Der Ring des Nibelungen
Bayreuth 2008

von Wiener Philharmoniker, Richard Wagner

Derzeit nicht lieferbar

Label: Opus Arte/Gramola
Erscheinungsdatum: 01.01.2008

Rezension aus FALTER 47/2009

Nacht Klang Macht

Der Dirigent Christian Thielemann findet in der Vergangenheit die Zukunft seiner Zunft

Natürlich sind die kommenden Auftritte des Dirigenten Christian Thielemann mit den Wiener Philharmonikern in Wien, Paris, Köln und Amsterdam nicht nur Höhepunkte des internationalen Musiklebens – sie sind auch eine Beleidigung, zumindest ein harter Affront. Für die Münchner nämlich.
Seit knapp einem Jahr (und noch bis April 2010) arbeiten Thielemann und die Wiener an den neun Sinfonien Ludwig van Beethovens; derzeit stehen die Siebte und die Achte auf dem Programm.
Es gibt für klassische Orchester nichts Wichtigeres, für Dirigenten nichts Prominenteres als einen solchen Beethovenzyklus; Publikum und Kritiker haben ihn sich zuletzt von keinem Dirigenten mehr gewünscht als von Thielemann; und in München hatte man sich berechtigte Hoffnungen darauf gemacht, dass Thielemann dieses prestigeträchtige Projekt mit seinem eigenen Orchester unternimmt, mit den Münchner Philharmonikern.
Doch dort hing, trotz großer künstlerischer Erfolge, in den letzten Monaten der Haussegen schief, und die Entscheidung des Dirigenten, seinen Beethoven auswärts anzugehen, hat die Stimmung keinesfalls verbessert. Kurz gesagt stritten die Münchner Philharmoniker und Thielemann um dessen Rechte und Pflichten als Generalmusikdirektor:
Wie oft kann, soll, muss er selbst das Orchester dirigieren? Wer darf, wer darf nicht die Gastdirigate übernehmen? Mit welchen Programmen? Und wer trifft all diese Entscheidungen? Der Dirigent, der mit gutem Grund eifersüchtig über sein Klang­ideal wacht? Oder das Orchester, das mit gutem Grund auch andere künstlerische Positionen kennenlernen möchte?

Das war weit mehr als nur ein Streit um bürokratische Spitzfindigkeiten. Hier offenbarte sich Thielemanns ganzes Selbstverständnis und Machtbewusstsein als einer der besten und begehrtesten, umstrittensten und eigensinnigsten Dirigenten unserer Zeit.
Wie kein Zweiter verkörpert der 50-jährige Westberliner derzeit den knorrigen Kapellmeister klassischen Zuschnitts – einen Typus, der im modernen Konzertleben beinahe schon ausgestorben, jedenfalls lange Zeit nicht mehr gefragt war.
Während sich Dirigenten reihum die Erkenntnisse der historischen Aufführungspraxis zu eigen machen, ihre großen Orchester klanglich verschlanken, da hält Thielemann am sonoren Ideal der vorletzten Jahrhundertwende fest, zelebriert den traditionell deutschen, dunklen Ton, den sinnlich sehnsuchtsvollen, nach Transzendenz strebenden Klang, übersetzt das romantische Idealbild der Nacht in Musik.
Während sich ringsum objektivierte, historisch informierte Lesarten der großen Klassiker durchsetzen, beharrt er auf einem intuitiven, individuellen, streng subjektiven Zugriff – und stellt dabei, ähnlich seinem Vorbild Wilhelm Furtwängler, gelegentlich auch das klingende Ergebnis über die wortwörtliche Realisierung der Vorgaben aus der Partitur.
Während Thielemanns Kollegen ihren programmatischen Horizont in Richtung Gegenwart erweitern, konzentriert er sich unbeirrt aufs deutsche Kernrepertoire, auf Beethoven, Schumann und Brahms, auf Bruckner und, vor allem, Wagner. Dabei scheint es ihn überhaupt nicht zu inter­essieren, sich wie alle anderen am Missbrauch gerade dieses Repertoires durch die Nazis abzuarbeiten.
Das kann man getrost stockkonservativ nennen. Allerdings sorgt Christian Thielemann damit auch für einen überfälligen Kontrapunkt im zunehmenden Gleichklang des globalisierten philharmonischen Betriebs. Und das unumstritten in musikalisch herausragender Qualität.
Sei es bei den Wagner-Festspielen in Bayreuth, wo er längst zum Hauptdirigenten avancierte, oder daheim in München, sei es bei seinen Gastdirigaten in Wien oder Berlin, Amsterdam oder London: Stets entlockt Thielemann den Orchestern eine ganz eigene, dunkel schillernde Klangfarbe; lotst die Musiker durch so eigenwillige wie in sich stimmige Tempofluktuationen; zeigt sich als unangefochtener Meister in der großen Kunst des Rubato, der Verzögerung, des Atemholens, der Pausendramaturgie.
Thielemann gelingen so raffinierte Kunststücke, wie etwa den Eindruck eines Ritardandos allein durch feine dynamische Zurücknahme zu erwecken oder, umgekehrt, durch zwar moderate, aber gestochen präzise Tonwiederholungen größte Geschwindigkeit zu evozieren.

"Der weiß gar nicht, wie genial er ist", hat Ioan Holender, der Wiener Staatsoperndirektor, einmal über Thielemann gesagt. Und in diesem Lob zugleich das größte Problem des Dirigenten angesprochen: die Unbedarftheit in allen außermusikalischen Belangen.
Christian Thielemann ist das Gegenteil des intellektuellen, analytisch denkenden, die historisch-politischen Implikationen von Musik reflektierenden Dirigententyps, wie er die letzten Jahrzehnte prägte. Wenn er über Musik spricht, tut er das nicht in musikologischen Exegesen, sondern in plastischen Bildern.
Im langsamen zweiten Satz von Beethovens dritter Sinfonie etwa sieht Thielemann einen Trauerzug, und wenn er den durchgängigen Marschrhythmus dieser Musik, ganz ungewöhnlich, bald langsamer, bald schneller nimmt, dann begründet er das damit, dass die Sargträger auch einmal bergauf gehen müssen – und schließlich ihren Schritt beschleunigen, um endlich ins Wirtshaus zu kommen.
Musikalisch macht er damit einen Punkt. Problematischer scheint vielen Beobachtern solch scheinbare Naivität jedoch, wenn Thielemann zum politisch korrekten Umgang mit den Werken des verehrten Richard Wagner nur die Gegenfrage einfällt, wie Klänge überhaupt politisch sein könnten.
Seit er vor 21 Jahren seine erste Saison als Generalmusikdirektor ausgerechnet am Nürnberger Opernhaus ausgerechnet mit der Oper "Palestrina" (1917) des antisemitischen Komponisten Hans Pfitzner eröffnete, wird Thielemann immer wieder ins rechte Eck gestellt. Einschlägige Äußerungen, die diesen Verdacht bestätigen würden, sind freilich nicht bekannt. Und auch sein Markenzeichen, der zackige Haarschnitt nach der deutschen Mode der 30er-Jahre, dürfte wohl vor allem eine übermütige Koketterie mit dem eigenen Bild in der Öffentlichkeit sein.
Gleichwohl – gerade für seine musikalisch allgemein akklamierte Arbeit am Werk Richard Wagners bekommt Thielemann auch viel Applaus von der falschen Seite, oder besser: aus den falschen Gründen. Als bestätige er eine revanchistische Gesinnung, die er selbst tatsächlich niemals thematisiert hat.
Als neue Identifikationsfigur für das kulturbeflissene Bildungsbürgertum aber taugt Christian Thielemann allemal, wenn er in der Wiederbelebung vergangener Tugenden die Zukunft seiner Zunft sieht.
Während sich Dirigenten von Simon Rattle abwärts um einen niederschwelligen Zugang zum Konzertbetrieb bemühen, Vermittlungsprogramme sonder Zahl erfinden und händeringend, bisweilen gar anbiedernd um ein klassikfernes Publikum buhlen, hält Thielemann die Kenntnis von Opuszahlen und Tonarten wichtiger Werke keinesfalls für obsolet.

"Das ist doch kein Dünkel – das ist Wissen!", so hat er das neulich bei einem Presse­gespräch in Wien formuliert. "Natürlich hängt die Zukunft des Klassikbetriebs auch am Bürgertum. Das war immer so, und das wird sich auch nicht ändern, nur weil es in den letzten Jahrzehnten als langweilig, verstaubt und abgestanden diffamiert wurde."
Auch das ist eine Qualität Thielemanns. Selbstbewusst, stur und manchmal auch ein bisschen schrullig verweigert er sich dem Mainstream, den approbierten Gepflogenheiten und (vermeintlichen) ökonomischen Notwendigkeiten des Betriebs.
Auf die unter Dirigenten übliche "verdammte Reiserei" etwa hat er keine Lust. Wenn er, wie unlängst bei einer Probenwoche in Wien, einmal einen freien Tag hat, fliegt er nicht schnell für einen Auftritt nach Paris, London, New York, sondern geht lieber ins Museum.
Im Münchner Streit gab Thielemann, wie zu erwarten, keinen Millimeter nach. 2011 wird er das Orchester in Richtung Dresden verlassen. Und auch die Deutsche Grammophon, bei der er seit 1996 exklusiv unter Vertrag stand, ließ er auflaufen: Die ihm angetragenen Cross­over- und Hochglanzprojekte wollte er nicht mittragen; umgekehrt stieß sein Wunsch nach einem Brucknerzyklus bei den Plattenbossen auf taube Ohren. Derzeit ist die Zusammenarbeit "auf Eis gelegt".
Thielemanns umjubelter "Ring des Nibelungen" aus Bayreuth ist stattdessen gerade bei dem kleinen Label Opus Arte erschienen. Und sein Wiener Beethovenzyklus wird nächstes Jahr bei Unitel Classica auf DVD erscheinen. Es wird, so viel steht jetzt schon fest, der aufregendste Beethovenzyklus seit Jahren, so individuell wie stringent.
Nicht zuletzt angesichts seiner so lebendigen, ganz und gar gegenwärtigen Beethoveninterpretationen wäre es verfehlt, Christian Thielemann als bloßen Vergangenheitsapostel abzutun. Bei seinen aktuellen Wiener Konzerten hätte er sogar ein neues Stück des Komponisten Jörg Widmann uraufgeführt – wenn der nur rechtzeitig fertig geworden wäre.

Für die Zukunft seiner Branche, speziell des ökonomisch gebeutelten CD-Marktes, hält der konservative Dirigent gar eine revolutionäre Lösung parat: Man möge doch all die alten Aufnahmen der Karajans, Böhms und Bernsteins aus dem Katalog nehmen und stattdessen heutigen Künstlern die Chance geben, ihre aktuelle Sicht aufs alte Repertoire darzustellen. Das klingt schrullig, aber: Von gestern ist diese Idee nicht.

Carsten Fastner in FALTER 47/2009 vom 20.11.2009 (S. 23)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Die Meistersinger von Nürnberg (Wiener Philharmoniker, Richard Wagner)

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