Dark Continent

Europe's Twentieth Century
512 Seiten, Taschenbuch
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Kurzbeschreibung des Verlags

From award-winning historian Mark Mazower, Dark Continent: Europe's Twentieth Century retells the story of a century of division, charting the struggles of rival ideologies to create a new world order for mankind. The end of the First World War saw old empires swept away and the opportunity to build a better society from the ruins. Yet the result was division and bloodshed on an unprecedented scale, as liberal democracy, communism and fascism struggled against one another for mastery of the world. Dark Continent radically overturns the myth of Europe as a safe haven of democracy to redefine our view of the twentieth century. 'Original, thought-provoking, iconoclastic' Frank McLynn, Irish Times 'Fascinating and forceful' Martin Gilbert, Literary Review 'Mazower leaves us, in this wonderful book, with an account of our century that anyone who takes an interest in Europe's present and future will enlarge their mind by reading' John Keegan, Daily Telegraph 'There are few who can walk with A.J.P. Taylor. One is Mark Mazower ... a tour de force' Alex Danchev, TLS 'Combines narrative verve with wise and humane analysis. For anyone who wants to know how Europe came to be the way it is in the years since 1900, this is the work to provide the answers' David Cannadine, Observer Books of the Year Mark Mazower is the author of Inside Hitler's Greece, The Balkans, which won the Wolfson Prize for History, Salonika: City of Ghosts, which won both the Runciman Prize and the Duff Cooper Prize and Hitler's Empire.

FALTER-Rezension

Lernen Sie Geschichte, Herr Bundeskanzler!

Barbaba Tóth in FALTER 20/2018 vom 16.05.2018 (S. 13)

Österreichs Kanzler irritiert mit seinen historischen Vergleichen. Kann es sein, dass es ihm an Wissen fehlt?

„Lernen Sie Geschichte, Herr Reporter!“ Diese Attacke von Bundeskanzler Bruno Kreisky auf den Redakteur und das SPÖ-Mitglied Ulrich Brunner gilt als einer der am häufigsten zitierten Sätze des „Sonnenkönigs“. Er fiel im Jahr 1981, beim Pressefoyer nach dem Ministerrat, das damals eine lockere Stehpartie war und nicht so ein durchdesigntes Frage-Antwort-Ritual wie unter der Regierung Sebastian Kurz I.
Es ist auch schwer vorstellbar, dass Kurz diesen Satz zu einem Reporter sagen würde. Der junge Kanzler irritierte vergangene Woche vielmehr mit einem historischen Vergleich. Kurz scheint Vergangenheitspolitik nicht besonders zu interessieren. Das kann man bedauern oder begrüßen, es lässt jedenfalls Schlüsse auf das zeitgeschichtliche Interesse – oder besser Desinteresse – Kurz’ zu. Im Grand Design seiner Kanzlerschaft stehen andere Themen an erster Stelle. Vor allem der Kampf gegen die Zuwanderung und die Rückabwicklung der Fluchtbewegung des Jahres 2015. Er ist ein Politiker, der Themen gut verkaufen will, keiner, der seine Politik intellektuell unterfüttert. Wer nach den Defiziten des neuen Stars der Neokonservativen im deutschsprachigen Raum sucht: Hier ist eines.

Die Vorgeschichte, in aller Kürze: Bei seiner viel beachteten Festrede zur Befreiung des KZ Mauthausen kritisierte der Schriftsteller Michael Köhlmeier indirekt auch den Kanzler. „Es hat auch damals schon Menschen gegeben, die sich damit brüsteten, Fluchtrouten geschlossen zu haben“, sagte er. Der Regierungschef konterte kurz darauf in der Tiroler Tageszeitung. Er halte es „vor allem für verfehlt, die Schließung der Westbal-
kanroute mit den Verbrechen der NS-Zeit zu vergleichen. Das weise ich auf das Schärfste zurück. Die Aussage, dass es auch damals Menschen gegeben hat, die Fluchtrouten geschlossen haben, zielt eindeutig auf Nazis und Nazi-Kollaborateure ab.“
Was Kurz ausblendet, mangels historischen Wissens oder bewusst, um sich als Opfer der Köhlmeier’schen Anschuldigungen zu geben, ist, dass das Schließen von Fluchtrouten eine entscheidende Station auf dem Weg zum Holocaust war. Bald nach der Machtergreifung 1933 hatte der NS-Staat mit der Diskriminierung von Juden begonnen. Ihre Auswanderung wurde anfangs noch akzeptiert, sie mussten sie sich aber erkaufen. Dann machten die europäischen Staaten schrittweise dicht. Im Juli 1938 – also demnächst vor genau 80 Jahren – wurde schließlich auf Einladung der USA die Konferenz von Évian einberufen. Dort, im mondänen Hotel Royal im Badeort Évian-les-Bains am französischen Ufer des Genfer Sees, berieten europäische, amerikanische und ozeanische Länder mit zunehmendem Zynismus darüber, wie sie auf die steigende Zahl jüdischer Flüchtlinge aus Deutschland und Österreich reagieren sollten. Nur Transit erlauben? Mit fixen Quoten gerecht verteilen? Weil am Ende nur zwei von 32 Ländern ihre Grenzen öffnen wollten, scheiterte die Konferenz. Der nationalsozialistische Völkische Beobachter kommentierte triumphierend: „Niemand will sie!“
Évian gilt bis heute als Symbol des Versagens der Staatengemeinschaft gegenüber Hitler-Deutschland und wird immer wieder als historischer Referenzmoment genannt, wenn es um die Frage von Schutz von Menschen auf der Flucht geht. Das muss ein Kanzler, noch dazu ein österreichischer, wissen.

Kurz kann sich nicht darauf ausreden, dass er die Nachkriegsordnung, das Trauma der Zwischenkriegszeit, das Ausverhandeln der österreichischen Opfer- und Täterperspektiven nur mehr „aus den Geschichtsbüchern kennt“, wie er heuer bei der offiziellen Gedenkveranstaltung für den 12. März 1938 – dem Tag des sogenannten „Anschlusses“ Österreichs an Hitler-Deutschland – in der Wiener Hofburg sagte.
Er muss wissen, welche ambivalenten Signale er aussendet, wenn er für Nachfahren jüdischer Opfer die österreichische Staatsbürgerschaft ermöglichen will – und Doppelstaatsbürgerschaften gleichzeitig auch für Südtiroler mit deutscher oder ladinischer Muttersprache einführen will. In der post- oder ahistorischen Welt eines Sebastian Kurz ist das offenbar noch kein Widerspruch.
Dafür kündigte Kurz an, dass die Regierung heuer ein Denkmal für die jüdischen Opfer des NS-Regimes unterstützen wolle. Eine Steinmauer, in der die Namen aller jüdischen Opfer eingraviert sind, soll entstehen. Dabei hat Wien bereits ein bemerkenswertes, den jüdischen Opfern gewidmetes Shoah-Denkmal, jenes der Künstlerin Rachel Whiteread. Eine solche Erinnerungsmauer wirkt wie aus der Zeit gefallen, entspricht sie doch eher der Shoah-Gedenkkultur Anfang der Nullerjahre. Kein Wunder, sie geht auch auf eine bereits 15 Jahre alte Initiative eines aus Österreich vertriebenen Juden zurück, der in Kanada lebt. Sinti und Roma, Homosexuelle, Menschen mit Behinderung, politisch Andersdenkende – zeitgemäße Denkmäler inkludieren mittlerweile alle Opfer des NS-Regimes.
Gleichzeitig passt die Fokussierung auf den – notwendigen – Kampf gegen den Antisemitismus bestens in die latent bis offen islamfeindliche Politik der Regierung Kurz, die dann wiederum durch antisemitische Aussagen des Wiener FPÖ-Klubobmanns Johann Gudenus konterkariert wird, der – nach Vorbild des ungarischen Premiers Viktor Orbán – George Soros als jüdischen Spekulanten, der Europa mit Muslimen umvolken will, denunziert. Und Kurz? Der reagiert spät, aber doch, indem er sich zwar distanziert, aber gleichzeitig meint, sachliche Kritik an Soros’ Tätigkeiten müsse möglich sein.
Schon einmal richtete eine schwarz-blaue, rechtskonservative Regierung ein wichtiges Staatsjubiläum aus. Es war im Jahr 2005, Wolfgang Schüssel regierte im fünften Jahr als Kanzler der ÖVP, und es galt, 50 Jahre Zweite Republik, 60 Jahre Ende des Zweiten Weltkrieges und zehn Jahre EU-Mitgliedschaft Österreichs zu gedenken. Aber im Gegensatz zu Kurz war Schüssel ein historisch hochgradig interessierter Kanzler, der das Erinnern in seinem Sinne dirigierte. Er rief das Jahr zum „Gedankenjahr“ aus.
Anlass für ein Gedankenjahr gäbe es auch 2018. Warum, könnte man sich beispielsweise fragen, dominiert bis heute der traumatisierte Blick zurück auf 1918, warum entstand nie ein österreichischer Verfassungspatriotismus? Rückt Österreich, wenn nicht formal, so im Geiste und Herzen näher an die Visegrád-Länder heran? Welche Rolle spielen dabei die FPÖ-Kontakte nach Serbien? Wieso sind hochrangige FPÖler allesamt Mitglieder im habsburgischen Sankt-Georgs-Orden? Schwingt das Erbe der Monarchie mehr mit, als uns allen bewusst ist?
Allesamt Fragen, auf die Kurz heuer ganz sicher keine Antworten geben will und leider auch nicht kann.

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