Inside Story

Ein Roman
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Kurzbeschreibung des Verlags:

Auslöser für Martin Amis’ bisher persönlichstes Werk war der Tod seines engsten Freundes Christopher Hitchens. Aus der tiefen und weitreichenden Freundschaft der beiden Schriftsteller entfaltet sich dieser autobiografische Roman. Christopher Hitchens war Martin Amis’ Mitstreiter und Berater, seit ihren Anfängen in London bis hin zu den Jahren des Literatur- Klatsches, der romantischen Verwicklungen und beunruhigenden Obsessionen. Während Inside Story auch anderen wichtigen Personen in Amis’ Leben nachspürt – darunter seinem Vater Kingsley Amis, seinem Idol Saul Bellow und dem Dichter Philip Larkin –, widmet sich die Geschichte zärtlich und humorvoll den schwierigsten Fragen: Wie lebt, wie trauert und wie stirbt man? Das Ergebnis ist ein Liebesbrief an das Leben, der Einblicke in die außergewöhnliche Welt des Schriftstellers eröffnet.

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FALTER-Rezension

TOO MUCH INFORMATION!

Der Begriff "Autofiktion" ist momentan in aller Munde -jedenfalls all jener, die sich beruflich mit Literatur befassen. Grund dafür ist die anhaltende Konjunktur von Werken, in denen Autorinnen und Autoren wie der norwegische Trendsetter Karl Ove Knausgård, die aktuelle Literaturnobelpreisträgerin Annie Ernaux oder die wiederentdeckte Dänin Tove Ditlevsen die eigene Biografie literarisch ausbeuten.
Zuletzt hat der Österreicher Arno Geiger das Genre mit "Das glückliche Geheimnis" bereichert, zugleich aber in einem Interview bekannt, dass er mit dem Begriff der Autofiktion nicht viel anzufangen wisse. Also gut, hier eine schlichte, für unsere Zwecke aber vollkommen ausreichende Definition: Autofiktion ist, wenn Autor und Erzähler/Protagonist offenkundig miteinander identisch sind.

So wie im jüngsten "Roman" des Briten Martin Amis. Er selbst versieht diesen mit der im anglo-amerikanischen Raum geläufigen Genrebezeichnung des "Life Writing". Über zehn Jahre nach einem ersten, missglückten Anlauf ist "Inside Story. A Novel" 2020 im englischen Original doch noch erschienen, nun liegt die deutsche Übersetzung vor.

Ob der 73-Jährige damit nun -frei nach Samuel Beckett -"besser gescheitert" ist, lässt sich in Unkenntnis des Erstversuchs nicht beurteilen. Ein Verhau ist "Inside Story" allemal.

Glanz und Elend der Autofiktion bemessen sich daran, inwiefern der Autor dem Erlebten eine Form zu verleihen und dadurch den Eindruck von Authentizität überhaupt erst herzustellen vermag. Definitiv keine Option ist blindes Vertrauen darauf, dass sich das aufgrund der inhärenten Wahrhaftigkeit gleichsam von alleine ergeben würde.

Amis, der nicht nur ein höchst belesener und gebildeter, sondern auch alles andere als naiver Autor ist, weiß das natürlich. "Das Dumme am Life Writing" bestünde eben, wie es eingangs heißt, darin, dass das Leben "formlos" und "nicht kohärent" sei: "In künstlerischer Hinsicht ist es tot. Das Leben ist tot."

Wäre Amis den eigenen Einsichten gefolgt, hätte er diese paradoxe und zudem peinlich-pathetische Pointe ausgelassen: In Kapiteln, deren Überschrift "Wie man schreibt" in der deutschen Übersetzung (und nur dort) zum Untertitel des "Romans" avanciert ist, erteilt er seiner immer wieder launig adressierten Leserschaft auch Schreibunterricht.

In diesen Einschüben ermahnt er seine zwangsvergatterten Schülerinnen und Schüler, sich auf das eigene "geistige Ohr" zu verlassen, keine abgegriffene Wendungen à la "eye-popping" oder "jaw-dropping" zu gebrauchen und der "Leidenschaft für schicke Wörter" zu entraten.

Er selbst wirft freilich mit Nomen wie "Arbitrageur","Formikation","Lakune" und "Rekusanz" um sich, erlebt einen "Augenblick klimaktischer Kinese", als das zweite Flugzeug ins World Trade Center knallt, und gerät am selben Tag vor einer ampelgeregelten Kreuzung schwer ins Sinnieren: "Von da am Bordstein, wo ich stand, wirkte es eigenwillig literalistisch, fast schnurrig putzig, das Diktat von Limone, Gold und Rose zu befolgen."

Formen aparter Farbsehschwäche sind freilich nicht das einzige Thema, das Amis beherzt aufgreift. Daneben geht es in "Inside Story" auch noch um Israel und die Palästina-Frage, Trumpismus und Islamismus, Faschismus und Stalinismus, Dichtung und Wahrheit, Sexualität und Sterben, Leben und Tod.

Zusammengehalten wird dieser üppige Strauß an ewigen Themen und politischen Problemen durch die Einheit der Person: Alles, was Martin Amis erlebt und bewegt hat oder diesem irgendwann durch die Rübe gerauscht ist, ist es auch wert, festgehalten und niedergeschrieben zu werden - wenn auch nicht unbedingt in chronologischer oder sonst wie nachvollziehbarer Reihenfolge.

Autoren, die so berühmt sind wie Martin Amis, Sohn des (seinerzeit) ebenfalls ziemlich berühmten Schriftstellers Kingsley Amis, haben naturgemäß auch viele berühmte Bekannte und Freunde. So bevölkern das Buch etwa Saul (Bellow), Philip (Roth), Salman (Rushdie), Ian (McEwan), Martin Amis' bester Freund "The Hitch" (der linke Publizist Christopher Hitchens) sowie Philip (Larkin), ein bedeutender britische Lyriker und enger Freund des Herrn Papa.

Und schließlich ist da noch Phoebe Phelps, die irrlichternd irre und erotisch hochinfektiöse, um 14 Jahre ältere Geliebte, mit der Amis als Twentysomething eine Amour fou erlebt hat, deren toxisch-manipulative Energie ihn aber bis ins neue Millennium beschäftigen wird.

Schamlosigkeit ist eine Produktivkraft der Literatur: Schriftstellerinnen und Schriftsteller überschreiten Grenzen und machen dort weiter, wo sich andere durch Regeln des Anstands und der Diskretion zum Schweigen verpflichtet fühlen. Während der Schlüsselroman noch ein Feigenblatt der Fiktion vor die Genitalien seiner Protagonisten hängt, verzichtet "Inside Story" auf diese vielfach nur feige und verlogene Geste und nennt alle und alles beim Namen.

Ob man das nun goutiert, lässt sich aber nicht als bloße Frage der Etikette und damit ästhetikfremdes Kriterium abtun -erst recht nicht beim "Life Writing". Die Frage, was überhaupt wie erzählt werden kann und darf, ist unhintergehbar; eine künstlerische Entscheidung zeitigt moralische Konsequenzen und vice versa.

Für seinen unsäglichen Holocaust-Porno "Interessengebiet" (2014) hat das deutsche Feuilleton Amis filetiert, worüber er sich in "Inside Story" auch bitter beklagt. Das neue Werk hinterlässt ebenfalls einen unangenehmen Beigeschmack.

Pietätlos erscheint daran weniger die Beschreibung von Siechtum und Sterben (zweimal Krebs, einmal Alzheimer), das Amis am Beispiel von Larkin, Hitchens und Bellow abhandelt. Vielmehr stört der Mangel an Form und Fokussiertheit, mit dem das, was sich noch am ehesten als thematisches Gravitationszentrum ausmachen ließe, bedacht wird.

Klaus Nüchtern in Falter 3/2023 vom 20.01.2023 (S. 35)

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Produktdetails
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ISBN 9783036958835
Ausgabe 1. Auflage
Erscheinungsdatum 02.12.2022
Umfang 656 Seiten
Genre Belletristik/Romanhafte Biografien
Format Hardcover
Verlag Kein & Aber
Übersetzung Eike Schönfeld