Paris/London Testament

von Keith Jarrett

Derzeit nicht lieferbar

Label: ECM/Lotus
Erscheinungsdatum: 02.10.2009

Rezension aus FALTER 44/2009

Handys aus, der Meister kommt!

Der Jazzpianist Keith Jarrett durchlitt eines seiner berühmten Solokonzerte und hat sein Testament gemacht

Wenn Keith Jarrett ein Konzert gibt, sind alle gefordert – auch die Zuhörer. "Jedes Publikum ist ein Organismus, ein einziger Körper, von dem ich zwar getrennt bin, der mich aber beeinflusst. Also brauche ich die Hilfe des Publikums", meinte Jarrett im Interview mit dem Falter anlässlich seines 60. Geburtstags im Mai 2005.
Und das Publikum ist sich seiner Verantwortung auch bewusst: Als Jarrett vor zwei Wochen die Philharmonie in Berlin mit seinem einzigen Solokonzert in Deutschland adelte, verharrten die 2400 Zuhörer in der ausverkauften Konzerthalle gut zehn Minuten respektvoll im Halbdunkel, ehe sie von einem Einheizer noch einmal zu diesem "fantastic event" begrüßt und zur Ruhe ermahnt wurden: keine Handys, keine Fotos, kein Hüsteln, kein Garnix.

Dann kam der Meister und bedankte sich zunächst beim Münchner Produzenten und Label-Chef Manfred Eicher, dessen Label ECM mit dem Solokonzert auch seinen 40er beging und auf dem bislang über 40 Jarrett-Alben erschienen sind, darunter das bestverkaufte Jazz-Soloalbum aller Zeiten, "The Köln Concert" von 1975.
Wenn die Erwartung hoch und die Stimmung bis zur Hysterie gespannt ist, geht auch schnell was schief: Schon zu Beginn des zweiten Stücks erklang das herbeigefürchtete Handygedudel und führte, nach einem weiteren unliebsamen Geräusch zum wiederholten Abbruch und einem kleinen zivilisationskritischen Exkurs Jarretts, der sich nach der Pause dann auch gezwungen sah, einen Zuhörer aufzufordern, seine Kamera dem Sitznachbarn auf der anderen Seite des Ganges auszuhändigen – "so, dass ich es sehen kann". Aber irgendwann hatten der Mann am Flügel und die Menschen im Saal den gemeinsamen Frieden gefunden, und Jarrett gönnte mit Duke Ellingtons "Sophisticated Lady" und der Eigenkomposition "My Song" den enthusiasmierten Zuhörern zum Abschluss auch zwei kulinarische Stücke.

Früher waren Jarretts Solokonzerte "epische Reisen ins Unbekannte", wie er es selbst formulierte, ausufernde Improvisationen von einer halben Stunde am Stück und länger. Als sich Jarrett vor einigen Jahren nach der Genesung vom chronic fatigue syndrom wieder an Soloauftritte wagte, begann er, diese in mehrere Abschnitte zu gliedern. Grob vereinfacht bestehen seine Konzerte nun aus drei Elementen: Songs von schlichter Inbrunst, Groove-orientierten Stücken, die ihre Wurzeln im Jazz und im Blues haben, und den etwas längeren Improvisationen.
Das Konzert, das Jarrett Ende letzten Jahres in Paris gegeben hat und das nun gemeinsam mit dem wenig später aufgenommenen London-Konzert auf der Dreifach-CD "Testament" erschienen ist, beginnt mit einer 14-minütigen Improvisation – in einer tastenden, das Gelände sondierenden Bewegung, jenem Aufbruch in unbekanntes Territorium, der Jarretts ästhetisches Credo darstellt. In solchen Stücken riskiert Jarrett am meisten – freilich auch, dass ein von höherer Langeweile gelähmter Hörer am Wegesrand steht und keine Ahnung hat, wohin die Reise geht. Schon klar: Der Weg ist das Ziel, aber das ändert auch nichts daran, dass einen gewisse Stücke (etwa Part V des London-Konzerts) eigentümlich kalt und ratlos zurücklassen.
"Glauben Sie, das ist einfach für mich – bloß, weil ich es schon so oft gemacht habe?!", wandte sich Jarrett an sein Berliner Publikum. Natürlich nicht, Mr. Jarrett. Und wir wissen auch, dass just das scheinbar Leichte oft das Schwierigste ist, gerade für jemanden, der über eine stupende Virtuosität verfügt, sich früher minutenlang an einem Ostinato in der linken Hand ergötzen konnte und immer wieder Gefahr lief, sich mit den eigenen jubilierenden Klangkaskaden selbst zu strangulieren. Heute kann Jarrett ein ganz wunderbarer Aufhörer sein, der Stücke von wenigen Minuten Dauer mit anmutiger Entschlossenheit und Eleganz zu Ende bringt. Der existenzielle Ernst aber, der sich in den selbstverfassten Liner-Notes zum "Testament" bis zu biografischer Selbstentblößung steigert (etwa wenn Jarrett über die Trennung von seiner Frau schreibt), steht den geniekultisch inszenierten Solokonzerten oft im Weg.

Es ist nicht einfach nur das Altbekannte, das man an Jarretts Standardinterpretationen – etwa auf dem atemberaubenden, Anfang des Jahres erschienen Trioalbum "Yesterdays" – zu schätzen weiß. Vielmehr scheint gerade der Rückgriff auf einen gut abgehangenen Formenkanon dem von Jarrett wohl angestrebten divinatorischen State-of-Mind förderlicher zu sein als viele seiner irrlichternden Inventionen: Nicht ich spiele, sondern es spielt.
Jarrett kann "Songs" so spielen, dass diese sich in imaginäre Volkslieder verwandeln; er kann Blues- und Boogie-Destillate aus dem Handgelenk schütteln, dass man schlagartig begreift, woher deren basale Kraft kommt, und wenn er das London-Konzert nach einer berührenden, aber auch etwas über­eloquenten Reminiszenz an Bill Evans mit einem Blues im Geiste des Gospel beschließt, treibt es einem schier die Freudentränen in die Augen: Es geht ihm jetzt doch auch gut, dem Schmerzensmann der Jazzimprovisation?!

Klaus Nüchtern in FALTER 44/2009 vom 30.10.2009 (S. 35)


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