Skifahren in Ostösterreich
Alle Lifte und Pisten in Niederösterreich, Wien und Burgenland. Mit Loipen-Tipps und Steiermark-Teil

von Wolfgang Kralicek

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EAN: 9783854395140
Verlag: Falter Verlag
Format: Gebundene Ausgabe
Genre: Reisen/Reiseführer/Europa
Umfang: 256 Seiten
Erscheinungsdatum: 22.02.2016

Wer den Schlepplift nicht ehrt, ist die Skischaukel nicht wert: Dieses Buch ist ein Plädoyer für Skifahren in Ostösterreich. Es richtet sich an Wintersportbegeisterte, die ihren Sport regelmäßig ausüben wollen oder im Winter öfter mal nach einem Wochenendprogramm für sich und ihre Kinder suchen. Wer das Buch gelesen hat, wird staunen, wie viele Möglichkeiten es dafür in Österreichs Ostregion gibt.
Ski fahren, das ist für viele skibegeisterte Wienerinnen und Wienern der alljährliche Skiurlaub in hochalpinen Regionen, in Kitzbühel, Schladming oder Lech am Arlberg etc. Dabei liegt der Schnee vor ihrer Haustür. Nicht einmal eine Stunde Autofahrt ist es von der Hauptstadt bis zu den Bergen.
Wien ist kein Wintersportort, aber die Pisten sind näher als man denkt.
Die Ski- und Langlaufregionen Niederösterreichs sowie die unmittelbar angrenzenden Gebiete der Steiermark werden anhand des Guides präsentiert, in ihrer lokalen Vielfalt dargestellt und für Touristen, insbesondere aus dem Großraum Wien, erlebbar gemacht.

Rezension aus FALTER 4/2018

Was, Du fährst noch Ski?

Skifahren ist kein Volkssport mehr. Was bedeutet das für die heimischen Skiorte?

Es kommt immer auf den Blickwinkel an. Und auf das, was eben nicht im Bild ist. Wenn man dann die richtige Frage stellt, können Selbstbildnisse ins Wanken geraten. Bilder, die die Identität einer Nation definieren und als einzementiert gelten. Etwa: Österreich ist eine Skination. Der Österreicher – und die Österreicherin – wird auf Skiern geboren. Seit Wolfgang Ambros 1979 erstmals „Schifoan“ sang, ist die genetische Disposition zum Schneerutschen nationales Gedankengut. Die offizielle Bundeshymne kennt zwar die Berge, weiß damit aber nichts anzufangen.

Dabei muss man nicht einmal Peter Schröcksnadel fragen, um schon auf den oberflächlichsten Blick in ein beliebiges österreichisches Skigebiet zu sehen, dass die Berge nur einen Zweck haben: mit Skiern befahren zu werden. Darin sind wir gut. Das können wir. Das lassen wir uns weder nehmen noch schiachreden. Trotz aller unappetitlichen Einblicke in strukturelle sexuelle Gewalt und die systematische Vertuschung in den vernetzten Hinterzimmern von Sport-, Politik- und Medienestablishment: Österreich ist Skination, war Skination – und wird immer Skination bleiben.
Die Sache hat nur einen Haken: Sie stimmt nicht mehr. Wenn man die immer noch vollen Pisten und Hütten, überrannten Talschaften und den alpinen Ballermannwahnsinn einmal ausblendet und sich die Zahlen anschaut, dann zerrinnt das Bild von der Skination rascher, als die Gletscher wegschmelzen: 61 Prozent der Österreicher gehen nicht Ski fahren. Und 16 weitere Prozent geben an, es höchstens „gelegentlich“ zu tun.
Führend im Nicht-Skifahren ist Ostösterreich: In Wien und dem Burgenland verweigern sich 67 Prozent zur Gänze, in Niederösterreich sind es 66 Prozent. Und sogar in Tirol, dem Bundesland mit der geringsten „Nie Ski“-Quote, stellen die Schneesport-Verweigerer mit 51 Prozent die Bevölkerungsmehrheit. Freilich: Diese Zahlen sind aus 2015. Doch seit damals, betont Peter Zellmann, Chef des Institutes für Freizeitforschung, habe sich „nichts geändert“. Ein Prozent mehr oder weniger sei „nicht signifikant“ – außer man will vom wahren Thema ablenken. Von jener Langzeitkuve, die das Nicht-Skifahren als Megatrend ausweist: „Vor 20 Jahren waren es lediglich 42 Prozent“, erklärt Zellmann. Und obwohl Auslastungsquoten und Nächtigungszahlen der Wintersportorte suggerieren, dass die Abwärtskurve gestoppt sei, spricht Zellmann von einer „dramatischen Situation“. Von „Alarmzeichen“, die „massive Maßnahmen“ erfordern: „Wir haben bereits eine ganze Generation verloren. Das wird in 20 Jahren verheerende Auswirkungen haben.“

Nicht nur für Liftkaiser und Skischulen. Denn in einem Punkt stimmt das geflügelte Wort von der „Skination“ tatsächlich: Ohne Wintertourismus würden Regionen kollabieren, Täler mittelfristig entvölkert. „Es wäre der volkswirtschaftliche GAU, ein negatives BIP-Wachstum, das kaum prognostizierbar ist“, warnt Zellmann. Das Ansinnen, zu anderen Jahreszeiten verlorenen Boden wettmachen zu können, sei Schönrederei: „Mountainbiken, Wandern und Bergsport sind wundervoll – aber kein Ersatz.“ Das – noch – unsichtbare Verschwinden der Skifahrer hat mehrere Gründe. Die meisten beginnen mit K: Klima, Kosten, Kinder – und Komfort.

Dass der Klimawandel dem Wintersport zusetzt, ist längst unumstritten. „Leute, diskutiert das nicht mehr, der heutige ‚warme Winter‘ wird in Zukunft der Durchschnittswinter sein“, erklärte Ralf Roth im November 2017 im Rahmen der Enquete „Dein Winter. Dein Sport“ im Vorfeld der ISPO, der größten Sportmesse in München. Roth ist Leiter des Institutes für Natursport und Ökologie an der Deutschen Sporthochschule (DSHS) in Köln.
Am Szenario, das bis 2100 die mittleren Wintertemperaturen im Alpenraum um zwei Grad Celsius ansteigen werden, zweifelt Roth nicht. Dennoch sei der derzeitige Jammer über „schneelose Winter“ trügerisch. „Wenn wir von ‚kein Schnee im Winter‘ reden, meinen wir eigentlich: ‚Weihnachten ohne Schnee‘. Verabschieden Sie sich davon, dass es zwingend weiße Weihnachten gibt.“ Weil der Mensch nur glaubt – und daher langfristig auch bucht – was er sieht, postuliert Roth das, was keiner hören will: „Wir brauchen den Schneeberg, nicht einzelne weiße Pisten.“
Ohne Kunstschnee, im touristischen Neusprech lieber „künstlich erzeugter Naturschnee“ genannt, geht es sowieso nicht mehr – aber das kostet. In Schladming etwa werden 123 Pistenkilometer von hunderten Schneekanonen und -lanzen künstlich eingeweißt. Hier sollen mit einer der größten Beschneiungsanlagen der Alpen auf 200 Hektar Pistenfläche – zumindest – 80 Zentimeter Schnee garantiert werden, erklärte Thomas Pitzer, der technische Leiter Seilbahnbetriebe Planai-Hochwurzen zu Saisonbeginn. Kernproblem sei derzeit weniger ein spürbarer oder gar schon messbarer Temperaturanstieg im Winter, sondern der Umstand, dass „die Kälteintervalle – also jene Phasen, in denen wir Schnee herstellen können – immer kürzer und unregelmäßiger“ kämen. Ist es kalt genug, wird mit Hochdruck beschneit: Bis zu 150 Liter Wasser werden da pro Sekunde aus der Enns geholt und entweder direkt in Schnee verwandelt oder in einen der sieben Speicherseen gepumpt. Pro Tag koste daher allein die Beschneiung über 23.000 Euro. 2,5 Millionen Kubikmeter Schnee waren das, er hätte ein Lkw-Kolonne bis nach Istanbul befüllt.

Stichwort Kosten. Hinzu kommen dann noch Investitionen, um konkurrenzfähig zu bleiben: 2016 investieren allein die Planai Hochwurzen-Bahnen elf Millionen Euro in den Ausbau ihrer Seilbahnen. Bis 2020 sollen weitere 35 Millionen in Seilbahn- und Pistenausbauten fließen. Natursport-Experte Roth ist das zu einseitig: „Wir brauchen Onsnow-offsnow-Angebote. Möglichkeiten für 300 Tage im Jahr für attraktive Produkte und Angebote, und kein Höher, Schneller, Weiter. Es geht um qualitative Entwicklung, Nachhaltigkeit und die Erhöhung der Wertschöpfung pro Gast.“
Doch hier dräut das nächste Dilemma: Skifahren ist teuer. Schon 2013 postulierte der Tiroler Skitourismusforscher Günther Aigner in seinen – damals oft als Gotteslästerung bezeichneten – „Fünf Thesen zur Zukunft des alpinen Skisports“, dass Skifahren längst wieder Luxussport sei. Die Ticketpreise in den österreichischen Premiumskigebieten stiegen schon früher deutlich schneller als die Nettolöhne in den Quellmärkten. Aigner stellte die verbotene Frage: „Muss sich die Mittelschicht vom Skisport verabschieden?“ Auch Roth fordert „einfache, leistbare und kostengünstige Wintersportangebote für Haushaltseinkommen bis 2000 Euro“.
Dass Roth – gesamtwirtschaftlich und langfristig – recht hat, bezweifelt kein Hotelier und Touristiker. Doch solange es im Premiumsegment noch etwas zu holen gibt, sollen sich bitte die Mitbewerber an die „Plebs“ halten.
Ein Blick zurück zeigt, dass das nie anders war. An Österreichs „Wiege des Skisports“, dem Arlberg, begann das alpine Treiben vor und auch während des Zweiten Weltkrieges und war immer hochelitär. Denn Skifahren kostete Geld und Zeit. Die einen hatten Geld, und aus denen, die vor Ort lebten und Zeit hatten, entstanden Pioniere wie der Vater des modernen Skifahrens, der Stubener Hannes Schneider, der aus einfachstem Umfeld stammte.
Weil Schneider sich weigerte, Nicht-„Arier“ aus seiner Skischule am Arlberg zu verbannen, wurde er von den Nazis 1938 inhaftiert und kam erst nach massiven Interventionen seines jüdischen Mentors und des legendären britischen Berg- und Alpinschriftstsellers Arnold Lunn frei. Schneider emigrierte und wurde in den USA als Skigebietsentwickler reich. Skigeschichtlich bezeichnend ist aber auch die Rolle seines Mentors, des Textilhändlers, Kaufmanns und Hoteliers Rudolf Gomperz.
Dieser hatte den Arlberger „entdeckt“, weil er Arbeitern, die hier den Eisenbahntunnel bauten, Kleidung und Hausrat verkaufte. Gomperz wurde 1939 ermordet. Die Arbeiterheime des Bahnbaus gibt es zum Teil bis heute. Sie trugen als erschwingliche Unterkünfte einiges dazu bei, Skifahren als Breitensport attraktiv zu machen. Als Sport, bei dem sogar Normal­sterbliche Königs- und Fürstenhäusern nahe kommen könnten.

Doch trotz dieser Nähe und Wirtschaftswunder war und blieb Skifahren in der Substanz immer elitär: „Der Ski- und Winterurlaub war immer ein Vergnügen des oberen Drittels – und ist es jetzt auch wieder“, betont Freizeitforscher Zellmann. Die Oberschicht kann sich auch in schlechten Zeiten den Spaß im Schnee leisten. In hochpreisigen Prestigeregionen sei deshalb von Krise oder Stagnation nichts zu sehen oder zu spüren. Weniger Begüterte müssten aber rechnen: „Skifahren war nie billig. Aber erst wenn Aufwand und Emotion sich nicht mehr die Waage halten, wenn Menschen die emotionale Nähe zu etwas verlieren, sagen sie, dass ihnen etwas zu teuer ist.“ Das ist der Moment, wo das Argument, man fährt auf Skiurlaub, „weil es ja angeblich dazugehört“, nicht mehr greift und die Erzählung vom „Volkssport“ Skifahren und der „Skination“ Österreich abbricht. „Kommen die Familien nicht mehr, bleiben nicht nur die Erwachsenen aus: Wer als Kind nicht Ski fährt, kommt auch später nicht mehr“, sagt Zellmann.
Dazu kommt die Demografie: Statistisch gehen deutsche Skifahrer (und vermutlich auch Österreicher) mit 65 Jahren in den Ski-Ruhestand, erforschte die Deutsche Sporthochschule Köln. 2030 erreichen rund 1,4 Millionen Deutsche das Ski-Pensionsalter. Ihnen stehen aber nur 520.000 Neugeborene gegenüber, sehr viele von ihnen mit Migrationshintergrund. Für sie gilt das „Der kam mit Brettln an den Füßen auf die Welt“ nicht mehr. Oder wie es der Skitourismusforscher Aigner wissenschaftlich-distanziert formuliert: „In Fachgesprächen gehen die Ski-Touristiker allgemein davon aus, dass die Mehrzahl der Migranten einen verhältnismäßig geringen kulturellen Bezug zum Skifahren hat.“

Hinzu kommt die Ski-Müdigkeit der „autochthonen“ Bevölkerung. Pflug, Parallelschwung, Berg- und Talski – das sind Schlagworte, mit denen heute kaum noch jemand etwas anzufangen weiß. Auch wenn Skilehrer den Kleinen heute mit Begriffen wie „Pizzaschnitte“ (statt Pflug) und „Pommes“ (statt parallel fahren) auf die Sprünge helfen. Nicht nur im Ski-abholden Ostösterreich. „Meine Tochter geht in Innsbruck zur Schule“, seufzt Ötztal-Touristiker Oliver Schwarz, „aber sogar dort kommt kein Schulskikurs mehr zustande.“ Bis 1990 österreichweit noch Pflicht, bedarf es heute einer 70-Prozent-Mehrheit im Schulgemeinschaftsausschuss, Schüler und Lehrer eine Woche zum Skifahren zu schicken. Diese Mehrheiten zu finden wird immer schwieriger: Medienberichte rund um den Schulskikurs ohne das Wort „Auslaufmodell“ gibt es de facto nicht.
Die Zahl der Skikurse hat sich seit Ende der 1990er-Jahren mehr als halbiert – eine Trendwende ist nicht absehbar. Vor allem, weil es in den vergangenen Jahren noch einen Paradigmenwechsel gegeben hat. Winterurlaub wird längst nicht mehr automatisch mit Ski, Bergen und Schnee gleichgesetzt. Mitbewerber ist längst nicht mehr nur das bessere Angebot im luxuriöseren Hotel mit direktem Zugang zur schnelleren und komfortableren Luxusgondel im Nachbartal, sondern die Fernreise. Der All-inclusive-Club. Das Wellnessressort.
„Es ist nicht mehr zeitgemäß, Ski und Schuhe quer durch den Ort zu schleppen anstatt sie in einem beheizten Spind bei der Talstation zu lassen: Im Schwimmbad oder im Fitnesscenter ist das Kästchen ja auch nicht daheim“, erklärt Ötztal-Touristiker Schwarz. Nachsatz: „Und muss nicht extra bezahlt werden.“ Ein Skiurlaub, der wie eine Kreuzfahrt funktioniert, ist in den USA schon üblich. Die Liftkarte liegt im Zimmer, Kinderskikurs, Ausrüstung, Transfer zur Talstation, alles ist im Preis inkludiert. Wie das mit heimischen, dörflich-alpinen Strukturen funktionieren, administriert oder zwischen den diversen Betrieben abgerechnet werden soll? Schwarz: „Ich weiß es nicht. Aber andere sind schon dort – und nur das zählt.“

Thomas Rottenberg in FALTER 4/2018 vom 26.01.2018 (S. 52)



Rezension aus FALTER 5/2016

Schnee von gestern

Skifahren ist Volkssport? Jahrzehntelang schwelgte Österreich in der Illusion, ein Volk der Pistenflitzer zu sein. Die Realität ist eine andere. Skifahren ist passé, es leben die Alternativen!

Es gibt kein Menschenrecht auf den Skitag. Sagt der Liftkaiser eines großen österreichischen Skigebiets. Natürlich nicht laut heraus. Über die Mitgliedsbeiträge und Greenfees der – „besseren“ – Golfclubs regt sich ja auch niemand auf. Golf ist aber was anderes. Luxus nämlich. Skifahren nicht. Skifahren ist Volkssport. Der Österreicher, die Österreicherin, wird ja auf zwei Brettln geboren, das Wedeln haben wir in der DNA unserer Wadeln. Wir sind ToniSailerFranzKlammerAnnaFenningerPeterSchröcksnadel.
Behauptet der oder die gelernte Österreicherin zumindest gerne. Auch wenn es längst nicht mehr stimmt. Und im Grunde nie wirklich gestimmt hat. Sich von nationalen Mythen zu verabschieden tut weh. Erst recht, wenn es Mythen sind, die unseren Nationalstolz nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges mit aufgebaut haben.
Als die harmloseren Deutschen, zum Beispiel. Als ach so schönes Berggipfelland. Bevölkert von Naturburschen, geborenen Brettlbezwingern. Die Erzählung von der österreichischen Skifahrernation gehört immer noch untrennbar zur österreichischen Identität dazu, sie ist aber auch Basis der Skitourismusdestination Österreich – in Europa immerhin noch Marktführer mit 56 Prozent, vor Frankreich.
Umso schlimmer ist es, dass Herr und Frau Österreicher, wie das früher so hieß, selbst zu Skimuffeln geworden sind. „Volkssport“ Skifahren? Laut „Sportreport 2015“ gehen nicht einmal mehr drei von zehn Österreichern zumindest „gelegentlich“ Skifahren (28 Prozent). Und das ist noch eine Studie, deren Autoren einräumen, dass sie oft sozial erwünschte oder vom Befragten gewünschte Antworten bekamen.
Der Freizeitforscher Peter Zellmann vom Institut für Freizeit- und Tourismusforschung hat das schleichende Ende des Skifahrens ganz genau erforscht. Er hat zwei „Ski-Knicke“ ausgemacht. Mitte der 1990er-Jahre gab es den ersten. 1995 wurden die verpflichtenden Schulskikurse abgeschafft. Sie waren im jahrelangen Streit zwischen der Lehrergewerkschaft, die wie immer mehr Geld für den Extrastress im Gebirge rausschlagen wollte, und dem Sparzwang der Regierung zerrieben worden.
Den zweiten „Knick“ erleben wir seit kurzem. Weil jene, die damals nicht Skifahren gelernt haben, inzwischen Eltern geworden sind und ihren Kindern die „falsche Ski-DNA“ vererben. Nämlich gar keine. Lehrergewerkschafter! Jetzt blockieren sie seit Jahrzehnten nicht nur die Schulreform, sie sind auch an unserem Niedergang als Skination mit schuld.
Dass Schulskikurse Mitte der 1990er-Jahre mit einem Mal nicht mehr so populär waren, hat auch noch einen anderen Grund. Österreich ist bunter geworden. Kurz zuvor erlebte das Land seine erste große Flüchtlingswelle aus Ex-Jugoslawien. In den Klassen saßen junge Menschen, für die Schnee und Sport ein Widerspruch waren, keine Faszination. An die Integrationskraft von Schulskikursen dachte damals natürlich niemand – tut heute ja auch keiner.

Nur nicht schlecht reden

Vorbei also. Dem zahlenden Gast – im Regelfall ist er Deutscher, knapp über 40 und lässt 152 Euro pro Tag hier – mag es egal sein, dass er in Österreich Sportstatist inmitten einer Winterkulisse geworden ist, in der sich die Einheimischen zunehmend fremd fühlen. Für all die Hotels, Restaurants, Skischulbetreiber, Liftkaiser und Pistenprofiteure ist es fatal. Ein Land, dass keinen eigenen Nachwuchs für seinen wichtigsten Tourismuszweig generiert, sollte sich ernsthafte Sorgen machen.
Aber weil Tourismus das Geschäft mit Wünschen und Träumen ist, nicht mit Realitäten und Problemen, stehen solche Dinge nur im Kleingedruckten des aktuellen Wintertourismusberichts der Österreich-Werbung. So sind seit 2008 die Umsätze des Wintertourismus rückläufig. Und das, obwohl die Seilbahnen seit 2000 insgesamt acht Milliarden Euro investiert haben.
Da hilft es auch nicht zu klagen, dass Skifahren zu teuer geworden ist. Weil das stimmt – und gleichzeitig ist es mehr als falsch. Wer die Nebenkosten und Nebengeräusche eines gewöhnlichen Skiurlaubes miteinrechnet, gerät schneller, als ihm lieb ist, in die Liga des Elitesports Golf. „Psssst!“, sagt der Liftkaiser aus Ischgl wieder. Nur nicht zu laut darüber reden, es ist doch Volkssport.
Tagesliftkarten, die in der Saison 2015/16 in Ischgl, Saalbach-Hinterglemm und am Arlberg erstmals die 50-Euro-Grenze überschritten haben? Selbst im lauschigen Hinterthal bei Maria Alm im Pongau, im Berg- & Spahotel Urslauerhof, beginnt eine Woche Skiurlaub mit zwei Kindern nicht unter 2000 Euro – ohne Liftkarten. Dafür gibt es Dampfbad, Sauna, Schwimmbad, zusätzlich einen hoteleigenen Ski- und Helmverleih und der Sessellift, der jetzt immer Skijet heißt, ist gleich über die Straße. Alles andere, sagt Juniorchefin Claudia Kraker, funktioniert inzwischen nicht mehr. Der Gast ist bequem, er will Sport und Luxus gleichzeitig.
Geld, das man, sofern man es überhaupt hat, lieber in eine, ja gleich zwei Reisen ins Warme investieren kann. Der Flachlandbewohner, wissen Psychologen, ist ein ungeduldiges Wesen. Mit Jahresende holt ihn die Winterdepression ein, da lässt er sich lieber auf eine Billig-Charter-Fernreise ein, als einen kostspieligen Winterurlaub mit wackeliger Wetterprognose zu buchen.
Die Webcams vom Berg zeigen ja in Echtzeit, wie matschig-braun die Berge sind, wie trostlos die weißen Streifen, die die Schneekanonen aufgepudert haben, darunter steinhart von den Pistenraupen niedergewalztes Eis, möglichst dick, damit der Streifen die Tauperioden über durchhält bis zum Saisonende zu Ostern. Dann fällt meistens richtig viel echter Schnee, aber da ist man mit seinen Urlaubsplänen schon längst am Meer.
Keine Frage: Skifahren ist „sauteuer“. Für immer mehr Menschen zu teuer. Nur ist etwas wirklich Wucher, wenn es sich nicht jeder leisten kann, der es gerne hätte? Skifahren war bis zum Zweiten Weltkrieg ein elitäres Vergnügen. Man musste dafür wirklich Zeit und Geld haben. Erst das Wirtschaftswunder machte Skifahren zu einem Vergnügen der gehobenen Mittelschicht. Hotellerie wie Aufstiegshilfen gaben Gas, aber bis in die 1990er galt: Skifahren geht nur, wo es geht. Wenn es geht: Wenn Schnee liegt.

Als die Massen kamen

Dann kam die Schneekanone. 60 Prozent der heimischen Skigebiete können künstlich beschneit werden, 420 Speicherbecken gibt es, 154 Millionen Euro kostet das inzwischen die Seilbahnbetreiber pro Saison. Es folgten die Skigebietfusionen. Höhere Liftpreise gehören gerechtfertigt, mehr Pistenkilometer sind ein Argument. 270 sind es seit heuer in Saalbach-Hinterglemm, Leogang und Fieberbrunn, 760 in der Skiwelt Amadé, St. Anton und Lech-Zürs wollen die Nächsten sein.
Die schnellen, popobeheizten Ski-Jets und Umlaufgondelbahnen ersetzen die schaukeligen Einsitzer und oberschenkelspannenden Schlepplifte. Aus einem Liftwart wird eine Armada an Schneetechnikern. Mega-Abspeisestationen verdrängten die eingesessenen Berghütten. Skurrile Winterevents wie das Top of Mountain-Opening Concert in Ischgl heizen die Saison noch weiter an. Mit ihren Racecarvern fuhren die Gäste einander nun zwar öfter (und heftiger) über den Haufen als früher und schoben mehr Schnee aus den Pisten, aber zumindest Letzteres bekam man mit modernem Pistenmanagment und mehr Pistenbullys schnell wieder in den Griff.
Was in Österreich Jahrzehnte brauchte, lief anderswo im Zeitraffer ab. Auch in der Hohen Tatra in der Slowakei war Skifahren lange einfach und (vergleichsweise) günstig. Im Gebiet von Štrbské Pleso brettelte der gehobene slowakische, tschechische, ungarische oder polnische Werktätigen-Mittelstand zu Tal. Öffnung und Wohlstand brachten mehr Skifahrer, aber Schnee oder Wetter blieben gleich: Štrbské Pleso tat in den Nullerjahren also, was alle taten. Man investierte in moderne Beschneiungsanlagen, um die Saison zu verlängern. Heuer kostet die Tageskarte in Štrbské Pleso 32 Euro. Štrbské Pleso hat 5,8 Pistenkilometer. Schladming hat 125. Die Tageskarte kostet dort 48 Euro. Die Gerlitzen nimmt € 43,50. Für 42 Kilometer. Am Goldeck verlangt man 39 Euro für 25 Kilometer. Spinnen die? Nein. Weil die Rechnung „Euro pro Kilometer“ zu kurz greift. Weil jemand am Ende für den fast schon perversen Aufwand, der für die paar Sekunden Gleitglück betrieben wird, zahlen muss. Subventionieren lässt sich das Skifahren unter den wachsamen Augen der EU-Wettbewerbshüter immer schwieriger (siehe Seite 44). Klimaforscher sagen Skigebieten unter 1300 Meter ohnehin das Ende voraus. In Österreich gehören dazu Wintertourismus-Ikonen wie Saalbach-Hinterglemm, Schladming und Kitzbühel.

Wir fahren jetzt „Slow Ski“

Darum gilt: Jammern über das „teure“ Skifahren gilt nicht. Was gilt, ist die Sorge um den Skinachwuchs. Und um die Skifahrkultur. Jene, die bis Anfang der 1990er-Jahre noch die von Wolfgang Ambros besungene Ur-Ski-Prägung mitbekommen haben, die mit einem Skiurlaub noch das Gefühl der klammen Kälte am Sessellift, des perfekten Parallelschwungs im Pulverschnee und die unbändige Freude, in der urigen Hütte einen Platz beim Kachelofen ergattert zu haben, verbinden, wenden sich ohnehin von der durchkommerzialisierten Pistengaudi der Skiarenen ab.
Sie suchen sich – und ihren Kindern – überschaubare, regionale Skigebiete. Sie fahren gewissermaßen „Slow Ski“. Oder sie fangen, wenn sie zur Kategorie sportliche Ehrgeizler gehören, mit dem Langlaufen an. Oder dem mondänen – in Österreich mit Ausnahme von zwei Gipfeln auf der Vorarlberger Seite des Arlbergs verbotenen – Heli-Skiing. Oder sie probieren, wenn sie die echte Winterromantik suchen, Skitouren oder Schneeschuhwanderungen aus. Der Alpenverein hat für sie bereits zertifizierte „Bergsteigerdörfer“ parat, geprüfte, naturnahe Winterurlaubsorte. Hier fallen die teuren Liftkarten weg. Hier sind Kondition und Können im Gelände gefragt, nicht Carving-Draufgängertum auf Kunstschneeautobahnen. Hier gibt es echten Schnee, keine Sprüh-Kristallisationskeime. Am schönsten aber: Hier erobert man sich den Berg, man bekommt ihn nicht serviert.

Thomas Rottenberg in FALTER 5/2016 vom 05.02.2016 (S. 42)



Leserstimmen

Genau das Buch, das ich gesucht habe! Perfekt! (Julia K., Wien)

Phantastisch beschrieben, wenn einmal der Schnee kommt, gut zu gebrauchen. (Michael S., Schwadorf)

Sehr praktisch + alles da, was man wissen sollte (Robert M., Vösendorf)

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