Monster

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Kurzbeschreibung des Verlags:

Am Ende des Romans steht eine Eskalation: Ein israelischer Tourguide streckt im Konzentrationslager von Treblinka einen deutschen Dokumentarfilmer mit einem Faustschlag nieder. Wie kam es dazu? In einem Bericht an seinen ehemaligen Chef schildert der Mann, wie er jahrelang Schulklassen, Soldaten und Touristen durch NS-Gedenkstätten geführt hat und wie unterschiedlich diese mit der Erinnerung an den Holocaust umgehen. Nach und nach zeigt sich, dass seine Arbeit nicht
spurlos an dem jungen Familienvater vorübergeht – die Grauen der Geschichte entwickeln einen Sog, gegen den keine akademische Distanz ankommt. Gleichzeitig wächst sein Frust über die eigene familiäre und berufliche Situation. Am Ende wollen alle in erster Linie aus dem Holocaust – und dem Gedenken daran – einen Nutzen für sich selbst ziehen. Als der Erzähler das erkennt, wird er vom Beobachter zum Akteur, und der Kreislauf der Gewalt vollendet sich.
Yishai Sarid, einer der bekanntesten Autoren Israels, wirft in seinem Roman ein neues Licht auf die Erinnerungskultur, wagt sich an vermeintlich unantastbare Fragen und stellt in stillem, unaufgeregtem Ton eingefahrene Denkmuster infrage.

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FALTER-Rezension

Erinnerungsfolter

Yishai Sarid, einer der bekanntesten Autoren Israels, hinterfragt in seinem neuen Roman die israelische Erinnerungskultur

Ein junger Israeli, der vorhat, eine ruhige Insel im großen Meer der Geschichtsschreibung zu suchen, und sich am liebsten ins Mittelalter begeben will, fern der Katastrophen der Moderne, vor allem jener des eigenen Volkes, lässt sich vor den Karren der Holocaust-Forschung spannen. Dort gibt es Geld, Studienplätze, Jobs. Ihm graut davor. Aber er fällt eine pragmatische Entscheidung, lernt Deutsch und stürzt sich in die einschlägige Literatur. Ihn interessieren vor allem die technischen Details des Massenmordes. Schließlich schreibt er seine Doktorarbeit über die verschiedenen „Arbeitsmethoden“ deutscher Vernichtungslager.

Daneben führt er Schülergruppen durch Yad Vashem, die bedeutendste Gedenkstätte der Schoah. Die Warnungen vor den seelischen Belastungen, den eigenen und jenen der Kinder, die er mit seinem gesammelten Wissen überfällt, nimmt er nicht ernst. Hinweise, dass es seinen Vorträgen an Gefühl und Opferbezug mangle, kümmern ihn wenig. Schließlich ist er Historiker und kein Sozialarbeiter. Dann studiert er in Polen die Lager und rutscht in eine seltsame Hochstimmung, eine Art intellektueller Ekstase der Erkenntnis.

Er wird zum Tourguide der israelischen Schüler, die Jahr für Jahr nach Polen reisen, um acht Tage in den Styx der Erinnerung geworfen zu werden. Er führt sie durch Belzec, Treblinka, Auschwitz, Birkenau, Sobibor und Majdanek, offenbar das schlimmste Lager, weil unverhüllt stehen geblieben, ohne museale Gewandung.

Ihm wird klar, dass an diesen Stätten des Hasses und der Vernichtung wenig Verständnis entsteht, sondern neuer Hass. Dass in seiner Klientel insgeheim Fantasien keimen, die sich nicht gegen die Deutschen richten, die ja ziemlich cool in ihren Uniformen ausgesehen haben, sondern gegen die Araber, die heutigen Feinde. Und dass er in einen gespenstigen Sog gerät, wo ihm die Details des Grauens zusetzen und ihn zerrütten, je mehr er über sie weiß und je öfter er sie schildert,

Yishai Sarid, ehemals Nachrichtenoffizier in der israelischen Armee, Jurist und heute einer der bekanntesten Autoren Israels, hat einen lakonischen und bitterbösen Roman über die Erinnerungskultur seines Landes geschrieben, in dem „Holocaust-Erziehung“ einen erstrangigen Stellenwert zur Festigung der nationalen Identität einnimmt.

Sein scharfsinniger Erzähler schildert dem Direktor von Yad Vashem, wie er langsam von der Routine des Gedenkens samt zugehörigem Kitsch verschlungen wird. Schließlich steht er an der Rampe von Auschwitz und versucht zu hören, was ihm die Schatten der Millionen sagen, die in Rauch aufgegangen sind. Er kann sich die Schoah nicht mehr vom Leib halten. Sein Wissen um die präzisen Abläufe und die innere Logik des industriellen Massenmords wächst sich zu einer schweren moralischen Krise aus, die ihn in die Mitverantwortung nimmt, wenn er ein paar Schüler, die Staatsflagge um die Schultern, in Majda­nek flüstern hört, dass man es genauso mit den Arabern machen müsste.

Wenn er sich als Berater für ein Computerspiel über das KZ Auschwitz engagieren lässt, ein Überlebensspiel selbstverständlich, mit allen Einzelheiten. Wenn er einem kaltschnäuzigen Filmer als beflissener Sachverständiger dient. Schließlich kommt es zum Crash und lang erwarteten Ausbruch aus seiner Selbstfesselung an das Monster Erinnerung, bevor es ihn umbringt. Yishai Sarid hat ein hellsichtiges, provozierendes und mutiges Buch geschrieben, in dem er die zunehmend nationalistische Gedenkkultur Israels radikal infrage stellt. Der Holocaust als zentrales Element der kollektiven Identität wird die tiefen Risse in der Gesellschaft nicht kitten. Er vertieft sie, nicht nur zwischen den ethnischen und politischen Gruppen, sondern auch zwischen den Generationen.

Helene Maimann in Falter 44/2019 vom 01.11.2019 (S. 21)

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Produktdetails
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ISBN 9783036957968
Ausgabe 3. Auflage, neue Ausgabe
Erscheinungsdatum 04.02.2019
Umfang 176 Seiten
Genre Belletristik/Erzählende Literatur
Format Hardcover
Verlag Kein & Aber
Übersetzung Ruth Achlama
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