in keiner Weise mit. Ich verwende nicht einmal ein wienspezifisches Idiom. Der Paul schlägt vier typische Akkorde an, und es passt."
Meistens jedenfalls. Denn die Texte, die der von seinem Kompagnon als "sehr emotional" charakterisierte Bohatsch vorlegt, hat ihm Skrepek auch schon einmal zurückgeschmissen – "obwohl ich in Deutsch einen Fünfer hatte". Das grundsätzliche Wohlbefinden in der Beziehung vermag das freilich nicht zu erschüttern – sintemal diese in einen großen familiären Kontext gebettet ist. "In der freien Theaterszene habe ich so etwas höchstens ansatzweise erlebt", freut sich Bohatsch über die Kollegialität und das Gemeinschaftsgefühl der Szene.

"Auf Lepschi gehen" bezeichnet im Wienerischen die hedonistische Entregelung des Arbeitsalltages. Dem entspricht die Arbeitsweise des Trio Lepschi durchaus. Die Erstellung eines "Trinkplans" sei von höchster Priorität, beteuern die Mitglieder der seit 2010 bestehenden Combo.
Ins Leben gerufen hat sie der bekannte Wiener Krimiautor Stefan Slupetzky, der für seine Romane um den Ex-Polizisten Leopold Wallisch mehrfach ausgezeichnet wurde. Slupetzky war über ein Jahr lang gemeinsam mit einer anderen modernen Wienerliedgruppe aufgetreten, den Strottern – allerdings stets in der Rolle des Vorlesenden. "Die wollten mich nicht mitsingen lassen", erinnert sich der erfolgreiche Autor leicht gekränkt, aber keineswegs verbittert.
Für die blühende Szene hatte das freilich sein Gutes, denn Slupetzky gründete mit seinem Bruder Tomas und dem Jazzmusiker Martin Zrost kurzerhand eine eigene Band. Innerhalb kürzester Zeit avancierte das aus Gaudi entstandene Trio Lepschi ("Wir haben nicht geglaubt, dass das ernst wird") zum gesuchten Act. In der Rekordzeit von nur zwei Wochen entstand 2010 die erste CD "mit links"; Ende letzten Jahres kam bereits der Nachfolger "z tod gfiacht­" auf den Markt. Album Nummer drei und vier sind in Vorbereitung.
Trio Lepschi sind einem ausgesprochen galligen Humor zugeneigt; sich selbst bezeichnen die drei scherzhaft, aber nicht ohne Grund nach dem berühmten Hochgeschwindigkeitsvortragsduo der Nachkriegszeit als "Pirron und Knapp fürs dritte Jahrtausend".
Die Haupteinnahmequelle für Bands wie Trio Lepschi sind Konzerte; allein das Airplay auf Ö1 – von Ö3 und FM4 wird die Neue-Wienerlied-Szene weitgehend bis vollständig ignoriert – reichte bislang aus, dass sich pausenlos Veranstalter melden. Nach den Konzerten verkaufen sich auch die CDs gut, weil Trio Lepschi das ideale Zielpublikum (40 plus) gefunden hat: "Die Oidn san z'deppert für MP3, die Jungen san z'deppert für die Texte", weiß Zrost. In der Wienerlied-Nische sei dennoch alles wunderbar: "Es ist fantastisch, wie viel Platz hier ist!"

"Dem Wienerlied geht es sehr gut, danke der Nachfrage", findet Martin Spengler, der sich dem Thema aus der Liedermacherecke nähert und gemeinsam mit seiner Gruppe Die foischn Wiener kürzlich das sehr schöne, soulig angehauchte Debütalbum "Die Liebe, da Dod und de aundan Gfrasta" veröffentlicht hat.
Er weiß zwar nicht so recht, was "Wienerlied" in Zusammenhang mit seiner Musik bedeuten soll, mit dem Begriff als solchem hat Spengler aber kein Problem. Im Unterschied zu jenem des Austropop: "Dagegen habe ich beinahe eine körperliche Abneigung." Er schlägt das Genre "Wiener Weltmusik" vor, das er als "urbanen Folk einer weltoffenen Großstadt" definiert.
Spengler, der zwölf Jahre Geigenunterricht und eine Ausbildung als Jazzgitarrist hinter sich hat, versteht sich als klassischen Singer/Songwriter – nur dass er eben nicht Englisch, sondern in seiner Umgangssprache, einem Wienerisch-niederösterreichischen Mischmasch singt. Denn wie so viele der gegenwärtigen Wienerliedermacher respektive Wiener Liedermacher ist auch er nur ein "Zuagraster", der allerdings schon seit über 20 Jahren in Wien lebt.
"Dass die Themen, Topoi, Stimmungen und Schauplätze der Lieder natürlich in hohem Maße von dieser Stadt gefärbt sind, ist selbstverständlich", sagt Spengler. "Das Wienerlied ist für mich somit auch eine Möglichkeit, wie wir uns als Österreicher den Blues aneignen können. Wenn man im Herzen ein Schwarzer sein kann, kann man auch im Herzen ein Wiener sein – und der Blues und das Wienerlied sind für mich ohnehin getrennte Zwillinge."

Agnes Palmisano wiederum kommt von der Klassik. Sie bemüht sich vor allem da­rum, die alte Wiener Gesangstradition des Dudelns vor dem Vergessen zu bewahren: "Dieser Gesangsstil war für das Wien des 19. Jahrhunderts ungemein prägend und ist selbst bei Johann Strauß zu finden. In der Rezeption der Operettengeschichte kommt der Dudler aber überhaupt nicht vor. Dabei müsste man die Operetten aus dieser Zeit heute ein bisschen wilder, ein bisschen experimenteller, ein bisschen frecher singen."
Verkürzt wird das Dudeln gerne als wienerische Form des Jodelns erklärt, Palmisano bevorzugt die Definition als "Koloraturgesang im Wiener Dialekt". Die Sängerin präsentiert diese spezielle Kunstform auch bei Auslandsgastspielen, etwa in Asien oder Südamerika. "Wiener Dudler sind im Prinzip Lieder ohne Worte", sagt sie. "Es geht ganz stark um Emotion, die man weltweit verstehen kann, um Lebenslust und Melancholie."
Was Palmisano am Wienerlied, das sie erst während ihres Gesangsstudiums entdeckt hat, besonders reizt? "Die Freiheit! Die Interpretation, also die Vermittlung von Geschichten und Emotionen, hat hier oberste Priorität. Anders als in der Klassik klebt man beim Wienerlied nicht immer nur an schönen Tönen. Ich finde schöne Töne schön, wichtig und berechtigt. Aber nur schöne Töne sind unendlich langweilig. Für Wienerliedinterpreten ist das selbstverständlich, aber für klassisch ausgebildete Sänger sind Ausflüge ins Wienerlied oft sehr schwierig. Wien ist nicht nur süß, sondern auch sehr herb, und das muss in der Musik auch seinen Ausdruck finden!"

Schuld an der Dudler-Passion der Agnes Palmisano ist der Extremschrammler Roland Neuwirth, der sich der lokalen Musiktradition vor 35 Jahren vom Rock und Blues kommend näherte und seit damals zu den herausragenden Vertretern des Wienerlieds zählt: Bei einem von ihm geleiteten Seminar an der Wiener Musikuni wurde Palmi­sano mit ihrem ersten Dudler konfrontiert.
Neuwirth ist bekennender Missionar, getrieben von einem in der blühenden Wienerlieder-Szene unübertroffenen enzyklopädischen und archivarischen Ehrgeiz. Über Jahrzehnte hat sich Neuwirth nicht nur "durch einen gigantischen Schmalzberg", sondern auch durch die Archive gegraben und alte Schellacks Ton für Ton transkribiert, um dem Wiener Geigenstil auf die Spur zu kommen.
"Das Perverse an dem Land ist ja, dass man sich über die eigene Volksmusik lustig macht", findet Neuwirth, ohne die Schattenseiten der Kommerzialisierung in Abrede zu stellen: "Wir haben seinerzeit nur den Kitsch gekannt. Und das 300. Lied über den Steffl – dieser Schas war ja nicht zum Aushalten!"
"Ich sing das ja nur, weil kein anderer da ist, der's macht", beteuert Neuwirth. Er sieht sich in erster Linie als Komponist, der erst mit zwei Geigen- und zwei Gesangsstimmen wirklich glücklich wird. Eine kleinere Besetzung ist ihm zu reduziert, und wenn ihn jemand einen "Liedermacher" nennt, ist er "aufs Tödlichste beleidigt".
Dass die historischen Lieder "bis auf wenige hoffnungslos überlebt" sind, weiß auch Neuwirth. Die Substanz des Wienerliedes liegt für ihn in der "Authentizität", und die ist keine Frage von flüchtigen Konjunkturen: "Ein Zwetschkenbaum ist ja auch nicht in Mode, der ist einfach."

Klaus Nüchtern in FALTER 40/2012 vom 05.10.2012 (S. 24)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Die wahre Liebe
Z tod gfiacht (Trio Lepschi)
Gut genug für die City (5/8erl in Ehr'n)
Die Liebe,da Dod und de aundan Gfrasta
Schee Is Wos Aundas Vol.1+2
Wia tanzn is (Die Strottern, Martin Ptak, Eberle Martin)
Alles in Butter (Bohatsch & Skrepek)

Rezension aus FALTER 26/2009

Der beste Rapper der Linzer Gruppe Texta heißt Skero und verbringt in Wahrheit die meiste Zeit in Wien. Der hoch aufgeschossene Wortschmied legt ein spätes, konzentriert-gelassenes Solodebüt vor. "Memoiren eines Riesen" ist ein HipHop-Album, wie es hierzulande in dieser Qualität schon einige wenige gibt, jedoch nicht in dieser Vielfalt. Zu HipHop, Reggae und Baile Funk switcht Skero intuitiv zwischen Mundart und Hochdeutsch und spannt einen Bogen, der von dichtem Storytelling ("Schicksale in der Nacht") bis zu witzigem Neo-Wienerlied-Gut ("Künstler") reicht. Daumen hoch.

Sebastian Fasthuber in FALTER 26/2009 vom 26.06.2009 (S. 27)


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