Infernum

von Fauna

Derzeit nicht lieferbar

Label: Ventil
Genre: Pop
Erscheinungsdatum: 24.05.2018

Rezension aus FALTER 20/2018

Supergirl aus der Hölle

Die Wiener Elektronik­musikerin Fauna zelebriert auf ihrem Album „Infernum“ Pop als kathartische Erfahrung

Als dionysische Gestalt posiert die Wiener Musikerin Fauna auf dem Cover ihres neuen Albums „Infernum“. Der Titel bezeichnet die Hölle, so viel könnte aus dem Lateinunterricht noch bekannt sein. Steht also ein akustischer Höllenritt bevor, ein ohrenbetäubendes Noise-Spektakel?
Die Hölle, in die Fauna entführt, entpuppt sich als ein Ort, der andere Reize hat. Ihre Unterwelt steckt voller Überraschungen – so wie sie selbst. Zuallererst einmal ist Wohlklang die Basis ihrer musikalischen Welt, nicht Lärm. Wo ein Track bei den meisten Elektronikmusikern mit dem Formen von Sounds und Beats beginnt, da ist es bei Fauna eine Melodie, die sich in ihrem Kopf festsetzt, mit der sie zu arbeiten anfängt. „Das macht mich glücklicher“, sagt sie. Die Hölle und das Glück, bei ihr finden diese Gegensätze zusammen.

Fauna heißt eigentlich Rana Farahani und wurde 1982 in Teheran geboren. Sie war drei Jahre alt, als sie mit ihrer Familie nach Wien kam. Das Umfeld sei zwar patriarchalisch gewesen, erzählt sie, „aber nicht übertrieben streng“. Als schwieriger erwies sich für sie der Spagat, zwischen zwei Kulturen aufzuwachsen: „Das kann einen schädigen. Aber spätestens mit 13, 14 war ich robust und bin seitdem auch feministisch unterwegs. Die Kämpfe zu Hause und in der Schule habe ich früh ausgefochten.“
Musikalisch hat Farahani einen langen Weg zurückgelegt. Zuerst standen die Zeichen auf Klassik. Sie besuchte einschlägige Gymnasien, hatte Privatunterricht in Gesang, Klavier und Violine. Als Teenager der 90er-Jahre feierte sie damals aber auch die zeitgenössischen Sounds, hörte viel kommerziellen Techno und Trance sowie Hip-Hop. Nach der Matura versuchte sie sich eine Zeit lang als Flugbegleiterin. „Ich hatte ganz klassisch den Wunsch, herumzujetten und die Welt zu sehen“, erinnert sich Farahani an diese Zeit.
Die Musik trat wieder in ihr Leben, als sie im Flex die heimische DJ-Ikone Electric Indigo auflegen hörte. Das war zwar auch Techno, aber eine erdigere, dem Underground verpflichtete Spielart. Sie war gleich angefixt, begann als Fauna selbst aufzulegen, schaffte sich Equipment an und erarbeitete sich schnell einen Namen in der Wiener Club- und Elektronikszene. Richtig zufrieden mit ihren eigenen Produktionen ist sie hingegen erst jetzt, nach mehr als zehn Jahren.
Ihr Debütalbum „D(r)one“ aus dem Jahr 2012 hört sie sich heute nicht mehr gern an. Zu viel Wollen und Perfektionismus findet sie darin: „Beim ersten Album war mir wichtig, alles richtig zu machen. Man sollte mir nur ja nicht nachsagen können, dass ich keine Ahnung vom Produzieren habe. Für damals hat es eh gepasst, aber jetzt ging es um den nächsten Schritt.“
Worin dieser Schritt besteht und was sich in den zehn neuen Tracks abspielt, ist schwer in einem Satz zu sagen. Versuchen wir es so: Das Album bietet einen extrem abgefahrenen Stil-Mischmasch, der eigentlich nicht funktionieren kann, es erstaunlicherweise aber doch tut. Gegensätze ziehen sich bei Fauna eben an.
Die Grundstimmung wie auch die Texte von „Inferno“ sind überwiegend düster und wirken wie aus einem Endzeitfilm entnommen („Faith is gone, I lose control / Shoot ’em down, these assholes“). ­Viele Sounds und Melodien zielen jedoch ins komplette Gegenteil. Sie wirken harmonieverliebt, ja fast schon happy. Das gilt auch für die ­trancigen Synthesizer-Flächen, die ihrer Liebe zum deutschen Krautelektronik-Romantiker Klaus Schulze verpflichtet sind. ­Allerdings lässt die Musikerin diese gern auf kernige Hip-Hop- und Electrobeats treffen.

Das Böse und Düstere fasziniere sie zwar, wie Farahani zugibt, aber nur bis zu einem gewissen Grad. „Ich finde es interessant, den Wahnsinn zu umarmen. Man muss dabei jedoch stabil bleiben. Ich sehe auch nicht alles negativ, im Grunde bin ich ein optimistischer, motivierter Mensch. Sehr politisch, aber auch sehr harmonisch.“ All das ist ihrer Musik auch anzuhören. „Infernum“ fügt sich so zum musikalischen Selbstpor­trät einer Künstlerin und Frau mit all ihren Eigenschaften und teils widersprüchlichen Facetten.
Ein Kernstück der Platte teilt sich den Titel mit Randy Newmans „Lonely at the Top“. In Faunas Song geht es darum, dass erfolgreiche Frauen auf die Männerwelt immer noch einschüchternd wirken und auf lange Sicht oft alleine bleiben. Gleichzeitig funktioniert das Stück als positive feministische Hymne. Bei der Aufnahme hatte die Musikerin eine Zielgruppe klar vor Augen: „Ich habe mir vorgestellt, wie junge Frauen im Club dazu tanzen. Damit sie sofort mitkriegen, dass es um sie geht, habe ich den Satz ,I am a supergirl‘ an den Anfang gestellt.“
Rana Farahani ist auch Mitglied in der feministischen Burschenschaft Hysteria um Stefanie Sargnagel. Der Beitritt habe ihre Überzeugungen noch einmal verfestigt, sagt sie. Wobei sie anderseits an sich selbst beobachtet, mit den Jahren durchaus milder zu werden: „Man wird doch ein bissl ruhiger. Früher war ich radikaler.“

Für ihren Musikgeschmack gilt das ebenso. Die strenge, mitunter etwas dogmatische Elektroniknische lässt sie mit „Infernum“ lässig hinter sich. Ohne rot zu werden erzählt die Künstlerin, dass sie auf den Softrock von Alan Parsons Project steht und davon träumt, irgendwann eine Reggaeplatte aufzunehmen. Pop macht Fauna jetzt schon. Er klingt eigenwillig, oft schräg, aber auch eingängig und tanzbar.
„Ich wollte etwas erschaffen, das nicht nur Elektroniker interessieren könnte“, erklärt sie. „Auch wenn ich die Szene zu schätzen weiß, will ich doch mal wegkommen von diesem ganzen Untergrund.“ Und dann lächelt das Supergirl aus der Hölle ausnahmsweise kurz: „Ich kann nicht ewig da unten bleiben.“

Sebastian Fasthuber in FALTER 20/2018 vom 18.05.2018 (S. 37)


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