Hört einander zu!

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Kurzbeschreibung des Verlags:

Elif Shafak, eine der bedeutendsten Stimmen für Gleichberechtigung und freiheitliche Werte in Europa, zeigt mit viel Einsicht Wege auf, wie wir Demokratie, Einfühlungsvermögen und unseren Glauben an eine bessere und weisere Zukunft fördern können. Ihr Ansatz: Wir müssen endlich anfangen, uns gegenseitig Gehör zu schenken.

FALTER-Rezension

Wut ist der Gegenpol zur Gleichgültigkeit

Elif Shafak plädiert poetisch und politisch dafür, in einer zunehmend gespaltenen Welt die Nerven zu behalten

rezension:
Tessa Szyszkowitz

Elif Shafak hat im Lockdown in London Rainer Maria Rilke gelesen. „Wer, wenn ich schrie, hörte mich denn aus der Engel Ordnungen?“, schrieb der Dichter in seinen „Duineser Elegien“ 1923. Ein Jahrhundert später stellt die britisch-türkische Schriftstellerin diese Frage erneut, angepasst an ihre Weltanschauung: „Wer, wenn ich schrie, hörte mich denn aus der Menschen Ordnungen?“

Denn viele, schreibt Shafak in ihrem soeben erschienenen Plädoyer „Hört einander zu!“, meinen auch heute, nicht gehört zu werden. Und das, obwohl die sozialen Medien doch eigentlich jeden gleichberechtigt zu Wort kommen lassen wollten. Auf knapp 100 Seiten plädiert die Autorin eindringlich dafür, dass „Gehört werden wollen eine untrennbare Einheit mit dem Zuhören bildet“. Der Optimismus, der die Welt nach 1989 trug und die Hoffnung, die Tech-Fans in die demokratische Kraft des Internets setzten, sind in Zeiten der rechten Populisten und der Pandemie verpufft.

Was, fragt sich Shafak, denkt wohl das ägyptische Mädchen, das bei seiner Geburt am Beginn des Arabischen Frühlings 2011 von den Eltern „Facebook“ genannt wurde, heute über seinen Namen? „Sobald wir aufhören, uns andere Meinungen anzuhören, lernen wir auch nichts mehr. Denn die Begegnung mit dem immer Gleichen, Monotonen, erweitert kaum den Horizont.“ In kurzen Kapiteln diskutiert Shafak Begriffe wie „Zugehörigkeit“: „Im Gegensatz zu dem, was Demagogen behaupten, ist Zugehörigkeit keine in die Haut tätowierte Identität, sondern ständige Selbsterforschung.“

Elif Shafak hat in ihren Romanen seit Jahren jenen eine Stimme gegeben, die sonst wenig bis nie gehört werden. Im „Bastard von Istanbul“ (2006) ging es um den Genozid an den Armeniern kurz vor dem Ende des Osmanischen Reichs 1915. Der ­Roman „Architekt des Sultans“ erzählt von Jahan, einem Elefantenführer. In „10 Minuten, 38 Sekunden in dieser seltsamen Welt“, Shafaks jüngstem, noch nicht auf Deutsch erschienenem Buch, zeigt die Autorin die Welt der Huren in Istanbul.

In der Türkei ist Shafak, 1971 in Straßburg als Elif Bilgin geboren (der Künstlername Shafak, türkisch für „Morgenröte“, ist der Vorname ihrer Mutter), eine von vielen Leserinnen geliebte, aber vom Staat nicht unbedingt geschätzte Schriftstellerin. Sie schreibt nicht nur literarisch über Themen, die dem Regime von Recep Tayyip Erdoğan nicht zusagen. Shafak hat einen Doktortitel in Politologie, ist ein Honorary Fellow an der Universität Oxford und ist mit ihren politischen Essays, TED-Talks, Interviews und Auftritten als Public Intellectual ­zwischen Istanbul und London kaum mehr zu überhören. Als Europäerin und Feministin spricht sie sich für Meinungsfreiheit, Frauen- und Minderheitenrechte aus. Diese sind nicht nur in ihrer ersten Heimat, der Türkei, bedroht. Auch im Westen sieht sie bedrückende Tendenzen.

Die Krise der liberalen Demokratie, die Krise der westlichen Zivilisation flöße den Menschen Angst ein, konstatiert die Autorin: „Wir haben guten Grund, niedergeschlagen zu sein. Die Anerkennung der ­dunklen Seite unserer Gefühle ist allerdings erst der Anfang.“ Shafak fordert, Gefühle anzuerkennen und sie in etwas Konstruktives umzuwandeln.

Noch mehr als für die Angst gilt das in ihren Augen für die Wut. Geschrieben hat Shafak ihr Plädoyer in den Monaten nach dem Mord an George Floyd und den darauf folgenden „Black Lives Matter“-Protesten. Shafak zitiert eine weibliche Figur in John Steinbecks „Früchte des Zorns“, die da sagt: „Ich bin nur noch von Haut überzogener Schmerz.“ Diesen Schmerz sieht sie auch bei jenen, die protestieren. Und sie fordert die gleiche Wut von allen in Solidarität ein, denn „sie ist der Gegenpol zur Gleichgültigkeit“.

Die Wut der Verletzten in eine ­positive Kraft zu verwandeln, ist für die Autorin deshalb so zentral, weil „Wut leicht […] ­unversöhnlich [...] werden kann. Und sie kann lähmen.“

So ist ihr Plädoyer in Wahrheit ein Handbuch, wie man mit Identitätspolitik umgeht: „Engagiert und zugleich bei Verstand bleiben.“F

Carsten Fastner in Falter 15/2021 vom 16.04.2021 (S. 23)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783036958446
Ausgabe 3. Auflage, neue Ausgabe
Erscheinungsdatum 16.03.2021
Umfang 96 Seiten
Genre Sachbücher/Politik, Gesellschaft, Wirtschaft
Format Hardcover
Verlag Kein & Aber
Übersetzung Michaela Grabinger
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