Love 2

von Air

Derzeit nicht lieferbar

Label: Virgin / EMI
Erscheinungsdatum: 02.10.2009

Rezension aus FALTER 41/2009

Love Love Love Sing Sang Sung

In Zeiten grober Einschnitte ist auch das Zeitbudget für Promotion in der Musikindustrie knapp geworden. Früher durften Interviews mit großen Namen schon mal eine Stunde dauern, heute muss man froh sein, als sogenannter Medienpartner seine 20 Minuten mit einer Newcomerband zu bekommen.
Air sind noch anders gepolt. Aus einem Telefoninterview mit den französischen Feingeistern des elektronischen Easy Listening werden da schnell zwei, weil gern beide – Nicolas Godin und J.B. Dunckel – getrennt voneinander über ihr neues Album "Love 2" Auskunft geben möchten. "Wirklich, ist es ungewöhnlich, mit mehreren Bandmitgliedern zu sprechen?", zeigt sich Godin auf Nachfrage erstaunt. "Sie müssen entschuldigen, aber wir sind totale Old-School-Menschen."

Soeben haben die Herren alter Schule ihr fünftes Studioalbum, "Love 2", veröffentlicht. Dass andere Künstler wie Radiohead und deren Sänger Thom Yorke dazu übergegangen sind, einzelne Songs ohne ordnenden Zusammenhang sofort als Download rauszubringen, kann Dunckel nicht recht nachvollziehen: "Ich mag Radiohead, aber für mich haben Bands eine stärkere Identität, wenn sie ganze Alben machen. So wie Filme zwischen eineinhalb und zwei Stunden am besten funktionieren, halte ich 30 bis 40 Minuten für eine gute Zeitspanne, um sich Musik anzuhören."
Das letzte Jahr hat das Duo aus Paris nicht nur mit den Aufnahmen zum neuen Album verbracht. Es arbeitete auch an der eigenen Unabhängigkeit. Nach einer langen Phase des Suchens fanden Godin/Dunckel im Nordosten von Paris die passenden Räumlichkeiten für ein eigenes Studio. Das Atlas Studio bietet aber nicht nur zwei Aufnahmeräume für akustische Instrumente und Synthesizer, es dient der Band auch als Hauptquartier, von wo aus im Prinzip alles erledigt werden kann. "Ich war noch nie im Kling Klang Studio von Kraftwerk, aber das Prinzip dürfte ähnlich sein", schwärmt Godin. "Wir können im Atlas alles machen, aufnehmen, mischen, die Liveshow proben, aber auch Interviews geben."

Es wären nicht Air, hätten sie die irgendwo in einem Hinterhof gelegenen Räume nicht einer gründlichen Revitalisierung unterzogen. "Bei der Ausstattung haben wir uns ein wenig in Unkosten gestürzt", erläutert Godin. "Das Design ist beeinflusst von Coco Chanel, alles ist in Schwarz-Weiß gehalten." Und Dunckel ergänzt: "Wir sehen es auch als Zukunftsinvestition. Selbst wenn die Musikindustrie komplett kracht, können wir hier für den Rest unseres Lebens weiter unsere Musik machen."
Die aktuelle Platte gehört zu den besten in Airs Discografie, eine Art Summe ihrer bisherigen Veröffentlichungen. Sie mischt den naiven Kitsch von "Moon Safari" mit dem zarten Noise von "10 000 Hz Legend" und zentraleuropäische Melancholie mit afrikanisch beeinflussten Rhythmen oder elektronischer Bossa nova. Addiert man dazu noch einen untrüglichen Instinkt für einschmeichelnde kleine Melodien, steht am Ende fast zwangsläufig ein Hit. Der Text wird da zur Nebensache, wie etwa im Song "Love", der nur aus endlosen Wiederholungen des Titelwortes besteht.
Die ungewöhnlich sonnige Single "Sing Sang Sung" wiederum eröffnet Dunckel mit dem Satz "You're such a workaholic boy". Es folgt die Aufforderung, sein Leben doch bitte zu überdenken.

"So etwas Persönliches habe ich noch selten gesungen", bekennt er. "Ich fühle mich momentan ein bisschen verloren, weil ich kein Workaholic mehr sein will. Früher habe ich immer geglaubt, ich sei ein netter Mensch. Aber man kann auch nett sein und gleichzeitig selbstsüchtig und seine Freunde und Familie vernachlässigen." Nachsatz: "Ich kann es mir zum Glück aussuchen, wann und wie viel ich arbeite. Viele meiner Freunde verbeißen sich in ihre Jobs bei großen, seelenlosen Unternehmen. Das ist eines der Dramen des modernen Lebens."
Air gelten als Perfektionisten und als solche schwer veränderbar. "Doch, es ist schon möglich", lacht Dunckel. "Wir sind keine Musiker, die eine Aufnahme zu Tode polieren würden. Wenn wir einmal einen Sound gefunden haben, bleibt er so stehen. Ohne ein bisschen Rost wird die Musik leblos."
Nun ist Rost nicht gerade das allererste Wort, das einem zu Air einfallen würde. Und natürlich stellt auch "Love 2" in erster Linie wieder einen geschmackvollen Behübschungsartikel fürs gute Leben dar. Air stehen mit ihrer Musik und ihrer Art, Interviews zu geben, für Zweierbeziehung und Beständigkeit. Der Soundtrack zum Eigenheim.

Sebastian Fasthuber in FALTER 41/2009 vom 09.10.2009 (S. 29)


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