Elegant

von Die Strottern

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Label: Jazzwerkstatt Wien/Lotus
Erscheinungsdatum: 26.04.2009

Rezension aus FALTER 27/2009

I vasauf an Doppla Speiseöl, weu vom Wossa wiasd ned fett!" – Wienerisch als restaurative Utopie betrachtet

Dass Wien Wien bliebe, stellt Karl Kraus zufolge eine gefährliche Drohung dar. Mittlerweile braucht man die Veränderungsresistenz nicht mehr zu fürchten: Wien ist längst eine moderne Großstadt, was angesichts der Flagshipisierung der Innenstadt aber auch kein Grund für ungetrübte Freude ist und die Frage aufwirft, ob das Bewahrende immer auch reaktionär sein muss. Anlass, diese beherzt zu verneinen, geben Kräfte wie Kollegium Kalksburg oder Die Strottern, deren Fortführung weniger des Wienerlieds als des Wienerischen selbst ein restauratives Moment innewohnt, das indes nicht reaktionär ist.
Wien wird hier weniger wiedergefunden, als wiedererfunden. Auf ihrem zu Recht "Elegant" betitelten Album greifen Klemens Lendl und David Müller, vulgo Die Strottern – kongenial begleitet von acht Mannen der in kluger Zurückhaltung, aber effektiv agierenden Jazzwerkstatt –, auf ein Reservoir an Worten, Gesten und Attitüden des Wienerischen zurück, das in der Realität nur höchst selten noch angezapft wird. "Mahlzeit. Freundschaft. Haben schon gewählt?" bedient sich das Eingangsstück eines Idioms, das akut vom Aussterben bedroht ist, um dieses ("Steingut. Grillgut. Nur die Liebe zählt") als Phrasenmüll vorzuführen, dem aber ("Amtlich. Fristlos. Eigenheimbüro") doch der Dreck des Realen anhaftet.
Darüber hinaus verfügt "Wia manst du des?" (Text: Karl Stirner) auch noch über einen genial ­geschmeidigen Groove und einen Refrain, der sich in den Gehörgang schmiert: "Wie manst du des, du manst, / wia i des man? / I man jo nua, / hosz du vielleicht a Böözhaubm auf / oder is des dei Frisur?"
Dem formidablen, völkerverbindenden und friedliebenden Fett wird mehrfach Tribut gezollt: Weil man von Wasser nicht fett wird, greift man zum Speiseöl, und Schmalz dient als Unterlage einer äußerst zarten Begegnung, die Texter Peter Ahorner in "Wean, du schlofst" quasi nach Steilvorlage von André Heller und Helmut Qualtinger ("Wean, du bist a Taschenfeitl") in Szene setzt: "Wean, du schlofst / wia r a Boimkazzal / auf an Grammeschmoizzbrod."
Man sieht: In Wien steckt nicht nur Hinterfotz – und Bassenaboshaftigkeit, sondern auch unerwartete Sanftmut. Oder lebensbejahende Laschheit. In einem Interview (Falter 42/08) meinte Ruth Klüger, die berüchtigte Wiener Wurschtigkeit sei ihr eigentlich sympathisch, weil: "Man kann so, man kann auch anders, so wichtig ist es nicht, wird sich schon wieder geben." Ebendieser Mentalität sind die zur Menschheitsvernichtung befehligten himmlischen Heerscharen in Klemens Lendls wunderbarem Musikdramolett "Personalienwalzer" verpflichtet. Die Engel lassen den Herrgott einfach einen guten Mann sein, denn: "De woin ned schdeam / und mia uns ned plogn / mia kenntn aa a Glasal vatrogn." Bliebe Wien das Wien, das es nie war, es wäre eine herrliche Verheißung. 

Klaus Nüchtern in FALTER 27/2009 vom 03.07.2009 (S. 26)


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