Skandalexperten, Expertenskandale
Zur Geschichte eines Gegenwartsproblems

von Hirschi, Caspar

€ 28,80
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Verlag: Matthes & Seitz Berlin
Erscheinungsdatum: 02.11.2018


Rezension aus FALTER 41/2018

Der Experte als Star und Sündenbock

Medienkultur: Caspar Hirschi seziert messerscharf die Rollen- und Loyalitätskonflikte von Experten

Das letzte Kapitel beginnt mit einem doppelten Erdbeben. Einem realen, das am frühen Morgen des 6. April 2009 das Abruzzenstädtchen L’Aquila erschütterte und über 300 Menschenleben forderte. Und einem medialen, in dem dreieinhalb Jahre später sechs Experten und ein Ex-Regierungsbeamter zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt wurden. Wissenschaftler und Medien echauffierten sich weltweit: Niemand könne Erdbeben vorhersagen. Ein Missverständnis, wie Caspar Hirschi klarstellt.

Die italienischen Seismologen wurden verurteilt, weil sie die Bewohner von L’Aquila nicht über die (an sich geringen, aber doch, wie sich zeigte, vorhandenen) Risiken aufgeklärt hatten. Sie hatten geschwiegen, als ein Regierungsbeamter eine Woche vor der Katastrophe vor einer Pressekonferenz erklärte, ein verheerendes Beben sei trotz der monatelang andauernden seismischen Aktivität ausgeschlossen.

Hirschi interessiert sich für den Loyalitätskonflikt, in dem Experten gefangen sind. Als Klienten sind sie ihren Patronen verpflichtet, also jenen Politikern, die sie berufen haben. Als Experten sind sie aber dem Gemeinwohl verpflichtet. Durch ihr Schweigen ließen sie sich zum Feigenblatt der Beschwichtigungsstrategie der italienischen Zivilschutzbehörde machen, die „Panikmache“ verhindern wollte.

Dieser Loyalitätskonflikt ist für Hirschi keine italienische Besonderheit. Was passiert, wenn ein Experte „dickköpfig“ ist, demonstriert er im ersten Kapitel am Fall des Neuropsychopharmakologen David Nutt. Seit Oktober 2008 saß er der Beratungskommission der britischen Regierung zu Drogenmissbrauch vor. Er klassifizierte Rauschmittel hinsichtlich ihrer Schädlichkeit für den Körper. Alkohol und Tabak reihte er ganz nach vorne, Cannabis, LSD und Ecstasy nach hinten. Dies trug ihm den Vorwurf der Verharmlosung von Drogen ein – und jenen des Vertrauensbruchs. Man könne nicht gleichzeitig für und gegen die Regierung arbeiten. Im Herbst 2009 musste Nutt zurücktreten.

Hirschi geht es in seinen Analysen nicht um Schuldzuweisungen, sondern um die Handlungslogiken der beteiligten Akteure. Und die liegen nun einmal prinzipiell quer zueinander. Journalisten wollen Schlagzeilen, Forscher sehen sich nur der wissenschaftlichen Erkenntnis verpflichtet – und Politiker legitimieren das eigene Tun gerne mit Gutachten, wollen aber bitte das letzte Wort für sich haben.

Diese latent stets vorhandenen Rollenkonflikte des Experten zeigen sich dann in aller Schärfe, wenn es knallt. Das Buch heißt daher auch folgerichtig: „Skandalexperten, Expertenskandale“. Der Untertitel lautet „Zur Geschichte eines Gegenwartsproblems“, denn der Anspruch des Schweizer Historikers Hirschi ist es, den Aufstieg des Experten ins Zentrum der politischen Macht nachzuzeichnen und zu hinterfragen. Die zentralen Kapitel des Buches liefern freilich keine Weltgeschichte des Experten, sondern vier Fallstudien aus der französischen Rechtsgeschichte.

Für Hirschi bedeutet das Gericht die entscheidende Bühne für die Herausbildung des modernen Experten seit dem Ende des 17. Jahrhunderts. Keine Sorge, das ist spannender zu lesen, als es klingt. Denn auch hier geht es wieder um Skandale, nicht zuletzt um die beiden wohl berühmtesten Prozesse des 18. und des 19. Jahrhunderts, den Fall Jean Calas und die Dreyfus-Affäre. In den Augen der Nachwelt erzählen diese Prozesse in erster Linie von den Heldentaten Voltaires und Émile Zolas, die unschuldig Angeklagte rehabilitierten und kraft ihrer spitzen Feder Fanatismus und Unvernunft in die Schranken wiesen, Voltaire mit seinen Breitseiten gegen die katholische Kirche, Zola gegen das antisemitische Lager der Dritten Republik („J’accuse!“).

In beiden Gerichtsverfahren – und daran erinnert Hirschi – spielten aber Gutachter eine zentrale Rolle, und zwar Mediziner: Hatte der Sohn von Jean Calas sich erhängt oder war er stranguliert worden? Und Handschriftenkundler: War Dreyfus der Verfasser einer verräterischen Notiz? Und damit ein Spion?

Voltaire und Zola gewannen die öffentliche Debatte, weil sie Meister der PR waren und Experten für ihre eigenen Kampagnen punktgenau einzusetzen wussten. Hirschi heroisiert Voltaire und Zola nicht. Aber er bedauert wohl, dass es diesen Typen des scharfzüngigen Intellektuellen in dieser Form heute nicht mehr gibt.

Der Kritiker ist verstummt, der Experte hingegen omnipräsent. Er sitzt in allen Gremien und hat das Ohr der Medien. Sein Aufstieg in die obersten Entscheidungsebenen hat ihn gleichzeitig aber entscheidend geschwächt. Die Abhängigkeit des Experten von der politischen Macht ist so stark geworden, dass er die Rolle des Kritikers nicht mehr einzunehmen vermag. Er genießt das Rampenlicht, wird aber doch nur instrumentalisiert.

Gleich ob sie sich loyal verhalten (wie die Seismologen) oder ihren Überzeugungen treu bleiben (wie David Nutt), auf dem Schleudersitz nehmen immer die Experten Platz. Politiker haben einen idealen Mechanismus gefunden, um Verantwortung abzuschieben. Hirschi spricht von der „umfassenden Disziplinierung der wissenschaftlichen Praxis durch die Politik“.

Wichtige Debatten finden hinter verschlossenen Türen statt, Kritik verpufft, Experten sind gefangen in einer „Kooperations- und Konsenskultur“, es fehlt an Öffentlichkeit und Transparenz. Dies spielt letztlich dem Populismus in die Hände, mahnt Hirschi.

Ausweg? Kritiker und Experte müssen wieder zueinanderfinden.

Oliver Hochadel in FALTER 41/2018 vom 12.10.2018 (S. 40)


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