Es lebe der Widerspruch!
Fotos aus 40 Jahren Falter, 1977-2017

von Armin Thurnher (Hg.)

€ 34,90
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EAN: 9783854396055
Verlag: Falter Verlag
Format: Gebundene Ausgabe
Genre: Medien, Kommunikation/Journalistik
Umfang: 208 Seiten
Erscheinungsdatum: 29.05.2017

300 Fotos aus 40 Jahren FALTER, Texte zur Ästhetik der Aufnahmen, zur Entwicklung von Erscheinungsbild und Geschichte dieser Zeitschrift, ausgewählte Artikel im Reprint sowie Gespräche mit Fotografinnen und Fotografen. Das Buch spiegelt 40 Jahre alternative Stadtgeschichte aus der Perspektive von über dreißig Fotografinnen und Fotografen. Im Fokus sind Themen wie Architektur, öffentlicher Raum, Wohnen, Ökologie, Protestbewegungen und Demonstrationen, Antirassismus, Medienkritik, die Aufdeckung von Skandalen und immer öfter auch Lifestyle.

 

Rezension aus FALTER 22/2017

Die Bilder unserer Stadt: das Falter-Archiv

Betrachtungen anlässlich der aktuellen Fotoausstellung „Es lebe der Widerspruch“ im Wien Museum

Zu Archiven hatte und habe ich eine erotische Beziehung. Zettelkästen und Kataloge faszinieren mich, Schriftsteller wie der Zettelfetischist Arno Schmidt gehörten zu den Göttern meiner Jugend. In der Nationalbibliothek liebte ich die physischen Kataloge mindestens genauso wie die aus ihnen bestellten Bücher. Solche Kataloge waren Orte des unwillkürlichen Findens genauso wie Orte des zielgerichteten Suchens.
Als der Falter gegründet wurde, wobei die meisten von uns keine Ahnung hatten, worauf es dabei wirklich ankam, hatte ich das Gefühl, ich sollte mich um ein Archiv kümmern, und legte Mappen mit mir relevant erscheinenden Zeitungsausschnitten an. Digitale Mittel der Archivierung gab es mangels Digitalisierung nicht, und ich erhielt meine Versuche mit Schere, Uhu-Stick, Mappen und Karteikarten noch jahrelang aufrecht, bis sie sich als zwar nicht unfruchtbar, aber unfortsetzbar erwiesen und der Krempel bei einem Umzug im Mist landete.
Die Unfruchtbarkeit lag darin, dass sich das Gesammelte wohl für Texte verwenden ließ; all die Zitate zu exzerpieren wäre physisch nicht möglich gewesen. Wobei ich lieber exzerpiert hätte, große Autoren vor Augen, die mit ihren Exzerpten anderer eigene Werke schufen. Exzerpieren ist nebenbei bemerkt eine effiziente Art des Lernens. Als nicht fortsetzbar erwies sich das Ganze, weil es anderes zu tun gab und die Aufgabe nicht kleiner, sondern durch das Anwachsen des gedruckten Materials nur immer größer wurde.
Ich wusste es nicht, aber als ich viel später hörte, wie es bei richtigen Zeitungen zuging, erhielt ich eine Bestätigung dessen, was mir vorgeschwebt war. Bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, so erzählte man mir, nannten Autorinnen und Autoren dem Archiv ihr Thema, und nach Ablauf von einigen Stunden erschien ein Herr im grauen Mäntelchen, vor sich ein Wägelchen schiebend, auf dem sich Mappen mit einschlägigen Ausschnitten befanden.

Das imponierte mir ungeheuer. Beim ­zweiten Nachdenken gefiel es mir deswegen nicht mehr so gut, weil sich die Qualität eines Autors bei der Auswahl des ­Materials und seiner Originalität und seinem ­Geschick dabei erweist; das Auffinden des Materials bildet in der Rhetorik den ersten Schritt und heißt nicht zu Unrecht inventio, also Findung, Auffindung, aber auch eben Erfindung.
Interessanterweise war von allen am Falter Beteiligten nur mir die Notwendigkeit eines Textarchivs von Anfang an klar; sie war das spleenige Hobby eines Einzelnen. Die Idee eines Fotoarchivs hingegen brauchte keine Begründung, sie ergab sich wie von selbst aus der täglichen Arbeit. In den ersten Jahren ab 1977 fotografierte hauptsächlich Lui Frimmel für den Falter; andere Fotografien wurden entweder als Material betrachtet, das wir einfach abdruckten und in Zitaten oder Montagen verwendeten. Oder sie wurden spontan von Fotografinnen und Fotografen vorbeigebracht, wenn sich ein Anlass ergab.
Der Brand des Warenhauses Gerngross war so ein Fall; die Fotografin Evelyn Tambour erschien in der Redaktion mit spektakulären Aufnahmen des ausgebrannten Gebäudes; wir komponierten sie zu einer ganzen Seite und gaben ihr den Titel „Das Fegefeuer der Warenseele“. Solche Angebote von Fotografinnen und Fotografen erfolgten nicht nur zufällig. Die Redaktion des Falter war niederschwellig, man brauchte hier nicht Instanzen wie einen Portier oder gar eine Fotoredaktion zu passieren.
Man ging einfach die Stiegen in der Eßlinggasse 17, der Zelinkagasse 21 oder in der Marc-Aurel-Straße 9 hinauf und läutete an; irgendwer von der Redaktion war immer da. Ich denke, diese Offenheit ist mit ein Grund, warum das Falter-Archiv so spannende Blicke auf Wien ermöglicht. Dieser Offenheit entsprach der anarchische Zustand des Fotoarchivs; wann wir genau anfingen, Fotos zu sammeln, weiß ich nicht mehr. In analogen Zeiten war klar, dass das nötig war. Die Fotos kamen fast immer in Form von Papierabzügen; sehr selten in Form von Negativen oder Diapositiven.
In den ersten Jahren wurden die Fotos in der Druckerei für den Druck reproduziert; danach kamen sie in Bausch und Bogen in die Redaktion zurück. Wenn es spezieller Bearbeitung bedurfte, brachten wir die Fotos in ein Reprostudio, das dann etwa Filme für Duplexdrucke anfertigte oder gar vier Filme für farbige Covers. Jedenfalls wurde all das irgendwann gesammelt und in Schachteln aufbewahrt. Ein wesentlicher Impuls, die Dinge zu sammeln, kam aus dem Programmressort, das von Veranstaltern mit einem kontinuierlichen Strom von Fotos versorgt wurde und diese Fotos auch zyklisch wieder brauchte (oder zumindest dachte, dass es so wäre).
Theater und Film hatten imposante Fotoarchivregale; warum sollte nicht die ­Politik ebensolche Kästen haben? Bald schon ­teilten sie sich in solche für ­Personen und solche für Themen. Irgendwann waren dann echte Archivschränke da, ein paar aus Holz, ein paar aus Gusseisen, eine ­Schenkung. Bald waren ihre tiefen Schubladen mit ­Hängemappen voller Fotopapier gefüllt und damit so schwer, dass sie mit ihrem Platz verwuchsen.
Das wäre beinahe ihr Verhängnis geworden, denn im digitalen Zeitalter mutierten sie zu Staubfängern und Platzfressern. Der Blick nachfolgender Generationen rettete sie vor dem Verschwinden. Als das Archiv bereits aufgelöst war, die Abzüge den Fotografen zurückgegeben wurden, führte der Protest des Kollegen Klenk zur Idee einer Ausstellung und zur Überführung des Archivs in die pflegenden und sorgenden Hände des Wien Museums.
Ehe wir die nachfolgenden Generationen zu sehr loben, muss erwähnt werden, dass das Fotoarchiv des Falter einem ebenso rätselhaften Schwund unterlag wie seine Sammlung der Jahresbände oder sein Bestand an Wassergläsern und Besteck in der Kantine. Oft suchte man ein Foto, von dem man wusste, es musste da sein, fand es aber nicht mehr. Das ist das Schicksal nicht so gut gehüteter Archive: allzu viel gerät, wie der beamtete Archivar sagt, in Verstoß.

Wien ist anders, behauptet der Slogan der Stadtregierung, und das Falter-Archiv beweist es. Der Titel der Ausstellung ist einem der ersten Falter-Editorials entnommen, die im Begleitband zur Ausstellung abgedruckt sind. Dieses lautet im Ganzen: „Der Schwierigkeit, diesem Produkt – wie in anderen Produkten üblich – ein Etikett – sprich Editorial umzuhängen bzw. voranzustellen, das in kurzer, verständlicher & doch unmissverständlicher Form (Marke: ,Die klassenlose Gesellschaft in drei Sätzen‘) meine bzw. unsere Arbeit unter den bestehenden Produktionsbedingungen in Richtung auf deren Aufhebung – durch den Versuch der Produktion eines Gegenprodukts – begründet bzw. erklärt, bin ich, sind wir hiermit erlegen. Humor ist, wenn man trotzdem eine Zeitung macht. Es lebe der Widerspruch! Näheres im Falter…“
Diese Editorials waren ungezeichnet. Das zitierte stammt ziemlich sicher von Mischa Jäger oder Gipsy Loibl, oder sie schrieben es gemeinsam. Egal, wir waren der Ansicht, die Vielfalt unserer Hoffnungen und Absichten sei bei aller Divergenz einheitlich genug, um nicht extra gekennzeichnet werden zu sollen. Außerdem entsprach das der Idee des Kollektivs, der wir anhingen. Der Widerspruch aber, darauf kommt es hier an, wurde nicht nur in Bezug auf die uns umgebende Gesellschaft angemeldet, sondern auch in Bezug auf die inneren Schwierigkeiten unseres Tuns. Humor ist, wenn wir trotzdem lachen, auch wenn wir es nicht schaffen, die Welt so zu beschreiben, wie wir es möchten.
Ich denke im Übrigen, dass sich diese ­innere Divergenz im Falter bis heute erhalten hat und einen Grund für dessen ­Stärke darstellt. Politisch sind hier die verschiedensten Schattierungen von Mitte bis links der Mitte vertreten. Die Idee, einen Stil oder eine Weltsicht zu verordnen, statt in ­Diskussionen für deren Richtigkeit zu ­plädieren, führt meiner Ansicht nach zu tödlicher Langeweile.
Ich hoffe, man erkennt das auch an den Fotos dieser Ausstellung. Eine populäre Boulevardzeitung maulte, als die Absicht zu dieser Ausstellung publik wurde, ihre Fotografen hätten wohl eher eine Ausstellung verdient als jene des kleinen Falter. Das mag sein, und es wäre gewiss reizvoll, einmal in einem riesigen Museum sämtliche hunderttausende halb und gar nicht bekleideter Frauen auf einem Fleck zu sehen, die der langjährige Herausgeber und seine Nachfolger mit geschmackssicherer Hand auswählten.

Gegenüber diesem Geist des Einverständnisses mit bestehenden Vorlieben, Vorurteilen und Verhältnissen ziehen wir uns doch lieber auf den Geist des Widerspruchs zurück. Der Pianist Alfred Brendel pflegt über seine Wiener Zeit in den 1950er- und 1960er-Jahren zu sagen, Wien sei eine gute Stadt gewesen, um im Protest gegen sie zu leben. So ähnlich haben wir das auch gesehen. Ein Slogan, mit dem der Falter einst Kolporteure ermunterte, sich für diesen lukrativen Job zu bewerben, lautete: „Handverkauf ist eine Möglichkeit, unsere Verachtung für die Welt auszudrücken.“
Analog dazu möchte ich sagen: Der Falter war und ist unsere Art und Weise, unsere Liebe zu Wien auszudrücken. Man kann nur etwas lieben, das man nicht kritiklos hinnimmt, wie es ist. Insofern stimmt das mit dem Widerspruch. Gehen Sie hin, schauen Sie sich die Fotos an und widersprechen Sie ihnen, wenn Sie können!

Armin Thurnher in FALTER 22/2017 vom 02.06.2017 (S. 25)



Leserstimmen

Tolle Bilder, interessante Interviews mit den Fotografen (Pater L., Dornbirn)

Spannendes Werk (Marianne B., Wien)

Für Leser, die die Zeiten erlebt haben und sie vermitteln wollen (Dr. Gerwald W., Rosenau)

Großes Lob an 40 Jahren FALTER Fotos! (Elisabeth c., Klosterneuburg)

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