Hartmann: Des Simplicius Simplicissimus Jugend

von Rundfunkorchester München, Ulf Schirmer, Karl Amadeus Hartmann

Derzeit nicht lieferbar

Label: BR Klassik
Erscheinungsdatum: 18.09.2009

Rezension aus FALTER 43/2009

Dass jenes Schlüsselwerk, welches er sehr viel später als sein Opus 1 bezeichnen sollte, auf lange Zeit nicht in Deutschland gespielt werden würde, war dem jungen Komponisten von Anfang an bewusst: 1933 schrieb er sein 1. Streichquartett – "bei der ersten Judenverfolgung", wie er anmerkte. Und: "Das Thema vom Fugato des 1. Satzes ist ein jüdisches Volkslied."
Karl Amadeus Hartmann (1905–1963) war der integerste Komponist im Dritten Reich. Als Enfant terrible der Münchner Musikszene hatte er in den wilden 20ern Futurismus, Dada und Jazz kombiniert. Mit der Machtübernahme der Nazis 1933 aber legte er seine vielversprechend begonnene Karriere auf Eis, flüchtete sich in seiner "Hoffnungslosigkeit gegenüber der absoluten geistigen Leere im Land" in die "entsetzliche Leere der inneren Emigration".
Zwölf lange Jahre folgte Hartmann zwar dem Bedürfnis, mit seiner Musik ein humanistisches Bekenntnis abzulegen, das eigene Erleben der Terrorherrschaft zu schildern. Doch konnte er, der "Entartete", nur noch für die Schublade komponieren.
Ingo Metzmacher (siehe Feuilleton, Seite 30) dokumentierte vor Jahren Hartmanns Rang als Sinfoniker in unmittelbarem Vergleich zu dessen Zeitgenossen (Messiaen, Strawinsky, Webern u.a.). Ähnlich aufschlussreich ist nun ein hervorragendes Projekt des umtriebigen deutschen Labels Cybele (Gramola):
"Karl Amadeus Hartmann und das Streichquartett" versammelt auf drei SACDs die beiden Quartette, das Kleine Konzert sowie das Kammerkonzert in scharf und kontrastreich, manchmal wohl auch mit etwas grobem Strich, aber immer packend gezeichneten Interpretationen durch das DoelenKwartet und die Sinfonia
Rotterdam. Und ergänzt die Musik durch so ausführliche wie spannende Interviews mit der Witwe, dem Sohn und dem Komponisten selbst, aufgenommen kurz vor dessen Tod.
Kurze Ausschnitte dieser Aufzeichnung ergänzen auch einen Mitschnitt der Oper "Des Simplicius
Simplicissimus Jugend" (BR Klassik) mit dem Münchner Rundfunkorchester unter Ulf Schirmer. Geradezu prophetisch schrieb Hartmann diese Oper nach Grimmelshausen 1935 als Warnung vor jenem Krieg, den er damals schon fürchtete. In ihr erklingt, als "Trauergesang", die gleiche jüdische Melodie wie in seinem Opus 1.

Carsten Fastner in FALTER 43/2009 vom 23.10.2009 (S. 31)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Karl Amadeus Hartmann und das Streichquartett (Karl Amadeus Hartmann)

Rezension aus FALTER 40/2009

In Wien muss sich das RSO des ORF derzeit mit Grundsatzdebatten zu seiner öffentlich-rechtlichen Stellung herumschlagen. In München ­stehen die drei Klangkörper des Bayerischen Rundfunks – Sinfonieorchester, Rundfunk­orchester und Chor des BR – allenfalls insofern unter Kritik, als höflich angefragt wird, ob nicht speziell das SO durch seinen Erfolg vielleicht doch etwas zu sehr von den Verpflichtungen gegenüber dem eigenen Haus abgehalten wird.
Tatsächlich wurde dieses international gefragte Ensemble unter seinem Chef Mariss Jansons unlängst vom britischen Fachmagazin Grammophone zum besten Rundfunkorchester der Welt gewählt: Platz sechs in den Top 20, die vom Concertgebouw Amsterdam (übrigens ebenfalls unter Jansons) angeführt werden.
Das Concertgebouw veröffentlicht seine Einspielungen schon länger in Eigenregie, und so ist es wohl kein Zufall, dass nun auch der BR diesem Trend folgt und für seine drei Klangkörper mit BR Klassik ein eigenes Label gegründet hat. Zum Auftakt letzte Woche kamen acht Alben heraus, die exemplarisch die überzeugende inhaltliche Ausrichtung zeigen.
Zugpferd des Labels sind natürlich das Symphonieorchester und Mariss Jansons. Zu hören sind sie nun auf einem Konzertmitschnitt aus dem Wiener Musikverein (2007) mit einer zu Recht umjubelten Aufführung von Anton Bruckners 7. Sinfonie, mit Gustav Mahlers 7. Sinfonie und der "Harmoniemesse" von Joseph Haydn.
Bei Letzterer wird das SO vom Chor des BR unterstützt. Allein ist dieses atemberaubende Ensemble unter seinem jungen Chef Peter Dijkstra auf einem Album mit A-cappella-Messen von Frank Martin und Zoltán Kodály zu hören. Das Rundfunkorchester München unter Ulf Schirmer schließlich ist mit zwei Opernproduktionen vertreten: "Des Simplicius Simplicissimus Jugend" von Karl Ama­deus Hartmann und Leonard Bernsteins "Trouble in Tahiti".
Das neue Label nutzt auch die Archive des BR, den Anfang machen alte Mitschnitte von Martha Argerich mit Klavierkonzerten von Mozart (KV 456) und Beethoven (Nr. 1).
Und auch der öffentlich-recht­liche Bildungsauftrag wird vorbildlich erfüllt: mit einer packenden Werk­einführung von Wieland Schmid samt Musikbeispielen zu J.S. Bachs "Matthäuspassion".

Carsten Fastner in FALTER 40/2009 vom 02.10.2009 (S. 23)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Mahler: Symphonie Nr. 7 (Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, Mariss Jansons, Gustav Mahler)
Bruckner: Symphonie Nr. 7 (Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, Mariss Jansons, Anton Bruckner)
Haydn: Harmoniemesse (Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, Mariss Jansons, Joseph Haydn)
Bernstein: Trouble in Tahiti (Rundfunkorchester München, Ulf Schirmer, Leonard Bernstein)
Martin: Messe für Doppelchor (Chor des Bayerischen Rundfunks, Peter Dijkstra, Frank Martin, Zoltán Kodály, Francis Poulenc)
Martha Argerich: Beethoven, Mozart - Klavierkonzerte (Martha Argerich, Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, Eugen Jochum, Seiji Ozawa)
Bach: Matthäuspassion (Wieland Schmid)

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