Auf Linie

NS-Kunstpolitik in Wien. Die Reichskammer der bildenden Künste
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Kurzbeschreibung des Verlags:

Die Publikation befasst sich mit der mächtigsten NS-Institution zur politischen Lenkung des Kunstgeschehens im Dritten Reich, der Reichskammer der bildenden Künste. Die wissenschaftliche Aufarbeitung der knapp 3.000 Mitgliederakten ermöglicht erstmals einen Einblick in die politischen Machtstrukturen, Abläufe, Netzwerke und künstlerische Haltung des NS-Regimes in Wien. Ausgehend von der zunehmenden Faschisierung vor 1938 werden die Folgen der Gleichschaltung nach dem „Anschluss“ für Malerei, Bildhauerei, Kunstgewerbe, Architektur und Grafik in Wien thematisiert. Das Buch beschreibt die wichtigsten Akteure der NS-Kunst, die auftraggebenden NS-Institutionen und die Propaganda-Ausstellungen. Ein kritischer Ausblick beleuchtet die Situation nach 1945 und hinterfragt künstlerische und personelle Kontinuitäten.

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FALTER-Rezension

Knapp vorbei ist auch "auf Linie"

Die Ausstellung "Auf Linie" im Museum der Stadt Wien widmet sich der städtischen Kunstpolitik der NS-Zeit und deckt dubiose Kontinuitäten auf

Der Mythos vom Unfriendly Takeover Österreichs durch Nazi-Deutschland hat sich lange gehalten, ist aber längst widerlegt. Der "Anschluss" wurde freilich nicht nur von breiten Teilen der Bevölkerung bejubelt, sondern auch in Kunstkreisen heftig akklamiert. "Auf Linie" betiteln sich die Ausstellung im Wien Museum und die gewichtige, von den Kuratorinnen Ingrid Holzschuh und Sabine Plakolm-Forsthuber besorgte Begleitpublikation, die nachzeichnet, wie die Kunst(politik) "auf Linie" gebracht wurde. Wobei das Passiv nicht unbedingt angebracht ist, war der Anteil an "Illegalen" unter Künstlern doch dermaßen hoch, dass diese bereits 1937 alle Schlüsselstellen besetzt hatten.

Zeitenwenden vollziehen sich selten Knall auf Fall, und das Jahr 1937 ist ein gutes Beispiel dafür. Im April beschließen "Illegale" wie Leopold Blauensteiner, Rudolf Hermann Eisenmenger oder Ingo Pötsch die Gründung des "Bundes deutscher Maler Österreichs". Im gleichen Monat zeigt die im Pariser Jeu de Paume - parallel zur Weltausstellung -ausgerichtete "Schau Österreichischer Kunst" noch einmal alle relevanten zeitgenössischen Positionen. In Wien, wo das schon nicht mehr möglich gewesen wäre, eröffnet Bundeskanzler Kurt Schuschnigg im November die Ausstellung "Italiens Stadtbaukunst im faschistischen Regime" in der Secession, der seit 1936 der Nationalsozialist Alexander Popp als Direktor vorsteht.

Die kunstpolitische Schaltstelle, die den "Anschluss" umsetzt, ist die Reichskammer der bildenden Künste Wien (RdbK). Als Vorbild dient ihr die gleichnamige Körperschaft in Berlin, eine von sieben Einzelkammern der Reichskulturkammer (RKK). Dass die RdbK Wien mit ihren neun Referaten direkt der RKK unter dem Präsidenten Joseph Goebbels unterstellt ist, bedingt einen aberwitzigen Aufwand an Aktenläufen, die belegen, dass die ideologische Generallinie immer wieder Unschärfen aufweist.

Die Anträge auf Aufnahme in die RdbK - sie ist Voraussetzung für die Berufsausübung - umfassen neben "Ariernachweis" und einem "Zeugnis über die politische Zuverlässigkeit" auch eine, nach "Leistungsgruppen" (A-C) gestaffelte künstlerische Bewertung der Antragstellerinnen und Antragsteller durch den jeweils zuständigen RdbK-Referenten.

Allerdings wurden die von Wien bereitgestellten Informationen und Beurteilungen von Berlin immer wieder ignoriert oder außer Kraft gesetzt. Der Architekt Erich Boltenstern -er entwarf das Kahlenberg-Restaurant (1933-35) und nach dem Krieg den Ringturm -etwa galt zwar als "jüdisch versippt" und darüber hinaus als Vertreter der verachteten "Systemzeit", erhielt aber dennoch eine "Sondergenehmigung". Und als der RdbK-Leiter Leopold Blauensteiner dem Bildhauer Gustinus Ambrosi, der als Proponent des "Ständestaats" Büsten von Dollfuß und Schuschnigg ausführte, die Aufnahme in die Reichskammer verweigern wollte, wurde er von keinen Geringeren als vom NS-Vorzeigearchitekten Albert Speer und Adolf Hitler persönlich overruled.

Ob Künstler aus tiefer Überzeugung oder schierem Opportunismus "auf Linie" waren, war für die kunstpolitische Pragmatik im Zweifelsfalle zweitrangig. Besonders interessant sind jene Fälle, die dem Klischee einer rückwärtsgewandten und volkstümelnden "Blut und Boden"-Ästhetik nicht entsprechen. So kommen neben eindeutigen "Propagandisten" wie dem Maler Ingo Pötsch, dessen Gemälde "Fahrt des Führers zur Proklamation am 15. März 1938" zu einem vielreproduzierten Sujet wird, auch Vertreter der Moderne zum Zug. Über den Opportunismus des Architekten und Wiener-Werkstätte-Mitbegründers Josef Hoffmann, der im März 1938 der NSDAP beitritt, machen sich die Machthaber keine Illusionen. Er sei "mit der Kunst nat.soz. Richtung nicht einverstanden", befindet eine "Politische Beurteilung" aus dem April 1940 unverblümt, hält allerdings zugleich fest, dass man den betagten Hoffmann als "politisch einwandfrei" gelten lassen könne.

Hoffmann kommt wie auch der ebenfalls "modernistische" Bauhaus-Schüler und SA-Angehörige Carl Auböck nicht nur als Kunsthandwerker zum Zuge, sondern spielt eine Schlüsselrolle bei der Anstrengung, Wien unter massivem Einsatz modernster Marketingtechniken zum Zentrum der "Deutschen Mode-und Geschmacksindustrie" zu machen. Die Fäden dabei laufen in den Händen des "Illegalen" und Blutordensträgers Günther Ohnheiser zusammen, der das "Haus der Mode" leitete. Untergebracht ist dieses im "arisierten" und von Josef Hoffmann neu eingerichteten Palais Lobkowitz; Schauräume unterhält es im ebenfalls seinen jüdischen Besitzern abgepressten "Zwieback-Haus"(Kärntner Straße, Ecke Weihburggasse).

Ein weiteres Kernstück der Mode-Offensive war die Umwandlung der 1897 gegründeten "Frauenakademie" in eine "Kunst-und Modeschule", die dem im September 1938 geschaffenen Kulturamt der Stadt Wien unterstellt ist und eng mit dem "Haus für Mode" kooperiert. Nach dem Krieg werden Ausbildungsziele und Lehrinhalte zwar teilweise beibehalten, die Institution -das ursprüngliche Gebäude wurde vollständig zerstört - im November 1946 unter Bürgermeister Theodor Körner (SPÖ) und Kulturstadtrat Viktor Matejka (KPÖ) an anderem Ort und unter anderem Namen neu gegründet. Sie heißt jetzt "Modeschule der Stadt Wien im Schloss Hetzendorf".

Noch simpler verlief die "Entnazifizierung" im Falle des 1941 von Oswald Haerdtl neu gestalteten Ehrenrings der Stadt Wien. Er wurde auch nach Kriegsende wieder vom Traditonsjuwelier A.E. Köchert ausgeführt. Bloß die Hakenkreuze musste dieser jetzt weglassen.

Klaus Nüchtern in Falter 4/2022 vom 28.01.2022 (S. 29)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783035624267
Erscheinungsdatum 25.10.2021
Umfang 344 Seiten
Genre Kunst/Architektur
Format Taschenbuch
Verlag Birkhäuser Verlag GmbH
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