Ohne Kalaschnikow schlaf ich schlecht

Reiseroman
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Erscheinungsdatum 13.03.2026
Umfang 304 Seiten
Genre Reisen/Reiseberichte, Reiseerzählungen
Verlag Zsolnay, Paul
EAN 9783552075252
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Falter Verlagsges.m.b.H
Marc-Aurel-Straße 9 | AT-1011 Wien
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Der »Falter«-Reporter Lukas Matzinger über seine Reise mit einem 40 Jahre alten VW-Bus von Wien nach China und zurück

Blutige Trikots von kirgisischen Polospielern, Ziegelsteine von Osama bin Ladens Haus in Abbottabad, ein Bouquet von Bakterien aus Tadschikistan und Erfahrungen, die Tage im Polizeigewahrsam in Belutschistan mit sich bringen: Ein Jahr und 35.000 Kilometer waren Lukas Matzinger und Olivia Wimmer in einem vierzig Jahre alten VW-Bus unterwegs, von Wien nach China und zurück, stets mitten durch Risikogebiete.
Doch hinter dem Ende der Welt, in den bedrohlichsten und unwirtlichsten Gegenden, warteten die wundersamsten Begegnungen: Fremde gaben die besten Bissen und die breitesten Betten – und beschenkten sie mit ihren Geschichten.
Ein Reiseroman, in dem alles stimmt, ein Abenteuer, das sich nicht vorhersehen ließ, eine große Reportage von der weiten Welt.

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FALTER-Rezension

Hinter dem Ende der Welt

Lukas Matzinger in Falter 11/2026 vom 2026-03-11 (S. 20)

Mo' ynoq hinterlässt uns ratlos. Reisen ist Erinnerungsmanagement, ständig müssen wir neue Fächer im Kopf finden, in denen Orte und Momente Sinn ergeben. Diese Stadt ist sperrig zu verstauen, außerdem liegen die vergangenen zehn Monate noch quer. Ich fürchte, wir sind für diese Arbeit nicht mehr bereit. Ich fürchte, wir wollen langsam nach Hause, und das allein stellt uns vor kalte, zehrende Pflichten des Reisens: Aufenthaltserlaubnisse, Behördendienste, Antragsfristen, Grenzübergänge.
Nun will es der Amtslauf, dass wir in einem Hotel in Kasachstan unsere Visa für Russland aufsammeln. Bei den russischen Konsulaten auf unseren Wegen bekamen wir vor allem Vorträge, was Russen in Europa alles ertragen müssen. Sie ließen nichts unversucht, uns kein Visum ausstellen zu müssen. Irgendwann gaben wir uns geschlagen und schickten unsere Zweitreisepässe per Express an eine Russin in Wien, was viel zu teuer ist, wenn man nicht gerade frisch verliebt ist.

Doch diese Frau versteht sich aufs Konsularische, sie hat bei der russischen Botschaft in Österreich Touristenvisa beantragt, bekommen und in unsere Pässe kleben lassen. Die Pässe hat sie dann per Express in ein Hotel vor der russischen Grenze geschickt, und davon trennen uns neunhundert Kilometer Wüstenritt.

Als wir beim alten Leuchtturm von Mo'ynoq abfahren, schleift die hintere rechte Bremse unseres Busses wieder. Ein ärgerliches Leiden, dem seit Islamabad kein Techniker ganz habhaft wurde. Wir halten bei der sandigen Werkstatt an der Mo'ynoqer Hauptstraße, damit ein Fachmann die müde Bremse außer Betrieb setzt. Der Mann findet zwar nicht, dass drei von vier Bremsen ausreichen, aber lässt sich überreden und erfüllt den Auftrag.

Als er den Wagen wieder vom Heber lässt, hält er ungeübt Smalltalk, wenn auch tapfer. Wo wir herkommen, wie es uns gefällt, wo wir hinwollen, er hört sich alles an und gibt dann einen einfach gebauten Satz zum Besten. Er legt keine Emphase hinein, wir erwarten vom Übersetzungsgerät einen harmlosen, nützlichen Ratschlag; achtet auf den Viehtrieb, deckt euch mit Diesel ein, so etwas. Doch die Maschinenstimme spricht: "Die Grenze ist geschlossen."

Höchste Zeit, dass sie diesen Wüstenposten auf Vordermann bringen, findet der Mechaniker. Sie bauen eine neue Grenzanlage, seit drei Tagen kommt keiner mehr rüber. Bis die Station fertig ist, werden wohl drei Monate vergehen, und so lange führt der nächste Weg nach Kasachstan über die Hauptstadt Taschkent.

Ich verliere vorübergehend die Gabe der Mitteilung. Die Worte des Blaumanns bedeuten einen grenzenlosen Umweg, das Hotel, das auf uns wartet, liegt nun nicht mehr neunhundert Kilometer entfernt. Wir müssen zurück nach Taschkent und dann durch halb Kasachstan fahren, nach ersten Hochrechnungen sind das 3600 Kilometer. Ein unbewegliches Ziel rückt in unendliche Ferne, so was kann einem ganz schön die Laune verhageln.

In der folgenden Stunde passieren wir noch nichts; außer die fünf Phasen des Sterbens. Erstens: Leugnen. Der Mann irrt, bestimmt verwechselt er etwas. Vielleicht darf der Schwerverkehr nicht durch die Baustelle, aber wir mit Leichtigkeit. Alle, die wir fragen, winken ab. Zweitens: Wut. Welche Hinterwäldler versiegeln den einzigen Grenzübergang, den sie im Westen haben? Was stimmt nicht mit diesem Land? Drittens: Verhandeln. Irgendeine Ausflucht wird es geben. Vielleicht kann uns der österreichische Botschafter durchschleusen, oder ein findiger Frächter vorbeimogeln. Wir telefonieren viel und vergeblich.

Viertens: Depression. Womit haben wir das verdient? Hätten wir Mo'ynoq nur drei Tage früher verlassen, alles ginge seinen Gang. Wir trösten einander wie junge Witwen. Fünftens: Akzeptanz. Wir wurden vielleicht ein wenig außer Kurs gesetzt, aber wenn wir jetzt schon allen Ärger vergeuden, haben wir später keinen mehr. Wir füllen den Bus mit Diesel und Proviant und wollen früh am nächsten Morgen auslaufen. Wieder nach Taschkent, fort von daheim.

Als ich hinten im Bus aufwache, ist es stockdunkel, und neben mir atmet nichts. Ich fasse mich, sehe Olivia vorne am Fahrersitz und spüre unter uns die Schlaglochallee.

Wir fahren. Olivia muss diese Bruchbahn so langsam nehmen, dass ich aussteigen und vorausgehen könnte.

Der Plan war, alle vier Stunden das Steuer zu wechseln, jeden Tag, bis die Sonne untergeht. Doch wer lange genug fährt, vergisst, dass er überhaupt fährt. In diese Seitenstraße der Seidenstraße muss man sich vertiefen, schaut man kurz nicht hin, fällt ein Reifen in die Krater. So fährt sich Olivia in einen Rausch, der Bus spielt das Lied der Räder und sie die Pedale wie ein Klavier. Sie fährt, bis ihre Augen vom Konzentrieren trocken sind, und dann ein wenig weiter. Donnerstag: 770 Kilometer.

Tagsüber ernähren wir uns von Keksen und Crackern, abends sitzen wir mit Fernfahrern in Fernfahrerraststätten und essen starke Fernfahrersuppen. Die Nomaden der Landstraße haben uns schon in ihren Orden aufgenommen, wir stechen kaum noch hervor mit unseren schweren Jacken, Pelz nach innen. Wahrscheinlich sind die in ihren Leben mehr rückwärts gefahren als wir vorwärts, aber ich spüre das tiefe Band zwischen unserem Bus und ihren Lastern, wenn sie uns beim Vorüberrollen mit dem Wind schubsen oder ihre Druckluftbremsen wie Drachen schnauben.

Leider vernachlässigen auch wir über dem Fahren die Körperpflege. Unser Haar wird flachsiger, die Haut fettiger, und wir riechen wie Holzknechte nach einem Tag in nasser Erde und Kettensägenrauch. Wir tragen, was über den Bauch passt, ich mache gleichmäßig gereifte Socken zum Paar.

Aber jede Nacht parken wir zwischen zweien, denen es ähnlich geht. Und nicken ein mit dem Gefühl erfüllter Pflicht und dem friedlichen Lauf der Zwanzigtonner. Freitag: 560 Kilometer.

Kasachstan ist eine Straße; ein Land, zum Queren gemacht. Das Wort Steppe kommt aus dieser Gegend, und die Straße läuft so schnurgerade durch, dass die nächste ernste Kurve hinter dem Horizont liegt. Wir treiben durch ein bräunliches, gelbliches, weißliches Sepia, es ist fast zu viel des Wenigen. Der Kopf wird zum leeren Hubraum, nichts gibt hier einen Maßstab, keine Sperrlinie, keine Straßenlaterne. Manchmal ist mir, als stünden wir, und jemand zieht eine wiederkehrende Naturtapete an uns vorbei. Bis dann endlich ein Pferd auftaucht, das im Stehen döst, oder ein Fischrestaurant, das in der Wüste misstrauisch macht.

Seit Taschkent fahren wir wieder nach Westen, wir müssen die innere Uhr also neu stellen: Mittag ist, wenn wir unseren Schatten überholen, Tage enden, wenn die Venus vor uns aufgeht. Wir steuern der Abendsonne entgegen, das ist viel schöner, als sie traurig im Rückspiegel zu sehen. Das Flachland zieht die Dämmerung himmlisch lang, über Stunden liegt alles in Rostfarben, bevor die Sonne hinter der nächsten ernsten Kurve runterfällt. Zum Abschied schickt sie noch Windböen, die man mangels Flora nicht sieht, aber im Lenkrad spürt.

Im Spüren sind wir mittlerweile gut. Von den Beziehungen, die man auf Reisen eingeht, ist die zum eigenen Wagen besonders innig. Vor einem Jahr war mein Verständnis von Kraftfahrzeugen mager, die Wirkweise von Dieselaggregaten rätselhaft. Unseren Bus kenne ich nun wie eine geschätzte CD, bei der am Ende des Liedes schon das nächste im Kopf losgeht. Ich höre, wenn sich der Ansaugkrümmer wölbt, rieche, wenn die Lichtmaschine warmläuft, ich sehe am Abgas, wenn ihm der örtliche Treibstoff nicht schmeckt.

Dieser Bus ist ja nicht nur unser Verkehrsmittel, sondern auch Wohnanschrift, Tresor und Schutzhaus. Hier trägt alles unsere Spuren, hier sitzen alle Handgriffe; Schraubenzieher, Taschenlampe, Heftpflaster, Wärmeflasche, alles hat seinen Platz. Seitdem wir die Jahreszeiten einmal durch haben, hat der Bus alles Sächliche verloren.

Er wurde zu einer dritten Person, mitunter die sympathischste von uns. Kinder haften magnetisch am rot-weißen Blech, Alte reagieren wie auf einen Kameraden. Lachend stehen sie vor den Kipp-und Schiebefenstern und wollen das Beste für die dahinter. Olivia, der Bus und ich sind eine Sinneinheit, nur zusammen können wir in der Halbwüste bestehen.

Herrgott, ich liebe Straßenreisen. Wenn uns nicht Baustellen kleine Umwege aufzwingen, ist es ein Epos der Selbstbestimmung. Unser Bus ermöglicht uns die Welt, wir fahren, sobald die Zähne geputzt sind. Wir zweigen ab, wo der Mohn blüht, und stellen ab, weil unsere Lider nachgeben. Wie schwerfällig wäre unsere Reise, wenn wir an fremden Takten hingen, an Fahrplänen und Haltestellen. Der Blick vom Fahrersitz schärft noch den auf die Welt. Wir erfahren hier jeden Meter Natur, jede zögerliche Wandlung, mit denen Küsten zu Wüsten zu Bergen zu Wiesen werden. Weil auf ihnen auch Autobahnen zu Landstraßen zu Dorfstraßen zu Wohnstraßen werden und in irgendjemandes Einfahrt enden. Samstag: 770 Kilometer.

Vom kasachischen Teer kann ich nur schwärmen. Die E38 ist ein planer Traum von Straße, das ersehnte Hotel rückt in erträgliche Nähe. Wobei die Kasachen hitzköpfig fahren. Nirgendwo sonst machen sie die Lichthupe derart zum Druckmittel, nirgendwo sonst lassen sie beim Überholen so wenig Luft. Der Verkehr ersetzt kein Soziologiestudium, doch lehrt einen manches über die Völker. Was auf den Straßen geschieht, gehört zur Landeskultur.

Ein einziges Mal, in der tadschikischen Hauptstadt Duschanbe, ist es passiert, dass unser Bus zeitweilig verschwand. Es war Olivias Geburtstag, und eines der Geschenke waren entspannte Stunden in der hektargroßen Nationalbibliothek. Als uns die Wachmänner abends aus einem ihrer 25 Lesesäle bitten, steht unser Bus nicht mehr, wo wir ihn geparkt haben. Dafür finden uns Polizisten; sie sagen, dass sie den Wagen leider abschleppen mussten, weil der iranische Präsident gerade Duschanbe besucht. Wir fragen, wo da ein Zusammenhang besteht. Nun, sie mussten davon ausgehen, dass unser Bus dem Präsidenten nicht gefällt, dass er das makellose Stadtbild trübt.

Nachdem uns eine gnädige Duschanberin in das Randviertel fährt, in dem wir unser Heim auslösen sollen, beginnt mich der Gedankengang der Polizisten richtig zu stören. Der Bus ist etwas schmutzig, aber sie konnten nicht wissen, ob er dem Präsidenten gefallen hätte. Immerhin sind wir mit genau diesem Bus durch genau seinen Iran gefahren, und dort wäre uns so etwas nie passiert. Im Iran haben sie ein Herz für Autos, die Fußgängerei ist nichts für sie, weite Strecken ihrer Leben spielen auf Asphalt. Vor fünfzig Jahren bekamen Irans Frauen nämlich sieben Kinder im Schnitt und ließen das Volk schneller wachsen, als jemand Stadtplanung sagen konnte. Also siedelten die neuen Millionen einfach an die Hauptstraßen und dehnten ihre Städte zu ewig langen Korridoren. Du sollst dir kein Ortsbild machen, Iraner picknicken an der Straße und zelten an der Straße, darüber beschwert sich der Herr Präsident nicht.

Ich vermute sogar, dass er still mit seinem Volk übereinkommt: Auf den Straßen dürfen sie ihre spärlichen Rechte ausleben. Den libertären Fahrstil der Iraner diskutiere ich gar nicht, eindrucksvoll war, dass sie für kurze Besorgungen in zweiter, dritter und wenn nötig vierter Spur parken. Die lassen Stoßzeit einfach Stoßzeit sein, während hinter ihnen Hundertschaften stehen und hupen. Wobei so ein Rückstau auch etwas für die Gemeinschaft tun kann.

Pakistani zum Beispiel schöpfen aus allem, was Ausflügler zum Bremsen bringt. Bei den meisten Ampeln, Engstellen, Schlaglöchern schieben sich Bettler zwischen die Autos, um Taschentücher zu verkaufen oder ihre Privatmaut einzuheben. Olivia gab ihnen Scheine um Scheine, das brachte noch mehr Arme an ihr Fenster und Olivia zum Kosenamen "Hilde World", nach Michael Jackson. Die Ampeln, Engstellen, Schlaglöcher sind in Pakistan eben zahlreich. Das ergibt sich aus der alten Faustformel: je korrupter ein Staat, desto schlechter seine Straßen.

Hat zum Beispiel der Vater der Schwiegertochter des Präsidenten eine Karriere im Tiefbau eingeschlagen, könnte das sein Unternehmen bei Qualitätsstandards spürbar entlasten. Brücken in diesem Land würden mit Rampen an die Straße anschließen und Kanaldeckel beharrlich zur Erdmitte wandern. Ich will nicht sagen, dass diese Sätze Kirgisistan beschreiben, aber deren Straßen halten kaum der Vegetation stand. Wurzelwerk und Erdhügel zeigen sich maßstabsgetreu im Asphalt, an heiklen Stellen schmiegt sich die ganze Straße ans Gelände, und der Bus springt wie ein Pferd. Korruption geht auf die Stoßdämpfer, mit etwas Glück hat der Cousin des Verkehrsministers eine Ersatzteilfabrik.

Wer mit dem Auto kommt, hängt bereits in dieser Seilschaft drin, jedenfalls erwarten sie auch von uns stetes Bestechen. Zentralasiatische Beamte haben ein Geschick entwickelt, Ausländer für Vergehen zu bestrafen, die sie in der Sekunde erst erfinden. In Kirgisistan gibt es einen 3100 Meter hohen Pass, den wahrscheinlich die Enkelin des Präsidenten taufen durfte, sein Name ist Töö. Als wir es endlich durch Sturm und Eis auf die Spitze von Töö geschafft haben, nötigt uns ein Hochgebirgspolizist aus dem Bus. Die Zusatzscheinwerfer auf unserer Stoßstange sind ihm ins Auge gefallen. Sie sind ihm zu eckig, das Gesetz sieht rundere Modelle vor. Wir diskutieren zwanzig Minuten lang, bei minus zwanzig Grad. Erst als ein Lastwagen mit denselben eckigen Strahlern vorbeifährt, ändert der frostige Polizist die Strafnorm. Jetzt gefällt ihm die Zahl der Lämpchen in unseren Scheinwerfern nicht, wahrscheinlich auch nicht rund genug. Wir würdigen seine Fantasie, doch bleiben standhaft, bis es ihm zu kalt oder lästig wird und er uns weiterschickt.

Vorhin in Kasachstan bekam ein Motorradpolizist auf der Autobahn Appetit und nahm die Verfolgung auf. Viermal haben uns die Kollegen zu schnell geblitzt, sagt er, doch für zweihundert Dollar lässt er uns laufen. Sein Blendwerk ist so schwach, dass ein Kind es durchschauen könnte: Unser Bus läuft bei günstigem Wind 95 Stundenkilometer, auf kasachischen Autobahnen sind 140 erlaubt. Wir halten Widerstand für zweckmäßig, in der richtigen Stimmung lehnen wir ja sogar verdiente Strafzettel ab. Olivia verdreht die Augen und bittet mich einzusteigen. Was sollen sie schon machen?, ist ihr Leitgedanke, und ich fahre los. Es erstaunt mich immer wieder, wie wenig Autorität ihr Uniformen vermitteln. Sonntag: 820 Kilometer.

Im Wagen lernt man Menschen eben kennen. Wie ungeduldig oder ausdauernd jemand ist, wie weitsichtig oder risikobereit, wie aggressiv oder harmoniebedürftig. Und wie entspannt ist man wirklich, wenn man unter den Blicken gelangweilter Männer einparken soll? Im Fahrer lässt sich auch dann viel lesen, wenn man es selbst ist. Ich schüttle den Kopf über alle, die der Spur untreu werden, die drängen und hupen -und schaue mir Kilometer später zu, wie ich all das tue. Es stört mich an anderen, was ich an mir als Mangel erkenne.

Olivia hält mich für den besten Fahrer der Welt, weil ich knifflige Verkehrssituationen gelassener als sie nehme. Sie schwitzt dann stark und will seit dem Iran nicht mehr in Städten fahren. Natürlich ist die große Reise im kleinen Bus eine Übung in Gleichmut und Ertragen. Zu zweit, auf zweieinhalb Quadratmetern, für elf Monate. Unsere zwischenmenschliche Risikobereitschaft war groß. Wenn die Strapazen zermürben, werden die Menschen scharfkantig.

An den schlechtesten Tagen kann jede Frage ein Hinterhalt, jeder Charakterzug ein Defizit sein, alles ein Anlass, seinen Verdruss am Gegenüber zu erleichtern. Die andere Partei schaut seltsam. Atmet zu laut. Riecht zu seifig. Raucht zu feucht. Zahlt mit Scheinen, wenn es doch viele Münzen gibt. Liegt zu schief. Geht zu langsam. Muss zu oft. Kauft senffarbene Zahnpasta, die nicht schmeckt. Wenn man nicht aufpasst, wird man einander zu Raben, zu speckigen, würgenden Raben.

Sobald ich ihn scharren höre, versuche ich ihn zu stillen: Jetzt nicht, ich bin in einem Wir, du bist mein Problem, sie kann nichts für dich. In günstigen Fällen stellt ihn das ruhig, hindert ihn loszufliegen und sie mit pechschwarzem Ruß zu beschmieren. Zu ungünstigen Fällen kann ich sagen, dass im Streit die Zeit vergeht und das auf langen Strecken kein Nachteil ist. Für uns Fernfahrer sind Tage Verschleißteile und Kilometer Streichware. Nie verziehen die Stunden wie im herzhaften Streit. Montag: 700 Kilometer.

Wir haben es getan. 3600 Kilometer Prärie in fünf Tagen. Wir haben es ins kasachische Atyrau geschafft und, noch mehr, unser Hotel liegt am Uralfluss. Von diesem Parkplatz aus können wir nach zehn Monaten wieder Europa sehen. Olivia und ich fallen einander in die Arme, es ist uns fast egal, dass wir vor unseren Reisepässen hier sind. Bevor wir ins warme, breite, ebene Bett sinken, stehen wir ein paar Minuten vor unserem Bus, stolz wie Eltern bei der Sponsion. Ohne den mindesten Nieser oder Huster hat er uns hierhergebracht, drei Bremsen reichen für seine Zwecke. Solange wir auf unsere Visa warten, soll er eine Wäsche bekommen und vielleicht ein kleines Service.

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